02.11.2015, 09:23 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Erste Opfer werden identifiziert Russland rätselt über Flugzeugabsturz


Moskau. Die Führung in Moskau holt die ersten Toten der Flugzeugkatastrophe nach Hause. Mit Hochdruck suchen Experten nach der Ursache für den Absturz in Ägypten. War es defekte Technik - oder doch ein Anschlag?

Nach dem Absturz einer Passagiermaschine in Ägypten hat die russische Fluggesellschaft eine technische Störung und einen Pilotenfehler «völlig ausgeschlossen». Die Katastrophe mit 224 Toten sei durch «mechanische Einwirkung» erfolgt, sagte Kolavia-Vizechef Alexander Smirnow.

Smirnow ließ offen, ob es sich um einen Terroranschlag gehandelt haben könnte. «Es kann alles gewesen sein», meinte er. Der Absturz des Airbus A-321 voller Urlauber auf dem Weg von Scharm el Scheich nach St. Petersburg ist das schwerste Unglück in der Geschichte der russischen Luftfahrt.

Auf einem streng abgeschirmten Areal der Gerichtsmedizin in St. Petersburg begann unterdessen die Identifizierung der Opfer. Ein erstes Flugzeug des russischen Katastrophenschutzes brachte die sterblichen Überreste von etwa 140 Passagieren aus Kairo in die nordrussische Stadt.

Mit Spezialtransportern wurden die Leichen zur Forensik gefahren. Die Überreste werden mit Hilfe von DNA-Proben identifiziert und dann den Hinterbliebenen übergeben. «Psychiater werden anwesend sein», sagte Vizegouverneur Igor Albin. Ein zweites Flugzeug vom Typ Iljuschin Il-76 sollte am Abend in Kairo losfliegen.

Ermittler aus Ägypten und Russland suchen weiter nach der Ursache der Katastrophe. Einer Moskauer Untersuchungskommission zufolge soll die Maschine noch in der Luft zerbrochen sein. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte am Montag, er schließe keine Version aus - «vom Terrorakt bis zum Unfall». Der Chef des russischen Luftfahrtamtes Alexander Neradko sagte, der Flugschreiber und der Stimmenrekorder (die «black boxes») der Unglücksmaschine würden in Kairo ausgewertet.

Ein Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hatte in einem nicht verifizierbaren Bekennerschreiben behauptet, die Maschine am Samstag über der Sinai-Halbinsel zum Absturz gebracht zu haben. Experten und Regierungsangehörige Russlands und Ägyptens bezeichneten dies aber als unwahrscheinlich oder schlossen einen Anschlag aus. Experten halten es für möglich, dass Russland durch seine Luftangriffe in Syrien stärker ins Visier des IS geraten sein könnte.

Kolavia-Mitarbeiter Viktor Jung sagte, die Gesellschaft schließe einen Fehler der Crew und eine technische Störung aus. Weder Risse noch ein Ausfall der Systeme oder schlechter Treibstoff hätten das Unglück auslösen können. Nach Beginn der Katastrophe konnte die Maschine nicht mehr gesteuert werden. «Sie flog nicht, sie fiel», sagte Jung in Moskau.

Die Crew habe keinen Notruf abgesetzt, sagte Smirnow. «Offenbar war die Mannschaft zum Zeitpunkt der Katastrophe bereits vollständig arbeitsunfähig», meinte er. Der Airbus A-321 habe innerhalb von weniger als einer Minute massiv an Geschwindigkeit verloren und sei stark abgesackt. «Sie flog nur noch etwa 300 Stundenkilometer schnell und fiel um rund 1500 Meter ab», sagte der Kolavia-Vizechef. Smirnow bestätigte, dass die kleine Gesellschaft mit Sitz in Sibirien mit Lohnzahlungen im Rückstand sei. Dies beeinträchtige die Geschäfte der Firma aber nicht, betonte er.

Medien in Moskau spekulierten am Montag, ob ein früherer Unfall der Unglücksmaschine fatale Spätfolgen gehabt haben könnte. Das Heck des Flugzeugs sei bei einer Landung in Kairo 2001 beschädigt und danach repariert worden. Kolavia hatte dies als Grund ausgeschlossen.

Ägyptische Rettungskräfte setzten an der Absturzstelle die Suche nach sterblichen Überresten fort. 41 Opfer seien bislang nicht geborgen worden, hieß es. Russische Experten waren an der Suche beteiligt.


Der Absturz der russischen Passagiermaschine über dem Sinai ist eine der schwersten Flugzeugkatastrophen der jüngsten Zeit. Die Flugzeugabstürze mit mehr als 100 Toten der vergangenen zwei Jahre:

  • März 2015: Eine Germanwings-Maschine zerschellt auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen. Alle 150 Menschen an Bord kommen dabei ums Leben. Der Copilot hatte den Ermittlern zufolge den Autopiloten so manipuliert, dass das Flugzeug vom Typ Airbus A320 abstürzte.
  • Dezember 2014: Ein Airbus A320 der AirAsia stürzt auf dem Weg von Indonesien nach Singapur in die Javasee vor Borneo. Alle 162 Menschen an Bord kommen ums Leben.
  • Juli 2014: Beim Absturz einer Passagiermaschine der Malaysia Airlines über der Ostukraine kommen alle 298 Insassen ums Leben. Eine niederländische Untersuchungskommission kommt zu dem Schluss, dass die Boeing 777 von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde.
  • Juli 2014: Beim Absturz eines Passagierflugzeugs in Mali sterben alle 116 Menschen an Bord, darunter vier Deutsche. Das Flugzeug vom Typ MD83 war von Ouagadougou (Burkina Faso) nach Algerien unterwegs.
  • März 2014: Eine Boeing der Fluggesellschaft Malaysia Airlines auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking mit 239 Menschen an Bord verschwindet kurz nach dem Start vom Radar, MH370 wird zu einem der größten Rätsel der Luftfahrtgeschichte. Bisher wurde nur ein Wrackteil gefunden.

Für die russische Luftfahrt ist der Absturz des Airbus A321 auf dem Sinai mit 224 Toten das bislang folgenschwerste Unglück. Andere Unglücke russischer Flugzeuge seit 1992 mit mehr als 100 Toten:

  • 22. August 2006: 170 Tote beim Absturz einer Tupolew-154M von Pulkovo Airlines nahe Donezk in der Ukraine. Auf dem Flug von Anapa nach St. Petersburg versuchten die Piloten, eine Gewitterfront zu überfliegen.
  • 9. Juli 2006: 125 Tote bei der Bruchlandung eines Airbus A310 der Gesellschaft Sibir in Irkutsk. Auslöser waren Pilotenfehler. 78 Menschen überleben.
  • 4. Juli 2001: 145 Tote beim Absturz einer Tupolew-154M der Fluglinie Wladiwostokawia. Grund: schlechte Sicht und Pilotenfehler beim Anflug auf Irkutsk.
  • 3. Januar 1994: 125 Tote beim Absturz einer Tupolew-154M von Baikal Airlines nach dem Start von Irkutsk. Auslöser war ein brennendes Triebwerk.

0 Kommentare