19.04.2017, 20:41 Uhr

Hannelore Kraft auf Wahlkampftour Zu Gast bei den Anpackern in Ostwestfalen


Bielefeld/Herford. Wahlkampf in NRW: SPD-Chefin Hannelore Kraft reist durch die Region Ostwestfalen-Lippe. Im Wahlkampf setzt sie auf das landesweite Wir-Gefühl.

Da sitzen sie nun lässig auf Barhockern und plaudern vor pastellfarbenen Wänden entspannt über Landespolitik, loben sich ab und an selbst und zeigen auf, wo es noch Verbesserungsbedarf gibt. Es ist Wahlkampf, und sie wolle nicht ständig auf Marktplätzen stehen und große Reden halten, sagt Hannelore Kraft. Also hat die Vorsitzende der NRW-SPD mit einigen ihrer Genossen zu einem Gespräch in die Ravensberger Spinnerei in Bielefeld eingeladen.

In dem Moment liegt bereits ein langer Tag hinter ihr. Kraft hat ihr Versprechen gehalten und ist zu SPD-Abgeordneten in Bielefeld und den Kreisen Herford und Minden-Lübbecke gereist, um dreieinhalb Wochen vor der Landtagswahl für sie zu trommeln in der „ganz starken Region Ostwestfalen-Lippe“. In den kühlen Morgenstunden steht sie irgendwo auf der Ost-West-Achse zwischen Hannover und Osnabrück. Der Ludwig-Steil-Hof in Espelkamp hat sich herausgeputzt, um der Ministerpräsidentin das Gelände zu zeigen. In der evangelischen Stiftung gibt es in langer Tradition eine Alten-, Jugend- und Flüchtlingshilfe. Kraft gefällt, dass hier niemand nörgelt, „sondern einfach anpackt“ und – eine ihrer Lieblingsformulierungen seit der Flüchtlingsbewegung – „Haltung zeigt“.

„Immer gut, Ziele zu haben“

In einem Klassenzimmer der Espelkamper Bischof-Hermann-Kunst-Schulen spricht sie mit Jugendlichen aus Afghanistan. „Ihr seid fleißig, ja?“ Die Jungs nicken, wirken recht zielstrebig. Auf die Frage nach ihren Berufswünschen entgegnen sie, sie wollten Zahnarzt und Automechaniker werden. „Heißt ja jetzt Mechatroniker“, korrigiert Kraft. „Es ist immer gut, Ziele zu haben.“

Zurück auf dem Schulflur zieht der Tross hinter Kraft und dem Abgeordneten Ernst-Wilhelm Rahe an einem bunten Wandschild vorbei, das einen Punkt des SPD-Wahlprogramms herausgegriffen haben könnte: „Vielfalt fördern“. Genau das habe das bevölkerungsreichste Bundesland erst stark gemacht, sagt Kraft. Darauf könne man stolz sein. Der Ludwig-Steil-Hof sei ein „Glücksfall“.

Auf dem Wahlkampfbus prangt in riesigen Großbuchstaben der Hashtag #NRWIR. Am Straßenrand fragt man sich, was das heißen soll. Das Kurzwort aus den sozialen Netzwerken stehe für den Zusammenhalt des Landes, erklärt Kraft, mit all seinen Schattierungen. In einem Ingenieurbetrieb in Herford lobt sie neben ihrem Landtagskollegen Christian Dahm einen jungen Mann, der vor zwei Jahren aus Aleppo geflüchtet ist und nun eine Ausbildung anstrebt.

Plauderei auf dem Sofa

In der Bünder Fußgängerzone hat die SPD zwischen einem Eiscafé und einem Billigkaufhaus ein weinrotes Sofa aus der Recyclingbörse aufgestellt. Ungefähr 150 Menschen stehen davor; einige steigen zu Kraft und der Abgeordneten Angela Lück auf die Bühne, konfrontieren die Kandidatinnen mit Fragen zur Flächennutzung und zum Fernsehbeitrag, zu Flüchtlingen und zur Familienpolitik. Diejenigen, die hart an der Kante akzeptabler Argumentation stehen, fängt Kraft charmant ein. Sie ist gut drauf an diesem Tag. Eine junge Frau punktet im Gespräch, als sie sich über die Lage der Kindergärten in der Stadt beschwert. Zahlreiche Familien erhielten Absagen, sagt sie – was Kraft da tun könne? Die Ministerpräsidentin spielt die Karte an die Kommunen. Sie trügen die Verantwortung für die Engpässe.

In ihrem Bus soll Kraft gegenüber den Journalisten „kurz Bilanz ziehen“ über die vergangenen fünf Jahre der rot-grünen Landesregierung. Ihre Partei setze ja nun auf soziale Gerechtigkeit, sagt jemand. Gewiss, entgegnet Kraft, schon richtig. Sie hat aber keine Lust, den Sprechzettel des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz aufzugreifen. Lieber referiert sie über innere Sicherheit.

Sicherheit ein Hauptthema

Während es im Landtag seit Monaten vor allem um die Kölner Silvesternacht und den Umgang der NRW-Behörden mit Anis Amri geht, falle ihr nun auf, dass man sich landesweit eher über Wohnungseinbrüche ärgere. „Das beunruhigt die Menschen am meisten.“

„NRWIR im Einsatz vor Ort“ heißt die Veranstaltung am Abend in der Ravensberger Spinnerei. Man spricht über die von der SPD versprochene weitgehende Gebührenfreiheit in den Kitas. 30 beitragsfreie Stunden seien schon eine gezielte Entlastung, sagt Familienministerin und Lokalmatadorin Christina Kampmann (SPD). Freilich wolle man die Qualität nicht vergessen.Angesichts der Finanzierung verweist Kraft auf ihr Verhandlungsgeschick beim Länderfinanzausgleich und erzählt von der jungen Frau in Bünde. Sie versichert noch einmal, dass der Rechtsanspruch schon jetzt gilt. Quer durch die Politikfelder habe ihre Partei „gute Grundlagen gebildet“. Kraft, die Wahlkämpferin, sie bringt sich auf Kurs.


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