14.01.2016, 05:30 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Interview mit Islamwissenschaftler Osnabrücker Professor kritisiert Machokultur im Orient


Osnabrück. Im Interview spricht der Osnabrücker Islamwissenschaftler Bülent Uçar über den Zusammenhang zwischen Islam, Sexismus und Gewalt. Der Direktor des Instituts für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück kritisiert eine verbreitete Machokultur im Orient, aber auch eine undifferenzierte öffentliche Debatte. An der Universität beginnt heute eine internationale Tagung zum Thema Islamfeindlichkeit.

Muss ich nach den Straftaten in der Kölner Silvesternacht Angst haben, wenn ich als Frau mit Minirock einem Muslim begegne?

Ich hoffe nicht. Aber wenn man sich die mediale Fokussierung auf dieses Thema anschaut, dann wird in der Tat suggeriert, dass jeder muslimische Mann und alle Flüchtlinge Menschen sind, die potenziell Frauen herabwürdigen. Ich glaube allerdings, dass wir es hier mit einer Verzerrung der Realität zu tun haben.

Haben Islam und Sexismus also gar nichts miteinander zu tun?

Das nicht. Der Islam hat natürlich eigene moralische Vorstellungen in Bezug auf Geschlechter und Sexualität. Aber der Islam fordert von keinem Mann, dass er Frauen belästigen oder sexistisch anmachen soll. Das Verhalten dieser alkoholisierten Banden hat nichts mit dem Islam zu tun. Das ist so, als ob man die Gewaltexzesse von irgendwelchen Nazis auf die Aufklärung beziehen würde. Das Ganze hat allenfalls mittelbar miteinander zu tun.

Was bedeutet mittelbar?

Im Islam sind voreheliche Beziehungen – wie auch in anderen monotheistischen Religionen – nicht zulässig. Und wir haben es bei den Flüchtlingen vor allem mit jungen Männern zu tun, die getrennt von ihren Familien und Frauen sind. Hier bei uns sind sie auf sich allein gestellt und haben zunächst keinen echten Kontakt zur deutschen Gesellschaft. Damit haben sie auch wenig Möglichkeiten, Frauen kennenzulernen. Das führt möglicherweise beim ein oder anderen zu einer Frusthaltung und entlädt sich in solchen Exzessen.

Hat der Islam keinen Einfluss auf die Moralvorstellung solcher Täter?

Wenn der Islam einen Einfluss auf die Moralvorstellung solcher Täter hätte, dann dürften sie weder Alkohol trinken zu Silvester noch Frauen begrapschen. Beide Handlungen sind gleichermaßen verboten im Islam. Es ist meines Erachtens eher ein Problem der verbreiteten Machokultur im Orient.

Am Dienstag wurden bei einem Selbstmordattentat in Istanbul viele Deutsche getötet. Inwieweit besteht ein Zusammenhang zwischen Gewalt und Islam?

Diese Selbstmordattentate, mit denen wir es in den letzten Jahrzehnten zunehmend zu tun hatten, sind ein Produkt des Traditionsbruchs und eine Erscheinung der Moderne. Die klassischen Gelehrten haben Selbstmord in jeder Form abgelehnt. Aus islamischen Quellen ist das nicht abzuleiten. Selbstmordattentäter haben ein anderes politisiertes und in diesem Kontext rationalisiertes Islamverständnis. Sie sagen, dass sie sich in einer Kriegssituation befinden und keine andere Waffe hätten, als sich in die Luft zu sprengen. Mit diesem Thema müssen wir uns theologisch und gesellschaftspolitisch intensiver auseinandersetzen.

Im Christentum wird Selbstmord als Todsünde gesehen, im Islam wird bei einem Selbstmordattentat mit 72 Jungfrauen geworben. Gibt es da keinen Zusammenhang mit der Religion?

Im Islam ist das nicht anders. Diejenigen, die Selbstmordanschläge legitimieren, sind Leute vom IS, bestimmte salafistische Gruppen sowie Anhänger eines politisierten Islamverständnisses, die partiell nihilistische Züge haben. Das lässt sich aber in dieser Form nicht auf die islamische Gelehrsamkeit oder die Tradition zurückführen.

Was bedeuten Attentate und Vorfälle wie in Köln für das Islambild in Deutschland?

Der Islam hat ein großes Imageproblem. 84 Prozent aller Deutschen verbinden mit dem Islam Frauenfeindlichkeit. Mehr als die Hälfte der Menschen empfinden den Islam als bedrohlich. Häufig wird das auf den 11. September zurückgeführt. Aber Studien belegen, dass es bereits vorher in Deutschland ähnlich war. Es gibt festgefahrene Positionen und Haltungen in der Bevölkerung in Bezug auf den Islam, die von Angst und einem Gefühl der Unsicherheit und Irritation geprägt sind. Bestimmte politische Bewegungen am rechten Rand versuchen, sich das zunutze zu machen. Deswegen ist es wichtig, dass besonnene muslimische Stimmen stärker in den Medien präsent sind. Ansonsten würde die Theorie des „Clash of Civilizations“ [Kampf der Kulturen, Anm. d. Red.] zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Den öffentlichen Diskurs darf man nicht den Rändern überlassen.

Inwieweit werden in der Öffentlichkeit Religion und Kulturen vermischt?

Nicht nur Religion und Kultur – auch Politik, Wirtschaft und viele andere Bereiche. Natürlich gibt es ein Beziehungsgeflecht zwischen diesen Ebenen. Aber häufig beobachte ich, dass die Ebenen durcheinandergebracht werden. Hier müssen alle Beteiligten viel stärker differenzieren lernen. Das kann man von einer aufgeklärten Gesellschaft erwarten. Ich kenne nur ganz wenige Muslime, die sich zum Islam bekennen als einer Religion der Gewalt, des Fanatismus und der Frauenfeindlichkeit.

Thema der Tagung an der Uni Osnabrück ist Islamfeindlichkeit. Was ist das?

Jede Form der gruppenspezifischen Abwertung, Herabwürdigung und Ausgrenzung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer Glaubensüberzeugung. Dass man den Islam kritisiert, ist legitim und in Ordnung. Aber wenn das dazu führt, dass ganze Bevölkerungsgruppen herabgewürdigt und diffamiert werden, ist das für mich antimuslimischer Rassismus und Volksverhetzung. Die Ausländerfeindlichkeit und „Türken raus“-Rhetorik der 1980er- und 90er-Jahre hat sich heute in eine antimuslimische Grundhaltung gewandelt.

Sie sagten, eine aufgeklärte Gesellschaft sollte in der Lage sein zu differenzieren. Die Diskussion in den sozialen Netzwerken nach Köln lassen nicht gerade auf diese Fähigkeit schließen. Was kann man dagegen tun?

In der Demokratie haben wir als einzige Option die Kraft des Arguments. Aufklärung ist das Stichwort. Die Betreiber der sozialen Medien müssen sich die Frage stellen, ob sie rassistische Gedanken unter Meinungsfreiheit laufen lassen. Und Fernsehen und Zeitungen müssen verantwortungsbewusst berichten. Das bedeutet nicht, dass man Problemfälle verschweigt, sondern besonnen und hartnäckig differenziert. Gleiches gilt für Bildungseinrichtungen wie Schulen oder Universitäten. Die breite Mitte der deutschen Gesellschaft ist nicht antimuslimisch. Sie ist vor allem besorgt und verängstigt. Und das ist aufgrund der einseitigen Medienberichterstattung absolut nachvollziehbar.


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