08.01.2016, 15:09 Uhr

Forschungsprojekt sucht Wege Dorfleben 2.0: Das Älterwerden im Digitalzeitalter

„Dorfgemeinschaft 2.0“ - wie funktioniert das Altwerden auf dem Land? Die Technik soll künftig helfen. Foto: Franz Frieling„Dorfgemeinschaft 2.0“ - wie funktioniert das Altwerden auf dem Land? Die Technik soll künftig helfen. Foto: Franz Frieling

Osnabrück. Tief im Westen von Niedersachsen wird in einer Art riesigem Feldversuch erforscht, wie das Dorfleben der Zukunft aussehen könnte. „Dorfgemeinschaft 2.0“ nennt sich das Projekt. In spätestens fünf Jahren soll die passende Infrastruktur für eine alternde Gesellschaft gefunden sein. Real wie digital.

  • Das Durchschnittsalter der Menschen in der Region Weser-Ems stieg in 15 Jahren von 39,4 auf 43,3 Jahre
  • Die Zahl der Pflegegeldempfänger liegt bereits jetzt bei 50.000 Menschen
  • Wenn die Gesellschaft immer älter wird, wie sollen die Alten dann künftig leben? Die wenigsten wollen ins Altersheim
  • Ein Forschungsprojekt im südlichen Emsland und der Grafschaft Bentheim forscht mit fünf Millionen Euro Fördermitteln am Dorfleben 2.0

Die Krankenakte von Emma Meyer ist lang: Die 83-jährige Witwe leidet an Diabetes, hat Herzprobleme, und die Gelenke wollen auch nicht mehr so. Hinzu kommt eine beginnende Demenz. Nach einem Sturz lag sie schon einmal vier Stunden hilflos in ihrer Wohnung, bis sie ein Nachbar eher zufällig fand. Wie die allermeisten Deutschen will auch die alte Dame ihren letzten Lebensabschnitt in den eigenen vier Wänden verbringen, wenn möglich sogar in ihrem Heimatdorf sterben. Doch wie soll das gehen, wenn die Kinder weit weg wohnen und selbst die alltäglichen Dinge zur großen Herausforderung werden? Oder anders gefragt: Ist die Endstation Altersheim alternativlos?

Emma Meyer ist frei erfunden, doch die Probleme und die Sorgen sind real und stellen sich täglich. Im Westen Niedersachsens, in der Grafschaft Bentheim und dem südlichen Emsland, wird jetzt nach Antworten gesucht. „Dorfgemeinschaft 2.0“ nennt sich das Projekt, das aufzeigen will, wie sich die alternde Gesellschaft und das Landleben in Einklang bringen lassen können. (Weiterlesen: Dorfgemeinschaft 2.0 sieht sich gut aufgestellt)

„Das müssen wir hier schon vor Ort machen“

Projektleiter ist Thomas Nerlinger – Geschäftsführer des Vereins Gesundheitsregion Euregio. Emma Meyer dient ihm als Fallbeispiel. Er sieht sich und seine Mitstreiter als Pioniere. Im November ist das Projekt gestartet, Ende 2020 läuft es aus. Fünf Millionen Euro Fördermittel lässt das Bundesforschungsministerium dafür springen. Uni und Hochschule Osnabrück sind beteiligt, genauso wie weitere Unternehmen aus der Region. „Lösungen für den ländlichen Raum werden nicht in Berlin oder München gefunden. Das müssen wir hier schon vor Ort machen“, sagt Ingmar Ickerott. Am Campus Lingen der Hochschule Osnabrück unterrichtet der Professor Betriebswirtschaftslehre. „Uns stehen fünf Millionen Euro zur Verfügung. Damit kann man richtig etwas reißen.“

Zahl der Erwerbstätigen steigt

Ein Blick auf die Ausgangslage: West-Niedersachsen ist bislang vom demografischen Wandel weitgehend verschont geblieben. Während andernorts ganze Landstriche entvölkern, weil die Jungen wegziehen und die Alten sterben, gelten in der Region andere Vorzeichen. Erst kürzlich rechnete das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut vor, dass die Zahl der Erwerbstätigen im Raum Weser-Ems bis 2030 deutlich zunehmen wird – ausgenommen Ostfriesland.

Durchschnittsalter steigt

Also alles gut? Nein, denn auch zwischen Nordseeküste und Teutoburger Wald werden Menschen immer älter. In den vergangenen 15 Jahren stieg das Durchschnittsalter der Bevölkerung von 39,4 auf 43,3 Jahre. Ein Trend, der sich nach allen vorliegenden Erkenntnissen weiter fortsetzen wird. Und wohin mit den Alten? 514 Pflegeheime stehen im Raum Weser-Ems zur Auswahl, mit 89 die meisten im Landkreis Osnabrück. gefolgt vom Emsland mit 59 Einrichtungen.

Doch genau dies sind Orte, in denen die meisten ihren Lebensabend nicht verbringen wollen. Das hat eine Umfrage des Dorfgemeinschaft-Projektteams unter 10.000 Menschen in der Region ergeben. „Die Antwort darauf, wo man im Alter leben will, war eindeutig: Auf dem Land“, fasst Thomas Nerlinger zusammen. Und zwar möglichst in den eigenen vier Wänden. Als wichtigster Faktor wurde dabei die Nachbarschaft benannt. (Weiterlesen: Jeder Zweite stirbt im Krankenhaus - Region über Bundesschnitt)

50.000 Pflegegeld-Empfänger in Weser-Ems

Bereits jetzt leben im Raum aber 50.000 Menschen, die Pflegegeld erhalten. Wie das Fallbeispiel Emma Meyer brauchen sie also zumindest Hilfe, um den Alltag weiter im gewohnten Umfeld bestreiten zu können. Steigt das Durchschnittsalter im Nordwesten weiter, nimmt zwangsläufig auch die Zahl der Pflegegeldempfänger weiter zu.

Dorfladen, rollende Arztpraxis, Anrufbus

Es sind viele Ideen, die zusammengenommen das Dorfleben von morgen gestalten sollen. Digitale und reale Welt verschmelzen. Nerlinger nennt als Beispiele den Dorfladen, die rollende Arztpraxis oder den Anrufbus. Dinge also, die es so oder so ähnlich bereits gibt, mit einer besseren Vernetzung aber effektiver eingesetzt werden könnten. Die Hauptrolle spielt dabei also die Technik. Professor Ickerott hat viele Ideen für Apps, kleine Programme für das Handy, die eine möglichst große Wirkung entfalten sollen. So könnten Einkäufe innerhalb der Nachbarschaft koordiniert werden. Der mobile Nachbar spielt quasi auf Knopfdruck Lieferdienst für den immobilen. (Weiterlesen: Apeldorner etabliert Dorfläden im mittleren Emsland)

Auch hier muss das Projektteam nicht von Null anfangen. An der Hochschule ist bereits eine App mit dem Namen „Heldentaten“ programmiert worden und weitgehend einsatzbereit. Pflegende Angehörige sollen sich so miteinander vernetzen, um Absprachen zu erleichtern. Arzttermine können ebenso im Kalender notiert werden wie Erinnerungen an die Medikamentengaben. (Weiterlesen: Hochschule Osnabrück entwickelt App für pflegende Angehörige)

Zwei Dinge stehen dem Projektteam im Weg. Problem eins ist der mangelhafte Breitbandausbau im ländlichen Raum. Allein im Landkreis Emsland sind rund 25.000 von insgesamt etwas über 100.000 Haushalten nicht an das schnelle Internet angeschlossen und damit in weiten Teilen von der Moderne abgeschnitten. Viele der Teilprojekte und Ideen von „Dorfgemeinschaft 2.0“ lassen sich so nur schwerlich umsetzen. (Weiterlesen: 24.923 Haushalte im Emsland ohne Internetanschluss)

Was machen mit den Daten?

Das zweite große Hindernis wäre der Datenschutz. Frank Teuteberg, Professor an der Uni Osnabrück sagt: „Die meisten Nutzer wissen gar nicht, dass ihr Handy über zwölf Sensoren und mehr verfügt. Wir generieren also permanent Daten.“ Und auf diese könnte im Zuge des Projektes zurückgegriffen werden. So könnte das Handy selbstständig Alarm schlagen – etwa Kinder anrufen oder den Notruf wählen – wenn es eine Erschütterung misst, die auf einen Sturz hindeuten lässt.

Den Möglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt. In den USA ist beispielsweise eines dieser intelligenten Armbänder entwickelt worden, das selbstständig mit dem Smartphone kommuniziert. Ist der Träger zur vereinbarten Zeit nicht im Bett oder vergisst er seine Verabredung im Fitnesscenter, begnügt sich das Gerät nicht mit einem mahnenden Piepen. Nein, es straft den Besitzer mit einem Stromschlag ab. Pavlok heißt dieses Instrument – angelehnt an den russischen Forscher Iwan Pawlow, der an Hunden nachweisen konnte, wie sich Verhalten durch den nachhaltigen Einsatz von Reizen verändern lassen kann. Konditionierung nennt sich das. Stromschläge für Oma Emma, wenn sie ihre Tabletten vergessen hat?

Daten gegen Lebensqualität

So weit geht das Projekt Dorfgemeinschaft 2.0 freilich nicht, doch Daten sind von zentraler Bedeutung. Der Deal des Projekts lautet: Daten gegen Lebensqualität. Der Plan sieht eine sogenannte Ethik-Beratung vor, die mit den Senioren besprechen soll, wie weit sie bereit sind, sich auf ihrem letzten Lebensweg überwachen zu lassen. Professor Ickerott spricht in diesem Zusammenhang von „Datenchancen“.

Das Projekt ist gerade erst angelaufen. Dreh- und Angelpunkt ist Nordhorn mit Satelliten in der Samtgemeinde Spelle im Emsland und Neuenhaus, Brandlecht und Ohne in der Grafschaft Bentheim. 25 Menschen sind mit der Suche nach der Pflege von morgen beschäftigt. „Wir betreten absolutes Neuland“, sagt Projektleiter Nerlinger. Vom Erfolg ist er fest überzeugt: „Unser Projekt bietet Alternativen zum Pflegeheim und spart dem Sozialträger damit bares Geld.“


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