28.10.2015, 10:31 Uhr

60 Jahre Bundeswehr Tödliche Starfighter-Bilanz: 269 Abstürze, 116 tote Piloten


Osnabrück. Einsitzig, einstrahlig, einmalig: Die Lockheed F-104 G war bei ihrer Einführung ein sensationell schnelles Jagdflugzeug. Piloten kommen noch heute ins Schwärmen, wenn sie über den Starfighter sprechen. Zugleich ist der Einsatz der Starfighter aber auch eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Bundeswehr. Die Beinamen „Witwenmacher“ und „fliegender Sarg“ kamen nicht von ungefähr.

„Man war jedes Mal bestürzt“, erinnert sich Lothar Chwallek, der von 1973 an Starfighter geflogen ist, insgesamt etwa 1800 Flugstunden. „Wir haben uns dann sofort gefragt, wie das Unglück passiert ist. Doch viel Zeit dafür blieb nicht. Meist ging es schnell wieder an den Start.“, sagt der gebürtige Bramscher, der beim Jagdbombergeschwader 31 „Boelcke“ in Nörvenich später auch noch den F-104-Nachfolger Tornado geflogen ist, bevor er 1992 zur Lufthansa City Line wechselte. Chwallek: „Am Ende ist man professionell damit umgegangen, weil man immer wieder mit solchen Dingen konfrontiert worden ist.“

Jäger, Jagdbomber und Aufklärer

Die ersten Starfighter stellte die Bundesluftwaffe im Jahr 1960 in Dienst. Bereits acht Monate später stürzte im März 1961 die erste Maschine ab. Viele Experten sehen die Hauptursache für die hohe Verlustrate vor allem darin, dass die als Abfangjäger konstruierte Lockheed F-104 in ihrer 1958 von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) bestellten Version als Jäger, Jagdbomber und Aufklärer überfrachtet war.

Vorausgegangen war 1959 der Beschluss der NATO , auch einige europäische Bündnispartner, die keine eigenen Atomwaffen besaßen, mit Nuklearwaffen auszurüsten. Strauß sah die Chance, einer bundesdeutschen Atombomberstaffel. Und weil er schnell Fakten schaffen wollte, sparte er sich die langwierige Suche nach einem neuen Flugzeug. Stattdessen ließ er die F-104 zu einem Mehrzweckflugzeug umbauen. Er sollte jetzt nicht nur Angreifer abfangen, sondern auch angreifen können.

Mit Atombomben bewaffnet

Am Ende gab es 15 bundesdeutsche Standorte mit Starfightern. In Nordwesten waren sie in Wittmund, Jever und Hopsten stationiert. Auf mehreren Flugfeldern standen Jets, die eine Atombombe unter dem Rumpf trugen – unter Aufsicht der US-Armee. Wer sich unbefugt den Maschinen näherte, riskierte, erschossen zu werden.

Fliegerisch war die „Einhundertvier“ auch ohne alle Veränderungen in der für Deutschland gebauten Version eine Herausforderung. Das Triebwerk leistete (mit Nachbrenner) bis zu 29000 PS. Der Starfighter flog in der Spitze mit mehr als doppelter Schallgeschwindigkeit, war bis zu 2300 Stundenkilometer schnell. In nur vier Minuten Steigflug konnte er eine Höhe von 25 Kilometern erreichen. Die maximale Flughöhe betrug 31,5 Kilometer. Die Maschine stellte damit zu ihrer Zeit drei Weltrekorde gleichzeitig auf.

Experten rieten der Bundesregierung, zunächst nur 250 der wartungsintensiven und hochgerüsteten Maschinen zu bestellen. Doch Strauß wollte mehr und ließ gleich 700 Flugzeuge auf einen Schlag bestellen.

Sechs Tote bei Absturz auf Bauernhaus

Knapp ein Drittel aller Maschinen stürzte letztlich ab. Sie zerbarsten in der Luft, havarierten beim Start oder zerschellten am Boden. Immer wieder gab es Triebwerksausfälle, Steuerungs- und Fahrwerksprobleme, aber auch fatale Blitzeinschläge und Pilotenfehler. Einer der Männer im Cockpit flog in seiner vom Autopiloten gesteuerten Maschine als Toter bis in die Nähe des Polarkreises in Norwegen. Er war durch die Zufuhr vergifteter Luft ums Leben gekommen.

Wiederholt waren auch zivile Opfer zu beklagen: so etwa am 13. November 1973, als in Mörsen (Grafschaft Hoya) ein Starfighter in der Luft explodierte und auf ein Bauernhaus stürzte. Neben dem Piloten kamen ein Ehepaar mit seinen neun und 14 Jahre alten Töchtern sowie ein Feuerwehrmann ums Leben.

Viele Unfälle sind laut Chwallek passiert, wenn gut getarnte Ziele am Boden getroffen werden sollten . „Das bedeutete höchste Konzentration und konnte in der F-104 schon einmal zu einer Überlastung der Piloten führen.“ Gefährlich waren auch Schießübungen mit der Bordkanone. „Da kamen die Geschosse manchmal wieder hoch. Und weil wir so schnell waren, sind wir durch unseren eigenen Dreck geflogen.“

Nicht immer verliefen die Abstürze tödlich. Viele Piloten konnten sich durch den Schleudersitz retten. So wie ein Fliegerkamerad von Chwallek, der auf dem Rückflug von einer Übung in den Niederlanden plötzlich in der Vierer-Formation fehlte. Ein Vogelschlag hatte das Triebwerk seines Starfighters zerstört. Mit dem Fallschirm landete er in einem Kanal – und kam mit einigen Knochenbrüchen davon.

„Trotz alldem haben viele Piloten die Maschine geliebt“, sagt Lothar Chwallek. Er selbst hatte den Vorteil, erst zu den Starfighter-Piloten zu stoßen, als viele Anfangs- und Wartungsprobleme schon gelöst waren. 1965 war ein besonders schlimmes Jahr. Binnen Jahresfrist stürzten 26 Maschinen vom Typ F-104 ab, im Schnitt alle zwei Wochen ein Flugzeug. 15 Piloten kamen ums Leben.

Bombenabwürfe auf Übungslände Nordhorn-Range

Chwallek hielt das nicht davon ab, 1973 erstmals selbst ins Cockpit zu steigen – im Alter von nur 22 Jahren. Sofort war ihm klar: „Die F-104 ist eine Diva.“ So machten die vergleichsweise kleinen Tragflächen sehr hohe Anfluggeschwindigkeiten bei der Landung erforderlich. Mit mehr als 300 Stundenkilometern setzen die Maschinen auf und benötigten einen Bremsschirm, um zum Stehen zu kommen.

Einmal in der Luft, war der Starfighter vor allem eines: schnell. Angriffe konnten selbst im Tiefflug mit Überschallgeschwindigkeit geflogen werden. Chwallek erinnert sich an Übungen auf Sardinien, in den USA, über der Nordsee, aber auch auf dem Übungsgelände Nordhorn-Range in der Grafschaft Bentheim. Hier wurde nach seinen Angaben auch der Abwurf von Atombomben simuliert.


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