17.10.2014, 16:52 Uhr

Auf dem Weg zum großen Wurf Osnabrückerin Püschel reist zur Judo-WM nach Miami

Greift bei der Junioren-WM an: Lea Püschel, hier im Duell mit ihrem Trainer Teja Ahlmeyer, reist nach Miami. Foto: Thomas OsterfeldGreift bei der Junioren-WM an: Lea Püschel, hier im Duell mit ihrem Trainer Teja Ahlmeyer, reist nach Miami. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Die Koffer sind gepackt, am Sonntag in aller Frühe startet Lea Püschel zur Judo-Weltmeisterschaft. Um 6 Uhr hebt sie mit dem Flieger in Hannover ab, über London geht es weiter nach Miami. Mit im Gepäck: die heimliche Hoffnung auf eine Medaille und eine Portion Bammel vor der eigenen Courage.

„Ich bin vom Typ her ein bisschen nervös“, sagt die 20-Jährige. Über Erwartungen spricht sie deshalb ungern. Schließlich „kann schon nach dem ersten Kampf alles vorbei sein“. Das sagt auch Teja Ahlmeyer, bei den Crocodiles in Osnabrück einer ihrer Trainer. Aber Ahlmeyer hat auch eine Mut machende Botschaft: „Lea ist in der Lage, jeden zu schlagen. Im Training holt sie die alle von den Füßen.“ Wenn Püschel ihre Nerven in den Griff bekomme, „dann ist auch eine Medaille drin“, ist er überzeugt.

Das weiß auch Lea Püschel. Unter der nervösen Oberfläche schlummert ein selbstbewusster Kern. Sie hat früh gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen. Mit 16 verließ sie ihre Familie in Bielefeld, um sich in Osnabrück auf den Leistungssport zu konzentrieren. „Der Schritt war nicht ganz einfach, aber ich hatte immer die Unterstützung von zu-Hause.“ Püschel wohnte in einer WG. Einkaufen, einen Haushalt führen – mit 16 ist das eine Leistung. „Ich musste früh vieles lernen. Das gibt aber auch Selbstvertrauen“, sagt sie. Und es erfordert Organisationstalent. Dass sie für Trainingslager vom Unterricht am Graf-Stauffenberg-Gymnasium befreit wurde, klingt nur auf den ersten Blick wie ein Schülertraum. „Ich musste viel Stoff eigenständig nachholen.“

Seit ihrem fünften Lebensjahr steht Püschel auf der Judo-Matte. „Meine Oma wollte, dass ich mich verteidigen kann.“ Dass sie erst mit 16 intensiver die sportliche Karriere in Angriff nimmt, sei „eigentlich ziemlich spät für einen Leistungssportler“ gewesen, hat aber auch seine Vorteile. „Ich bin noch heile“, grinst die 20-Jährige.

Ganz heile ist auch Püschel nicht geblieben. Die letzte Verletzung: Ein Außenbandanriss, „nur“, sagt sie, „ein Kreuzbandriss wäre schlimmer gewesen“. Das Aufbautraining sei gut verlaufen, so- dass sie noch zum Kader-Lehrgang nach Korea mitreisen konnte. „Judo ist gerade im asiatischen Raum sehr stark.“ Auch in Japan hat sich das schon bei Trainingslagern mit dem deutschen C-Kader gezeigt: Die Gangart ist härter, dafür sind die Trainingsbedingungen besser. „Man profitiert viel von den Trainingslagern“, sagt Püschel, die sich – trotz Spätstart – in die internationale Spitze hervorgearbeitet hat.

Andere mögen schon in der U17 auf hohem Niveau gekämpft haben. Püschel trat 2013 zur ersten EM an und holte Bronze. „Dass es beim ersten Höhepunkt meiner Karriere so gut geklappt hat, hat mich super gefreut.“ Die Medaille eröffnete auch den Weg zur WM in Miami, „ein Traum, ein großes Ziel von mir – eine WM ist das Höchste, was man bei den Junioren erreichen kann.“

Wenn Püschel am nächsten Freitag im Einzel bis 70 Kilogramm und am Sonntag mit der deutschen Nationalmannschaft kämpft, muss ihre Familie aus der Ferne zuschauen. „Sie wären gerne mitgekommen, aber so eine weite Reise war nicht selbst zu finanzieren.“

Während die Püschels zu Hause auf die Liveübertragung im Internet setzen müssen, ist Heim- und Landesstützpunkttrainer Jürgen Füchtmeyer als Rückhalt vor Ort dabei. „Das ist eine besondere Unterstützung. Er kennt mich nach all den Jahren der Zusammenarbeit am besten“, sagt Püschel, die auch sonst die familiäre Atmosphäre in Osnabrück zu schätzen weiß. „Hier achtet jeder auf jeden. Man wird auch mal aufgefangen, wenn man Probleme hat.“ Deshalb bleibe sie im Verein, auch wenn sich der Lebensmittelpunkt mit dem Studienbeginn bei der Landespolizei seit dem 1. Oktober erstmal nach Hannover verlagert hat.

Herbstwetter ist für Niedersachsen angekündigt in den kommenden Tagen – kein Vergleich zu den prognostizierten 27 Grad und Sonnenschein im strandreichen Florida. „Daran sollte man vorher noch nicht so viel denken“, sagt Püschel. „Shopping und Freizeit sind erst mal nicht drin. Das wäre auch verkehrt.“ Der Fokus liegt auf dem Wettkampf. „Ich schaue von Kampf zu Kampf. Die will ich gut bestreiten und dann möglichst weit kommen.“ An einem guten Tag, wenn das Losglück die richtigen Gegnerinnen beschert und auch sonst vieles zusammenpasst, „kann ich schon vorne dabei sein“.

Wenn die Pflicht geschafft ist, kann die Kür folgen: Nach dem Höhepunkt zum Saisonabschluss ist bis zum 3. November Regeneration in Florida vorgesehen. Die nächsten Herausforderungen kommen früh genug: Nach dem letzten Juniorenjahr startet Püschel künftig bei den Frauen. „Das ist ein sehr großer Schritt. Da kämpft man gegen die Weltelite, Olympiasieger und World-Cup-Sieger. Da fängt man wieder ganz unten an.“ Schon einmal hat Lea Püschel gezeigt, dass sie dazu in der Lage ist. „Man muss sich gut einkämpfen und nach vorne kämpfen. Wenn man das geschafft hat, kann man weitergucken.“


Kurz gefragt: Lea Püschel.

Judo ist mein Sport, weil...

...er sehr facettenreich und vielseitig ist: Es geht um Kraft, Kondition, Technik – da kann man sich ewig verbessern, man lernt nie aus. Man geht auch oft an seine Grenzen und lernt sich und seinen Körper dadurch selbst gut kennen. Es ist einfach ein faszinierender Sport.

Hartes Training...

...gehört dazu, um Erfolg zu haben.

Wenn ich nicht auf der Judo-Matte stehe...

...dann reite ich gerne als Ausgleichssport. Das ist gut zum Abschalten. Ich treffe mich auch gerne mit meiner Familie und Freunden. Das bleibt ein bisschen auf der Strecke, wenn man oft weg ist, aber die Freude ist umso größer, wenn man wieder da ist.

Die Zeit in Miami werde ich...

...niemals vergessen, es wird auf jeden Fall sehr aufregend.

In meinem Rückreise-Gepäck...

...möchte ich eine Medaille mitnehmen.

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