02.09.2014, 08:30 Uhr

Historiker Möller über Hitler „Der Zweite Weltkrieg hätte vermieden werden können“

Horst Möller, früherer Direktor des Instituts für Zeitgeschichte. Foto: Institut für ZeitgeschichteHorst Möller, früherer Direktor des Instituts für Zeitgeschichte. Foto: Institut für Zeitgeschichte

Osnabrück. Warum haben die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs die Menschen gut 20 Jahre später nicht abgeschreckt? Welche Kriegszeile verfolgte Adolf Hitler. Wurde er unterschätzt? Zu diesen Fragen äußert sich Horst Möller, bis 2011 Leiter des Münchener Instituts für Zeitgeschichte, im Interview.

Herr Professor Möller, warum konnte nur rund zwei Jahrzehnte nach dem Ersten Weltkrieg bereits ein weiterer Krieg in Europa ausbrechen? Waren die Erfahrungen nicht abschreckend genug?

Dieser Diagnose müsste man zustimmen, dass ein Weltkrieg mit derart schrecklichen Verheerungen, mit zehn bis 15 Millionen Toten, die Menschheit immunisiert gegen die Versuchung, Kriege zu führen. Dieser Erfahrungshorizont spielt eine wichtige Rolle, aber eben nur für einen Teil der Politiker, beispielsweise für die Appeasementpolitik. Die andere Seite ist: Der Erste Weltkrieg hat die Probleme, die im Staatensystem Europas vor 1914 lagen, nicht gelöst, sondern neue Probleme geschaffen, das internationale System war labil. So lebten in den Nationalstaaten nach wie vor Minderheiten. Daher haben europäische Staatsmänner wie Churchill gesagt: Die Zeit nach 1918 war zwar Nachkriegszeit, zugleich aber eine Vorkriegszeit – wegen der ungelösten Probleme, aber auch wegen der doppelten Instabilität: Fast keine neu gegründete Demokratien war stabil.

Hätte der Zweite Weltkrieg vermieden werden können?

Ja. Das ist zwar hypothetisch und wir Historiker sind hinterher immer klüger. Doch gilt: Eine andere Politik hätte zur Kriegsverhinderung zumindest beitragen können. Das Deutsche Reich war nach dem Friedensvertrag von Versailles 1919 sehr geschwächt, ist aber Großmacht geblieben - eine verletzte Großmacht. Denn unnötigerweise sind durch die Friedensverträge neue Probleme entstanden, etwa das erwähnte Nationalitätenproblem. So lebten zum Beispiel rund drei Millionen Sudetendeutsche in der Tschechoslowakei direkt an der Grenze zum Deutschen Reich., eine Korridor trennte Ostpreußen vom Reichsgebiet ab. Eine Möglichkeit, den Krieg zu verhindern, wären vernünftigere Friedensverträge gewesen, die die Probleme reduziert hätten.

Das zweite ist: Ab 1933 wird die aggressive Politik Hitlers erkennbar. Schrittweise verletzt er Abmachungen des Versailler Vertrages, worauf die alliierten Kriegssieger defensiv reagieren. Hitler ließ ins entmilitarisierte Rheinland einmarschieren und führte die Wehrpflicht wieder ein. Hätte man 1935/36, als das nationalsozialistische Deutschland militärisch noch schwach war, dezidiert darauf reagiert, hätte dies eine Chance zur Kriegsverhinderung bedeutet.

Hat die Münchener Konferenz von 1938 Hitler gemäßigt?

Nein, sie hat Hitler nur teilweise still gestellt und Verzögerungen gebracht, aber nicht die Aggressivität des Dritten Reiches vermindert. Seit Anfang 1939 komplizierte sich die Situation, es folgten ständig Verhandlungen: zwischen der Sowjetunion und NS- Deutschland, der Sowjetunion und Großbritannien, beider Mächte mit Polen, Deutschland mit Italien. Wären diese Verhandlungen von allen Seiten ernst gewesen, hätten sie eine Chance zur Kriegsverhinderung geboten. Ab Frühjahr 1939 wurde es immer unwahrscheinlicher, dass der Krieg noch vermieden werden konnte. Die meisten Regierungen hielten einen Kriegsausbruch für möglich.

Welche Bedeutung hatte der Hitler-Stalin-Pakt für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs?

Er war entscheidend, denn er hat Hitler freie Hand in Teilen Ost-Mitteleuropas gegeben, weil die beiden Diktatoren Hitler und Stalin damit ganz Osteuropa zwischen sich von der Ostsee bis zum Balkan aufteilten.

Wäre der Krieg ohne diesen Pakt denkbar gewesen?

Hitler wollte unbedingt den Krieg. Er hat das in „Mein Kampf“ und in vielen Reden gesagt. Wir haben ein Geheimprotokoll vom November 1937, das Hitlers Vorstellungen über den von ihm beabsichtigten Krieg enthält. Er hatte sie vor der Wehrmachtsführung entwickelt, Hitlers Wehrmachtsadjutant Oberst Hoßbach notierte die wichtigsten Aussagen. Sie zeigen zweifelsfrei, dass Hitler planmäßig auf den Krieg zusteuerte. Trotzdem bleibt der Hitler-Stalin-Pakt entscheidend, weil er das Risiko für Hitler extrem minimiert hat: Sonst hätte er mit einem Angriff der Sowjetunion und einem Zwei-Fronten-Krieg rechnen müssen. Ohne den Hitler-Stalin-Pakt wäre der Krieg definitiv nicht so geführt worden, wie der dann geführt worden ist.

Welche Kriegsziele verfolgte Hitler?

Es gab drei: Das erste Kriegsziel war die Revision des Versailler Vertrages von 1919. Deutschlands Gebietsverluste nach dem Ersten Weltkrieg sollten rückgängig gemacht werden. Das zweite Kriegsziel geht darüber hinaus: Hitler wollte weite Räume in Osteuropa erobern, um sogenannten Lebensraum für das deutsche Volk zu gewinnen. Diese rassistische Politik richtete sich gegen die slawischen Völker, die vertrieben oder versklavt werden sollten. Hinzu kommt der millionfache Massenmord an Juden, die zum größten Teil dort lebten . Und es gab eine ideologische Komponente: die Vernichtung des Kommunismus mit der Sowjetunion als Staat. Das dritte waren wirtschaftliche Ziele. Der Aufschwung in den 1930er Jahren gelang zum Teil durch die Rüstungsproduktion, die sich das Deutsche Reich angesichts seiner materiellen Lage nicht leisten konnte. Die Aufrüstung sollte später refinanziert werden durch Ausbeutung der besetzten Länder – zum Beispiel durch die Beschlagnahme der nationalen Goldreserven in den besetzten Ländern. Das ist das berühmte Nazi-Gold. Und schließlich wurde der Mangel an Arbeitskräften durch die extreme Vergrößerung der Wehrmacht ebenfalls durch Ausbeutung kompensiert, durch Zwangsarbeiter aus diesen Ländern.

Haben die Westmächte Hitler unterschätzt?

Ja, eindeutig. Man kann die Vereinbarungen über die Tschechoslowakei in der Münchener Konferenz im Herbst 1938 ohne diese Unterschätzung nicht erklären. Der britische Premierminister Chamberlain hat Hitler für einen rationalen Politiker gehalten, mit dem man Vereinbarungen treffen konnte, an die er sich halten würde. Das war eindeutig eine Unterschätzung. Hitler ist in Deutschland von seinen Gegnern und zum Teil von seinen Anhängern, die ihn bis zum März 1933 gewählt haben, unterschätzt worden. Auch die meisten ausländischen Regierungen haben ihn unterschätzt – bis hin zu Stalin.

Hat Stalin mit einem Angriff auf die Sowjetunion gerechnet?

Nein. Er war zwar auch ein gewissenloser Diktator, aber eben nicht wie Hitler ein Vabanquespieler, sondern äußerst vorsichtig. Er glaubte, dass er sich auf die Vereinbarungen mit Hitler verlassen konnte.

War Hitler alleine verantwortlich für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs?

Er war eindeutig der Hauptverantwortliche. Ohne Hitler hätte es den Zweiten Weltkrieg so jedenfalls nicht gegeben, weder in den Formen noch der Radikalität, noch zu diesem Zeitpunkt. Aber Hitler wurde seinerseits ermöglicht durch die historischen Voraussetzungen seit dem Ersten Weltkrieg: die doppelte Instabilität und die ungelösten Probleme. Der Hitler-Stalin-Pakt erleichterte den Angriff auf Polen und die sog. Blitzsiege. Doch Hitler bleibt der Hauptschuldige – mit zahlreichen Helfern.


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