16.11.2016, 17:13 Uhr

Prozess vor dem Amtsgericht Lehrer verschickt Nacktfotos von Schülerin: War es Stalking?

Ein Lehrer führt eine Beziehung mit seiner Schülerin – ob das strafrechtlich relevant ist, muss am Verwaltungsgericht in Münster geklärt werden. Archivfoto: Arne Dedert/dpaEin Lehrer führt eine Beziehung mit seiner Schülerin – ob das strafrechtlich relevant ist, muss am Verwaltungsgericht in Münster geklärt werden. Archivfoto: Arne Dedert/dpa

Osnabrück/Münster. Vor dem Amtsgericht in Münster wird ein kurioser Fall verhandelt: Ein heute 46-jähriger Lehrer hatte eine sexuelle Beziehung zu seiner damals 16-jährigen Schülerin – einvernehmlich, wie beide Seiten sagen. Doch was nach der Trennung 2013 geschah, darüber gehen die Sichtweisen auseinander. Vor Gericht wurde jetzt wegen Stalking verhandelt. Das Urteil wird für den 25. November erwartet.

Der Fall hatte im September deutschlandweit Schlagzeilen gemacht: „Playmate verklagt (S)Ex-Lehrer wegen Nacktbild“ titelte die Bild-Zeitung . „Playmate bringt Ex-Lehrer nach Liaison vor Gericht“ hieß es im Focus . „Pädagoge auf der Anklagebank – Lehrer verschickte Nacktfoto einer Schülerin“ schrieben die Westfälischen Nachrichten . Und sogar eine News-Website aus Australien berichtete: „Teacher accused of revenge porn against former student, who is now a Playboy model“ (zu Deutsch: „Lehrer wird beschuldigt, pornografisches Material von einer ehemaligen Schülerin zu verbreiten, die jetzt Playboy-Modell ist.“)

Auch nach dem Verfahren vor dem Amtsgericht Münster bleiben in dem Fall noch viele Fragen offen – Fragen, die auch das Gericht nicht klären kann. Ist ein sexuelles Verhältnis zwischen einem Lehrer und seiner ehemaligen Schülerin wenn es nicht strafbar ist auch gleichzeitig auch moralisch unverfänglich? Wie kam es zu der ungeheueren medialen Aufmerksamkeit? Und wer gewinnt eigentlich in einem Verfahren, das einen Lehrer wohl seinen Job kosten und durch das eine junge Frau in aller Öffentlichkeit stigmatisiert wird?

Lehrer verließ Frau und Kinder

Klar ist nur so viel: Michael K., Lehrer einer Münsteraner Schule, hatte eine sexuelle Beziehung zu seiner ehemaligen Schülerin Charlotte C. Die beiden kamen sich auf einer Ferienfreizeit in London näher – nachdem C. die Schule schon beendet hatte. Lehrer K. hatte die Abschlussfahrt begleitet. Im Gespräch mit unserer Redaktion sagt er heute, seine ehemalige Schülerin sei auf ihn zugegangen, und das nicht zum ersten Mal. In einem 37 Punkte umfassenden Facebook-Post schildert er seine vergeblichen Versuche, ihre Avancen zu ignorieren. Er sei dem Charme der damals 16-Jährigen aber dann doch verfallen und habe für sie Frau und Kinder verlassen. „Als Lehrer hätte er in dieser Situation auf Distanz gehen müssen“, sagt dagegen der Vater von Charlotte C., ein bekannter Anwalt aus Münster. Er findet: „Herr K. war moralisch in der Pflicht.“

Auch der Vater bestätigt allerdings: Aus der Liaison zwischen dem Lehrer und seiner Tochter sei eine längere Liebesbeziehung entstanden. Strafbar sei das nicht, erklärt Martin Botzenhardt von der Staatsanwaltschaft Münster. Schließlich sei die Schülerin zum fraglichen Zeitpunkt bereits 16 Jahre alt gewesen. „Damit lässt sich Paragraf 174 des Strafgesetzbuchs nicht mehr anwenden“, so Botzenhard.

Vom Opfer zum Playmate

Ein weiterer Anklagepunkt bezog sich zunächst auch auf die Verbreitung jugendpornografischer Inhalte. Nach der Trennung von C. schickte der Lehrer ein Nacktfoto von seiner jungen Ex-Freundin an ihren neuen Geliebten – möglicherweise aus Eifersucht. K. selbst schreibt bei Facebook, er sei betrunken gewesen und habe eigentlich ein anderes Bild senden wollen. Doch in diesem Punkt wurde das Verfahren eingestellt. (Hier geht es weiter: Schülerin wegen Sex-Video gemobbt. )

Ein pikantes Detail: Charlotte C. hat sich nach der Trennung von K. für den Playboy ausgezogen. In der September-Ausgabe ist sie unter einem Künstlernamen zu sehen. Die Bilder zeigen sie oben ohne. Auch auf ihrem Facebook-Profil und bei Instagram zeigt sich die 20-Jährige leicht bekleidet. Für ihren Vater sind die Bilder ein „Befreiungsschlag“ seiner Tochter gewesen, um der medialen Aufmerksamkeit den Wind aus den Segeln zu nehmen. Michael K. dagegen sieht in dieser „schamlosen Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit“ den Hilfeschrei einer gestörten Persönlichkeit.

Rote Rosen im Fahrradkorb

Ein anderer Anklagepunkt steht noch im Raum und könnte durchaus strafrechtliche Konsequenzen haben: der des Stalkings. Michael K. hätte sich seiner ehemaligen Schülerin und dem Wohnhaus ihrer Eltern auf richterliche Anordnung nicht nähern dürfen. Dass er es trotzdem tat, wollen Charlotte C. und ihre Familie mit genauen Protokollen der Vorkommnisse belegen. „Es handelt sich um eine ständige Beobachtung in der Öffentlichkeit oder Vorbeifahrten an unserem Wohnhaus“, so ihr Vater. „Außerdem fand Charlotte mehrere Wochen lang an jedem Morgen rote Rosen in ihrem Fahrradkorb.“

Der Lehrer gibt zu, dass er seine Ex-Freundin mit kleinen Aufmerksamkeiten habe zurückgewinnen wollen. Den Vorwurf des Stalkings will er aber nicht gelten lassen: „Ich kann wohl kaum wissen, dass Sie freitags nachmittags um 16.11 Uhr mit dem Rad über den Prinzipalmarkt fährt.“ Auch nächtliche Besuche am Wohnhaus der Familie C. bestritt er im Gespräch mit unserer Redaktion. „Ich soll vermummt gewesen sein und sie wollen mich trotzdem erkannt haben – das ist doch sehr unglaubwürdig.“

Welche Version stimmt, darüber entscheidet das Amtsgericht. Am 25. November wird das Urteil erwartet. Die Staatsanwaltschaft plädierte für eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten, die unter Auflagen zur Bewährung ausgesetzt werden kann. K.s Anwalt will dagegen einen Freispruch für seinen Mandanten erreichen. Egal wie die Entscheidung ausfällt: Gerechtigkeit kann sie aus Sicht des Vaters von Charlotte C. nicht bringen: „Es ist keine gerechte Strafe, weil das Leid, das meiner Tochter und der ganzen Familie widerfahren ist, dadurch nicht ausgeglichen werden kann.“ Und auch Michael K. ist zwar „unendlich froh, dass endlich ein Schlussstrich unter die Missbrauchs- und Kinderpornografievorwürfe gezogen wurde.“ Aber seinen größten Wunsch, wieder in den Schuldienst zurückzukehren, sieht er selbst inzwischen als unwahrscheinlich an. Mehr als vier Jahre nach der verhängnisvollen Ferienfreizeit sagt er: „Es war ein absoluter Fehler, sich auf diese Beziehung einzulassen.“ (Lesen Sie weiter: Missbrauchsvorwurf gegen Herforder Ratsherren )


Auszug aus dem Strafgesetzbuch: § 174 zum sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen

(1) Wer sexuelle Handlungen

  • 1.an einer Person unter sechzehn Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut ist,
  • 2.an einer Person unter achtzehn Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut oder im Rahmen eines Dienst- oder Arbeitsverhältnisses untergeordnet ist, unter Mißbrauch einer mit dem Erziehungs-, Ausbildungs-, Betreuungs-, Dienst- oder Arbeitsverhältnis verbundenen Abhängigkeit oder
  • 3.an einer Person unter achtzehn Jahren, die sein leiblicher oder rechtlicher Abkömmling ist oder der seines Ehegatten, seines Lebenspartners oder einer Person, mit der er in eheähnlicher oder lebenspartnerschaftsähnlicher Gemeinschaft lebt,

vornimmt oder an sich von dem Schutzbefohlenen vornehmen lässt, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

(2) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren wird eine Person bestraft, der in einer dazu bestimmten Einrichtung die Erziehung, Ausbildung oder Betreuung in der Lebensführung von Personen unter achtzehn Jahren anvertraut ist, und die sexuelle Handlungen

  • 1.an einer Person unter sechzehn Jahren, die zu dieser Einrichtung in einem Rechtsverhältnis steht, das ihrer Erziehung, Ausbildung oder Betreuung in der Lebensführung dient, vornimmt oder an sich von ihr vornehmen lässt oder
  • 2.unter Ausnutzung ihrer Stellung an einer Person unter achtzehn Jahren, die zu dieser Einrichtung in einem Rechtsverhältnis steht, das ihrer Erziehung, Ausbildung oder Betreuung in der Lebensführung dient, vornimmt oder an sich von ihr vornehmen lässt.

(3) Wer unter den Voraussetzungen des Absatzes 1 oder 2

  • 1.sexuelle Handlungen vor dem Schutzbefohlenen vornimmt oder
  • 2.den Schutzbefohlenen dazu bestimmt, dass er sexuelle Handlungen vor ihm vornimmt,

um sich oder den Schutzbefohlenen hierdurch sexuell zu erregen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(4) Der Versuch ist strafbar.

(5) In den Fällen des Absatzes 1 Nummer 1, des Absatzes 2 Nummer 1 oder des Absatzes 3 in Verbindung mit Absatz 1 Nummer 1 oder mit Absatz 2 Nummer 1 kann das Gericht von einer Bestrafung nach dieser Vorschrift absehen, wenn das Unrecht der Tat gering ist.

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