16.01.2015, 17:38 Uhr

Am Gretescher Weg ist Integration Alltag BW Schinkel: Mehr Sein als Schein


Osnabrück. „Wir sind der Verein der einfachen Leute“. Die Frage nach der Selbsteinschätzung ist schnell beantwortet an diesem Abend im Clubraum von Blau-Weiß Schinkel. Im Verlauf des Gesprächs wird eine andere Tugend der Menschen in diesem Verein deutlich: Wir sind zu Besuch im Haus der klaren Worte.

„Wenn ich mich nur mit der Verwaltung und der Organisation beschäftigen müsste, hätte ich längst die Nase voll. Nur weil ich mit Sportlern Kontakt habe und erlebe, wie sich die Kinder in unseren Mannschaften entwickeln, habe ich immer noch Spaß daran.“ Der Mann, der das sagt, ist der dienstälteste Vorsitzende eines Sportvereins in der Stadt. Fritz Boßmeyer war noch keine 30, als er mit einer ähnlich jungen Vorstandscrew den Verein am östlichen Stadtrand 1973 übernahm.

Inzwischen ist er als Rentner, der sich seine jungenhafte Frische erhalten hat, ein Glücksfall für den Club. „Er ist unsere hauptamtliche Kraft, denn er ist ständig präsent. Bezahlen könnten wir ihn allerdings nicht“, schmunzelt einer aus der Runde. Aber sie alle spüren auch, dass die Führung in Verein und Abteilungen allmählich grau wird: Der Nachwuchs fehlt, und deshalb werden junge, engagierte Jugendtrainer wie Daniel Priebe, als zertifizierter Juniorcoach aktiv, gefördert.

Als Boßmeyer Vorsitzender wurde, gab es auf der Anlage am Gretescher Weg nur provisorische Umkleiden; Meistens zogen sich die Mannschaften in der nahen Gaststätte „Zum Katzbach“ um. Heute verfügen die Blau-Weißen über einen funktionellen Trakt mit Kabinen, Geschäftsstelle und Übungsräumen; die großzügige Anlage ist ein Schmuckstück: Drei Rasenplätze und sieben Tenniscourts werden in Eigenregie gepflegt und sind in einem perfekten Zustand. Man merkt: Die Sportler sind hier zu Hause, es ist das Eigentum des Vereins, so behandeln sie die Anlage auch. Boßmeyer: „Hier ist jeder verantwortlich und fühlt sich auch so. Darum sieht die Anlage so gut aus und ist für uns eine tolle Visitenkarte.“

Doch im Schinkel und bei den Blau-Weißen hat sich in 40 Jahren mehr geändert als die Anlage. Der bevölkerungsreichste Stadtteil mit dem höchsten Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund und vielen wirtschaftlich schwächergestellten Familien wird schnell mit dem Etikett sozialer Brennpunkt versehen. Das ist die Außensicht, geprägt von Vorurteilen. Von innen sieht das anders aus – beispielsweise an einem ganz normalen Samstag auf der Anlage am Gretescher Weg.

Alle Jugendaltersklassen hat der Verein besetzt, über 60 Prozent der Nachwuchskicker sind Migrantenkinder. Multikulti ist hier kein Modewort, sondern war schon Realität, als es die Vokabel noch gar nicht gab. „Wenn man dieses wunderbare Miteinander von Menschen aus zig Nationen erlebt, ist das die beste Motivation für uns“, sagt Fußball-Jugendleiter Harald Mikoleit. Es ist ein Alltag, der höchstens die ganz normalen Reibungen erzeugt, aber keine, die mit der unterschiedlichen Herkunft zu tun haben. Der Fußball bringt nicht nur die Kinder zusammen, sondern auch die Eltern.

Spätestens an dieser Stelle muss natürlich das Wort „Integration“ fallen. Was in Sonntagsreden von Funktionären und Politikern gern als hehres Ziel des Sports genannt wird, ist bei Blau-Weiß Schinkel Alltag, ganz ohne Schnörkel. Aber nicht ohne Probleme, doch die haben weniger mit den Menschen zu tun. Schatzmeister Peter Garmann quält sich mit komplizierten Verfahren herum, wenn es um Zuschüsse für sozial schwache Familien geht, die den Vereinsbeitrag nicht selbst aufbringen können. Immer wieder muss neu beantragt werden, Rückstände laufen auf – und der Verein dem Geld hinterher.

Abgewiesen wird niemand, kein Kind nach Hause geschickt – im Gegenteil: Bei Mannschaftsfahrten unterstützt der Verein, damit niemand ausgeschlossen ist. Doch so wohl sich die Kinder auch fühlen, so gut sie auch betreut werden – je älter sie werden und je besser sie kicken, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie den Verein verlassen; oft in einen ethnischen Club. „Wir kümmern uns um sie, wenn sie sich noch nicht die Schuhe binden können, und fördern sie – wenn sie dann gut sind, werden sie vom türkischen Club abgeworben“, sagt einer, der die Szene kennt.

Doch es braucht schon mehr, um einen echten Schinkelaner zu demotivieren. Die Herausforderung „Integration“ haben sie aktiv angenommen, werben mit immer neuen Projekten Zuschüsse ein und sind stolz darauf, offizieller Stützpunkt der Aktion „Integration durch Sport“ zu sein.

Das zweite Profil ist der Gesundheitssport, kontinuierlich ausgebaut in den letzten Jahren. Viel zu bieten hat der Verein hier, vom Nordic Walking über Yoga und Wassergymnastik bis zu afrikanischem Tanz. Die Tennisabteilung, deren Anfänge fast 40 Jahre zurückliegen, ist ein Aushängeschild, nicht nur wegen ihrer 17 Wettkampfmannschaften, sondern auch wegen der perfekten Plätze, der guten Gemeinschaft und der günstigen Tarife.

Günstig sind die Beiträge generell, Sport bei Blau-Weiß Schinkel ist kein Luxus – und bietet ein vielseitiges Angebot für Leistungs- und Breitensportler, für Alte und Junge und vor allem für Menschen aus allen Ländern und sozialen Schichten. Gewiss, manchmal könnte ein wenig mehr davon nach außen dringen, ein bisschen offensiver geworben werden. Aber auch das ist typisch Schinkel, hier lebt man lieber nach dem Motto: „Mehr Sein als Schein.“


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