19.06.2011, 18:21 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Mit Humor und dem Wunsch nach Verständigung: Künstler gründen ein neues Land in der deutsch-polnischen Grenzregion Hier entsteht „Nowa Amerika“


Stettin/Frankfurt (O.). Entlang der deutsch-polnischen Grenze entsteht ein neues Land – „Nowa Amerika“. Wichtige Staatsattribute wie Flagge, Hauptstadt und Sprache, die eine kuriose Mischung aus dem Deutschen und Polnischen bildet, haben sich „die Staatsmacher“ bereits zugelegt. Die humorvolle Idee, die deutsch-polnische Grenzregion als einen gemeinsamen Raum zu gestalten, stammt von Künstlern und gewinnt immer mehr Anhänger.

„Szanowni Damen und Panowie, herzlich witamy in Slubfurt, einer Stadt, które liegt auf polskiej und deutscher stronie“, begrüßt Michael Kurzwelly eine internationale Touristengruppe und lächelt verschmitzt. Viele der Touristen runzeln die Stirn und blicken sich unsicher an. Die meisten von ihnen verstehen nur Deutsch und überlegen, warum der 48-Jährige so komisch spricht. Eigentlich wollten sie doch eine Führung durch Slubice und Frankfurt Oder machen, und nicht „Slubfurt“.

Slubfurt ist die einzige Stadt, die eine deutsche und eine polnische Stadt miteinander vereint – Slub (von Slubice) und Furt (von Frankfurt). „Und die Sprache?“, fragen die Touristen neugierig. „Das ist natürlich Slubfurtisch!“, antwortet Kurzwelly resolut. Also eine Mischung aus Deutsch und Polnisch.

Diese Sprache wird aber nicht nur in Slubfurt gesprochen, sondern auch in anderen Städten entlang der Oder-Neiße-Grenze. Denn hier entsteht ein neues Land – „Nowa Amerika“. Slubfurt ist die Hauptstadt dieser Region, die Künstler und Kulturschaffende aus Polen und Deutschland als gemeinsamen Raum für grenzüberschreitende Initiativen konstruiert haben.

„Nowa Amerika ist ein Land für Pioniere, Freiheitshungrige, ein Paradies für Humanisten und andere Träumer. Hier hat jeder eine Chance“, sagt Kurzwelly, einer der Initiatoren des Projekts. Das Kollektiv besteht aus bislang 50 Mitgliedern, ihre Föderation aus vier Teilstaaten: Szczettinstan (Stettin mit Umgebung), Terra Incognita (Chojna mit Neumark), Lebuser Ziemia, die sich von der Warthe bis zur Spree erstreckt, und Schlonsk, der die schlesischen Gebiete rund um Zgorzelec und Görlitz umfasst.

Nowa Amerika ist aber nicht nur ein Spaß-Projekt. Im Gegenteil: Die Künstler haben konkrete Ziele. „Während der letzten 20 Jahre wurden unzählige grenzüberschreitende Initiativen durchgeführt. „An der Grenze gibt es keine Einheit“, meint Andrzej Lazowski, ein 38-jähriger Künstler und Fotograf aus Stettin. „Jeder macht seins und interessiert sich nicht dafür, was die anderen unternehmen. Wir wollen, dass die Leute sich endlich richtig kennenlernen und vernetzen, egal ob sie aus dem Süden, Norden, Westen oder Osten der Region sind. Es handelt sich schließlich um den gemeinsamen Raum, in dem wir alle leben.“ Um die Vernetzung der Polen und Deutschen untereinander zu stärken, haben die Künstler in den vergangenen Monaten Ideen gesammelt. Sie haben beispielsweise eine Internetseite online gestellt, auf der sie neue Mitglieder werben wollen und eine Flagge für den Staat Nowa Amerika gestalten.

Die „Nowoamerikaner“ wollen darüber hinaus auch Einfluss auf die „Euroregionen“ nehmen, die seit den 1990er-Jahren die Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland im Grenzgebiet fördern. Doch trotz potenzieller Fördermittel scheitern die Initiativen oft noch in der Entstehungsphase: „Die Veranstalter müssen die Projekte vorfinanzieren“, bedauert Michael Kurzwelly. Bis zu zwei Jahren müsse man teilweise auf das Geld warten. Eine Hürde, die für kleine Vereine und Nichtregierungsorganisationen unüberwindbar ist. Öfter scheitern Projekte auch an formalen Bestimmungen. „Wenn ich als Slubfurter Stettin als Projektpartner gewinnen möchte, kann ich keinen Antrag an die Euroregion Viadrina stellen, weil Stettin in der Euroregion Pomerania liegt.“

Eine Sache liegt den „Nowoamerikanern“ besonders am Herzen: das schlechte Image des Grenzgebiets zu verbessern. „Alle beschweren sich, wie schlimm es hier ist, dass es keine Perspektiven gibt“, sagt Lazowski. „Alle wollen weg. Die Deutschen, die noch hier geblieben sind, wollen nach Westdeutschland. Und die Polen ziehen lieber ins Ausland oder in die größeren Städte, wo es mehr Möglichkeiten gibt. Wir wollen zeigen, dass die deutsch-polnische Grenzregion ein toller Raum für die Kreativen ist. Man muss nur endlich aufhören zu meckern!“


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