07.11.2015, 14:00 Uhr

Syrien, Afghanistan, Jemen Fluchtursache Krieg: Die Angst vor Bomben und Terror

Jemenitische Regierungssoldaten zielen auf ihre Feinde. Krieg treibt weltweit Millionen Menschen in die Flucht. Foto: ReutersJemenitische Regierungssoldaten zielen auf ihre Feinde. Krieg treibt weltweit Millionen Menschen in die Flucht. Foto: Reuters

Osnabrück. Krieg und Terror sind die Hauptursachen für Flucht. Doch Konflikte wie der in Syrien sind so verworren, dass eine Lösung bislang nicht in Sicht ist. Gibt es angesichts des Chaos in der Welt überhaupt Chancen auf Frieden?

Von Matthias Beermann

Der Krieg in Syrien hat die weltweit größte Fluchtbewegung seit dem Völkermord in Ruanda vor 20 Jahren ausgelöst. Von den 21 Millionen Syrern sind fast zwölf Millionen auf der Flucht, die meisten innerhalb des Landes. Aber schon jetzt haben fast 4,3 Millionen Menschen Zuflucht in den Nachbarländern gesucht, vor allem in der Türkei, im Libanon und in Jordanien.

Weiterlesen: Die wichtigsten Fluchtursachen – und was man dagegen tun kann

Weil Friede nach viereinhalb Jahren Blutvergießen und mehr als einer Viertelmillion Toten immer noch nicht in Sicht ist, weil neben Diktator Baschar al-Assad nun auch die Terrormiliz IS das Land verwüstet und russische Bomben fallen, verlieren immer mehr Menschen in den Flüchtlingscamps ihre ursprüngliche Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in ihre Heimat und machen sich auf den Weg nach Europa.

Hoffnung in Libyen und im Südsudan

Gewalt lässt sich durchaus stoppen. In Libyen, wo sich nach dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi zwei verfeindete Fraktionen bekriegen, und auch im Südsudan, wo eine ganz ähnliche Lage herrscht, gibt es aufgrund internationaler Vermittlung inzwischen begründete Hoffnung auf eine Beilegung des Konflikts.

Syrien dagegen bleibt der Albtraum der Diplomaten. Ein Ende des Blutvergießens ist nicht in Sicht – vor allem, weil es längst keine klaren Fronten mehr gibt. Die von den sunnitischen Golfscheichtümern unterstützten syrischen Rebellen wollen Assad stürzen, der wiederum vom schiitischen Iran (und seiner Hilfstruppe Hisbollah) sowie von Russland verteidigt wird, die den Diktator für ihre jeweiligen Pläne brauchen.

Wie die UN versagen

Zugleich fliegt eine internationale, von den USA geführte Allianz Luftangriffe gegen die Terror-Miliz IS, die wiederum auf den Trümmern aller Staaten der Region ihr „Kalifat“ errichten will. Es ist ein verworrener Stellvertreterkrieg mit teils wechselnden Allianzen und einander diametral widersprechenden Interessen.

Würden die UN die ihr zugedachte Rolle spielen, wäre alles ganz einfach: Russland und Iran würden ihre militärische Unterstützung für Assad einstellen, der Westen und die Golfstaaten würden Geld- und Waffenlieferungen an die Rebellen stoppen, eine Blauhelmtruppe übernähme wenigstens vorübergehend die Kontrolle in Syrien, es würde Wahlen geben und eine neue Regierung, Assad würde an ein Kriegsverbrechertribunal überstellt.

Diplomatische Großoffensive

Aber das ist nicht die Realität. Immerhin haben sich in einer diplomatischen Großoffensive unlängst in Wien 19 Außenminister versammelt, um gemeinsam um einen Ausweg aus der syrischen Tragödie zu finden. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel nutzte kürzlich ihren China-Besuch, um Peking für eine aktivere Mitwirkung bei der Suche nach einer Lösung zu gewinnen.

Denn klar ist: Nur wenn die jeweiligen Verbündeten Druck auf die Kriegsparteien machen, besteht überhaupt Hoffnung auf ein Ende der Kämpfe. Und damit wäre auch erst Teil der Bedingungen erfüllt, um die Menschen zur Rückkehr in ihrer Heimat zu bewegen.

Staatlicher Zerfall droht

Eine weitere wichtige Voraussetzung wäre ein Fortbestehen des syrischen Staats in seinen bisherigen Grenzen. Eine vom Iran offenbar inzwischen favorisierte Aufteilung, wobei dem Assad-Regime ein Rumpfreich bliebe, das sich vom Mittelmeer bis nach Damaskus zöge, könnte den staatlichen Zerfall der gesamten Region einleiten, dem IS neue Spielräume eröffnen und neue Fluchtwellen einleiten.

Grundsätzlich wirft die syrische Tragödie die Frage auf, wie es um Europas Bereitschaft zur politischen, notfalls auch militärischen Intervention bestellt ist. Wichtig wäre in jedem Fall, dass die Lösung internationaler Konflikte in Deutschland und in Europa künftig einen sehr viel höheren politischen Stellenwert bekommt.

Zu lange tatenlos zugesehen

Der Eskalation in Syrien hat der Westen zu lange praktisch tatenlos zugesehen; die Lage in Afghanistan hat man sich schöngeredet , um einen offensichtlich verfrühten Truppenabzug zu rechtfertigen. Und nun tobt im Jemen schon der nächste Krieg, vor dem ebenfalls Menschen zu uns flüchten werden.

In der deutschen Öffentlichkeit gab es breite Unterstützung bisher nur für wohlgemeinte Entwicklungspolitik oder humanitäre Nothilfe. Langfristige Krisenprävention bleibt sicherlich die Priorität. Aber nicht immer wird sie greifen. Und dann wird man vielleicht auch offener über robustes Eingreifen diskutieren müssen, wenn es darum geht, die nächsten Fluchtwellen zu verhindern.


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