11.04.2015, 04:34 Uhr

Um rund Hunderttausend Tonnen verschätzt Umweltschädliches Ammoniak: Deutlich höherer Ausstoß

Ein Landwirt bringt im April in Hamburg auf einem Feld Jauche aus. Foto: Daniel Bockwoldt/dpaEin Landwirt bringt im April in Hamburg auf einem Feld Jauche aus. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Osnabrück. Deutschland hat sich verrechnet. Nicht nur ein bisschen, sondern gleich um mehrere Hunderttausend Tonnen. Grenzwerte rücken damit in fast unerreichbare Ferne. Die Grünen im Bundestag sind fassungslos. Und auch mit der EU-Kommission könnte es Ärger geben.

550.000 Tonnen sind die magische Grenze. So groß darf die Menge des klimaschädlichen Ammoniaks sein, das pro Jahr seinen Weg in die Umwelt in Deutschland findet. Die Jahreswerte, die die Bundesregierung in der Vergangenheit an die Europäische Kommission meldete, lagen stets um diesen Wert. Mal knapp drüber. Mal knapp drunter. Jedenfalls sollte beispielsweise mit der geplanten Novellierung der Düngeverordnung auch dieses Problem in den Griff bekommen werden – schließlich gilt die Landwirtschaft als Hauptverursacher.

Werte deutlich nach oben korrigiert

Doch dann das: Ende Dezember 2014 übermittelte die Bundesregierung aktualisierte Ausstoßmengen nach Brüssel. Für die Jahre 2010, 2011 und 2012 korrigierte Berlin die Emissionen um rund 100.000 Tonnen nach oben. Und für 2013 wurden sogleich 671.000 Tonnen Ammoniak angezeigt. Das geht aus einem Antwortschreiben des Bundesumweltministeriums auf eine Anfrage der Grünen im Bundestag hervor, das unserer Redaktion vorliegt.

Zu wenig Hähnchen?

Gleich mehrere Gründe werden darin angeführt, warum man sich derart verschätzte: Unter anderem war in Berlin wohl mit zu niedrigen Zahlen im Geflügelmastbereich gerechnet worden. Wo weniger Hähnchen, dort natürlich weniger ammoniakhaltiger Mist. Zudem, so schreibt das Ministerium, seien besonders die Emissionsfaktoren für die Ausbringung von Harnstoffdüngemittel modifiziert. „Die Berechnungen sind dem Stand der Wissenschaft angepasst worden. Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall“, räumt ein Ministeriumssprecher auf Nachfrage ein. Und siehe da: Plötzlich waren es dann die besagten 100.000 Tonnen Ammoniak mehr pro Jahr.

Grüne: Lage dramatisch

„Dass die Lage so dramatisch ist, hatte sich keiner ausgemalt“, sagt Bärbel Höhn. Die Grünen-Politikerin ist Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag. Sie fordert umgehend Aufklärung darüber, was Umwelt- und Agrarministerium seit Dezember unternommen haben, um die vereinbarte Höchstgrenze einzuhalten. „Jetzt ist klar, dass viel konsequentere Maßnahmen zur Emissionsminderung ergriffen werden müssen.“

Vier EU-Länder mit Ammoniak-Problem

Bei der EU-Kommission bestätigt eine Sprecherin auf Nachfrage, dass Deutschland neben Dänemark, Finnland und Spanien zu den Ländern mit einem Ammoniak-Problem gehörten. Brüssel „hat die betroffenen Staaten angeschrieben und um Erklärung zu den erhöhten Werten und Gegenmaßnahmen gebeten.“ Wäre die EU-Kommission mit der Antwort nicht zufrieden, könnte sie entweder neue Informationen anfordern oder aber ein förmliches Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland vorantreiben, erklärt die Sprecherin weitere mögliche Schritte. (Hier sind die gemeldeten Daten einzusehen)

Grüne: Flächengebundene Tierhaltung

Die Grünen im Bundestag jedenfalls sehen sich durch die neuen Zahlen in ihrer kritischen Haltung gegenüber der intensiven Landwirtschaft bestätigt: In den viehdichten Regionen Deutschlands lebten zu viele Tiere, die Geflügelbestände beispielsweise seien in den vergangenen Jahren regelrecht explodiert. „Das halten die Ökosysteme nicht länger aus. Wir brauchen dringend eine Rückkehr zu einer flächengebundenen Tierhaltung“, so der agrarpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion Friedrich Ostendorff.

Auswirkungen auf Düngeverordnung?

Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth sagt unserer Zeitung: „Der Handlungsbedarf ist offensichtlich.“ Die Bundesregierung sehe sich auf Basis der Neuberechnungen bestärkt darin, „die Düngeverordnung jetzt schnell auf den Weg zu bringen und so zu gestalten, dass die Landwirtschaft die Ammoniak-Emissionen nachhaltig absenkt.“

Ammoniak ist umweltschädlich

Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes verursacht jedes Kilogramm ausgestoßenes Ammoniak 27 Euro Umweltkosten. Der klimaschädliche Stoff gelangt vor allem in Form von Dünger in die Umwelt und trägt hier zur Versäuerung von Böden und Gewässern bei. Nicht nur Kritiker heutiger Agrarstrukturen fordern hier ein Umdenken. Auch bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt heißt es von Generalsekretär Heinrich Bottermann: „Der heute übliche Umgang mit diesen Düngern muss grundsätzlich überdacht werden.“ (Zu Ammoniakkosten lesen Sie hier mehr)

Neuigkeiten aus dem Bereich Landwirtschaft auf www.noz.de/landwirtschaft


2 Kommentare