24.11.2015, 09:41 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Russischer Jet abgeschossen Gabriel kritisiert Türkei nach Flugzeug-Abschuss


Istanbul/Moskau. Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch das türkische Militär hat Vizekanzler Sigmar Gabriel das Agieren Ankaras in der Syrien-Krise scharf kritisiert. Die Nato berief ein Sondertreffen ein.

Gabriel sagte in Berlin:„Erstmal zeigt der Zwischenfall, dass wir einen Spieler dabei haben, der nach Aussage von verschiedenen Teilen der Region unkalkulierbar ist: Das ist die Türkei und damit nicht die Russen.“ Ein russisches Kampfflugzeug war am Dienstagmorgen im syrisch-türkischen Grenzgebiet durch türkische Streitkräfte abgeschossen worden. Wegen des Zwischenfalls hat die Nato nun ein Sondertreffen anberaumt. Vertreter der Nato-Staaten sind zu einer Sondersitzung zusammengekommen; das Treffen hatte Ankara beantragt. Die Türkei wolle die Verbündeten über den Abschuss informieren, teilte die Bündniszentrale am Dienstag in Brüssel mit.

Russisch-türkische Spannungen belasten den Dax

Die politischen Spannungen zwischen Russland und der Türkei drückten den Dax am Dienstag tief ins Minus. Nach einem Kursrutsch von bis zu 2 Prozent notierte der deutsche Leitindex am Ende 1,43 Prozent im Minus bei 10 933,99 Punkten. Damit rutschte er wieder unter die viel beachtete 200-Tage-Linie, die als Gradmesser für den langfristigen Trend gilt.

Bereits das zweite Nato-Sondertreffen

Die Türkei hatte bereits im Juli nach Terroranschlägen ein Nato-Sondertreffen beantragt. Damals berief sie sich auf Artikel 4 des Nato-Vertrags. Dieser sieht Konsultationen vor, wenn ein Mitglied meint, dass die Unversehrtheit des eigenen Territoriums, die politische Unabhängigkeit oder die eigene Sicherheit bedroht sei. Am Dienstag war von Artikel 4 zunächst keine Rede.

Einen militärischen Zwischenfall hatte es bereits Anfang Oktober gegeben. Damals waren russische Kampfflugzeuge aus Syrien kommend unerlaubt in den türkischen Luftraum eingedrungen. Generalsekretär Jens Stoltenberg hatte damals von einer schwerwiegenden Verletzung gesprochen.

Syrien wirft Türkei Verletzung seines Luftraumes vor

Das Regime in Damaskus hat der Türkei eine Verletzung ihrer Souveränität vorgeworfen. Die Türkei habe über syrischem Boden ein befreundetes russisches Flugzeug abgeschossen, das von einem Einsatz gegen die Terrormiliz Islamischer Staat zurückgekehrt sei, zitierte die staatliche Nachrichtenagentur Sana eine nicht näher genannte Armeequelle. Der russische Außenminister Sergej Lawrow sagte seinen Besuch in der Türkei ab. Er wollte an diesem Mittwoch das Land besuchen. Lawrow riet seinen Landsleuten, die Türkei derzeit nicht zu besuchen. Die Terrorbedrohung in der Türkei sei nicht geringer als in Ägypten, argumentierte der Außenminister in Sotschi. Russlands Unterstützung für die syrische Regierung belastet das Verhältnis zwischen Moskau und Ankara. Die Türkei ist ein ausgesprochener Gegner des syrischen Machthabers Baschar al-Assad. Die russische Luftwaffe unterstützt mit ihren Angriffen die syrische Führung.

Tusk: Alle sollten einen kühlen Kopf bewahren

Die EU rief zur Besonnenheit auf. „In diesem gefährlichen Augenblick nach Abschuss des russischen Jets sollten alle einen kühlen Kopf bewahren und ruhigbleiben“, erklärte EU-Ratspräsident Donald Tusk am Dienstag auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Der liberalkonservative Pole hatte erst zu Wochenbeginn einen Sondergipfel mit der Türkei für diesen Sonntag einberufen. Dabei soll es vor allem um die Hilfe für Flüchtlinge in dem EU-Kandidatenland gehen.

Kampfjets ignorierten mehrere Warnungen

Die türkischen Streitkräfte hatten am Dienstagmorgen mitgeteilt, ein Flugzeug unbekannter Herkunft habe den türkischen Luftraum verletzt und innerhalb von fünf Minuten zehn Warnungen ignoriert. Zwei türkische F16-Kampfflugzeuge hätten den fremden Jet den Einsatzregeln entsprechend am Morgen in der Grenzregion Hatay abgeschossen.

Moskau: Flugzeug vom Boden aus abgeschossen

Der Darstellung der Türken, wonach der Jet türkischen Luftraum verletzt habe, widersprach jedoch das Ministerium in Moskau. Nachweislich sei das Flugzeug die ganze Zeit über syrisches Territorium geflogen. Nach russischer Darstellung wurde das Flugzeug vom Boden aus abgeschossen. Die Agentur Interfax berichtete mit Verweis auf das russische Verteidigungsministerium, dass es sich um eine Maschine vom Typ Suchoi Su-24 handle. Es ist der erste offiziell bestätigte Verlust der russischen Streitkräfte seit Beginn ihrer Intervention im syrischen Bürgerkrieg Ende September.

Video vom Absturz

Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu zeigte ein Video vom Moment des Absturzes. Darauf ist zu sehen, wie ein brennendes Kampfflugzeug zur Erde stürzt. Der Sender CNN Türk berichtete, das Flugzeug sei auf der syrischen Seite etwa fünf Kilometer von der Grenze entfernt abgestürzt. Laut dem Bericht hätten sich beide Piloten mit Schleudersitzen retten können.

Einen Kommentar zum Abschuss des russischen Kampfjets finden Sie hier.

Pilot von Turkmenen gefangen genommen?

Zuvor hatte es geheißen, ein Pilot sei von syrischen Turkmenen gefangen genommen worden. Auch aus der moderaten Freien Syrischen Armee (FSA) nahestehenden Kreisen hieß es, einer der Piloten sei gefangen genommen worden. Aktivisten teilten mit, der zweite Pilot sei ums Leben gekommen.

In der Region kämpfen radikale und moderate Rebellen gegen Anhänger des Regimes. Dazu gehört neben Kämpfern der ethnischen Minderheit der Turkmenen auch die Al-Nusra-Front, der syrische Ableger des Terrornetzes Al-Kaida.

(Weiterlesen: Zwischenfälle an der syrisch-türkischen Grenze)

Ankara: Luftangriffe treffen Zivilisten

Das türkische Außenministerium hatte wegen russischer Luftangriffe auf turkmenische Rebellen in Syrien erst am vergangenen Freitag den russischen Botschafter in Ankara einbestellt. Aus Sicht des Ministeriums treffen die Russen mit ihren Luftschlägen nicht Terroristen, sondern Zivilisten. Die Türkei unterstützt die turkmenischen Rebellen, die gegen Assad kämpfen. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hatte am Montag betont, die Armee werde auf Grenzverletzungen aus Syrien sofort reagieren.

Dem Verteidigungsministerium in Moskau zufolge wurden zudem drei russische Kriegsreporter bei Beschuss in Syrien verletzt. Die Journalisten hätten an vorderster Front die syrische Armee bei ihrer Offensive gegen Rebellen begleitet, meldete Interfax.

Quelle: Anadolu Post


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