19.10.2016, 15:09 Uhr

Prozessauftakt in Münster Kollision mit Güllefass: Angeklagter schildert tödlichen Unfall


Münster. Als der Lokführer im Mai 2015 das Güllefass auf dem Bahnübergang bei Ibbenbüren erblickte und die Notbremsung einleitete, war es bereits zu spät. Mit 127 Stundenkilometer krachte der Zug in den Anhänger. Der Lokführer selbst und eine Passagierin starben. Seit diesem Mittwoch steht der Mann vor Gericht, der Schuld an dem tödlichen Unfall sein soll.

Mit stockender Stimme berichtete der 25-Jährige dem Gericht vom Unglückstag, an dem er auf dem Bauernhof einer befreundeten Familie aushalf. Gülle aufladen, zur Biogasanlage fahren und wieder zurück. Fünf Mal ging das an diesem Tag gut, beim sechsten Mal aber passierte die Katastrophe: Auf dem Bahnübergang löste sich das Güllefass und blieb auf den Schienen stehen. (Weiterlesen: Der erste Prozesstag zum Nachlesen)

Verzweifelte Rettungsversuche

Nichts ging mehr, die Bremsen des mächtigen Anhängers blockierten, das Stützrad war abgebrochen. Der gelernte Nutzfahrzeugmechatroniker rief den Notruf, warnte die Polizei. „Ich hatte gehofft, dass die irgendwie die Züge stoppen.“ Ein Landwirt in der Nähe hatte gesehen, dass etwas passiert war. Mit Kette und Trecker eilte er zur Hilfe. Zu spät. Die Schranken senken sich, 25 Sekunden später kommt die Westfalenbahn herangerauscht. „Ich bin einfach in irgendeine Richtung gerannt und wollte den Zugführer warnen. Leider vergebens.“ (Weiterlesen: Ein Passagier berichtet von der Unglücksfahrt)

  

„Ich bin einfach zusammengesackt“

Ein Sicherungsbolzen fehlte, deswegen löste sich der Anhänger und blieb auf dem Bahnübergang liegen. Foto: Jörn Martens

Der Lokführer stirbt durch den Aufprall. Die Deichsel des Anhängers schlitzt die Seite des Zuges auf. Eine Passagierin erleidet tödliche Verletzungen, 15 weitere zum Teil schwere. Gülle ergießt sich in den Innenraum des Zuges. „Dann bin ich einfach auf dem Feld zusammengesackt“, sagt der Angeklagte über den Moment als die Westfalenbahn mehr als 300 Meter hinter dem Bahnübergang total zerstört zum Stillstand kommt. Rechts neben ihm sitzen die Eltern der getöteten Passagierin.

Sicherheitsbolzen fehlte 

Ein Sicherheitsbolzen fehlte. Deswegen löste sich der Anhänger an genau dieser leicht erhöhten Stelle, schilderte ein Gutachter, der das Unglück mit Spielsachen im Gerichtssaal nachspielt. Ein Kontrollblick vor Fahrtantritt hätte gereicht, und die Katastrophe wäre nie passiert. Der Angeklagte hätte sich überzeugen müssen, dass das Güllefass ordnungsgemäß angehängt war, sagt der Staatsanwalt. Auch wenn das Fass von jemand anderem an den Trecker gehängt worden war. Zweifache fahrlässige Tötung wirft der Staatsanwalt dem 25-Jährigen vor.

 

„Er lacht nicht mehr“

Der räumt genau das ein: fahrlässig gehandelt zu haben. Die Schuldfrage ist damit klar. „Es tut mir wahnsinnig leid. Ich bereue zutiefst. Wenn ich es könnte, würde ich es ungeschehen machen“, sagte er, bevor ihm die Stimme versagt. Nachwievor passiert er auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag den Bahnübergang, an dem das Unglück passierte. Er wohnt neben der Bahnstrecke. Wenn die Züge abends vorbeiführen, werde er wach. Vor dem Gerichtssaal gibt sein Anwalt Einblick in das Innenleben des Angeklagten: „Er lacht nicht mehr.“

 

Urteil bereits am Montag?

Der 25-Jährige muss mit der Schuld leben, genauso wie die Hinterbliebenen mit dem Verlust. Doch was ist die Strafe für diese Schuld? Möglicherweise wird das Gericht bereits am Montag ein Urteil sprechen. Denkbar wären eine Geld- oder Gefängnisstrafe.


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