19.04.2017, 09:48 Uhr

Briten wollten Insel „wehruntüchtig“ machen Vor 70 Jahren bebte Helgoland: 6700 Tonnen Sprengstoff gezündet


Helgoland. Der Rauchpilz über Helgoland stieg damals fast 1500 Meter hoch in den Himmel, Teile des markanten roten Sandsteins stürzten in die Nordsee. Die Felseninsel „überlebte“ jedoch die gigantische Sprengung vor 70 Jahren, denn der relativ weiche Buntsandstein der Insel absorbierte einen Großteil der Sprengwirkung.

„Selbst im mehr als 100 Kilometer entfernten Hamburg gab es noch Warnungen wegen der britischen Militäroperation Big Bang“, sagte am Dienstag Helgolands Tourismusdirektor Klaus Furtmeier.

6700 Tonnen Munition und Sprengstoff detonierten und schlugen bis heute unheilbare Wunden in die Topographie von Deutschlands einziger Hochseeinsel. Es ging um die Zerstörung der 1945 weitgehend unbeschädigt gebliebenen U-Boot-Bunker sowie der weit verzweigten 15 Kilometer langen Festungsanlagen.

Größte nicht atomare Sprengungsaktion

Die Dimension der in der Weltgeschichte bislang größten nicht atomaren Sprengungsaktion ist nur schwer vorstellbar. Die US-Streitkräfte warfen Anfang April ihre größte Bombe GBU-43 („Mother of all Bombs“) über Afghanistan ab - sie hat mehr als 8000 Kilogramm Sprengstoff und elf Tonnen TNT-Äquivalent. Rein rechnerisch hätte es 609 solcher moderner Monster-Bomben gebraucht, um die Zerstörungskraft wie am 18. April 1947 auf Helgoland zu erreichen.

Für die „Operation Big Bang“ stapelten die Briten viertausend Torpedosprengköpfe, neuntausend Wasserbomben und neunzigtausend Granaten in das vom deutschen Militär geschaffene Tunnellabyrinth Helgolands. Per Fernzünder von einem Schiff aus neun Kilometer Entfernung lösten die Briten die Sprengung aus.

Britische Truppen sprengen am 18. April 1947 mit 6700 Tonnen Munition einen Teil der Nordseeinsel Helgoland (Schleswig-Holstein). Archivfoto: dpa

Dabei wurden nicht nur die militärischen Anlagen vernichtet, sondern im Süden ein Teil der Steilküste aus Buntsandstein mitgerissen. Geröllmassen bedeckten einen Teil des Unterlandes: Das oberhalb des Hafens liegende Mittelland war entstanden.

„Die immer noch verbreitete Ansicht, die Briten hätten Helgoland komplett zerstören und in der Nordsee verschwinden lassen wollen, ist definitiv falsch“, sagte Furtmeier. „Ich habe mir den militärischen Befehl extra nochmal durchgelesen, da steht ausdrücklich drin, die Insel „auf Dauer wehruntauglich“ zu machen.“

Helgoland liegt militärstrategisch günstig in der Deutschen Bucht. Im Zweiten Weltkrieg sollte die kleine Insel als deutsche Militärbasis massiv ausgebaut werden, was aber nicht in dem Maße erfolgte.

Zum Zeitpunkt der Sprengung war Helgoland schon seit zwei Jahren nicht mehr bewohnt. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, ebenfalls am 18. April (1945), legten fast 1000 britische Bomber sämtliche Gebäude in Schutt und Asche. In Bunkeranlagen konnten die 2500 Bewohner überleben, das Eiland wurde aber Tage später geräumt.

Ein Glas Wein im Bombenkrater

Jahrelang nutzte die britische Luftwaffe nach Ende des Zweiten Weltkriegs das Felsen-Eiland als Übungsplatz für ihre Bomber. Erst 1952 durften die über ganz Norddeutschland verstreuten Helgoländer auf ihre Insel zurück. Heute leben knapp 1500 Menschen dort. „Die Helgoländer haben ein viel intensiveres, tiefer gehendes Heimatgefühl als andere“, sagte Furtmeier.

„Die Ungewissheit, ob sie überhaupt und wann sie zurückkehren könnten, haben die Gefühlswelt der Menschen geprägt.“ Hinzu kämen die sichtbaren Veränderungen der Insel durch Bomben und Sprengungen – „etwa Bombenkrater, die manche Touristen heute nutzen, um windgeschützt ein Glas Wein zu genießen.“

Jeweils am 18. April gedenken die Helgoländer der „Operation Big Bang“ und der Bombenangriffe. „Das sonnige Wetter am Dienstag ließ umso traumatischer das Leid und Elend von damals bewusst werden“, sagte Pastorin Pamela Hansen. Protestanten und Katholiken feierten in St. Nicolai einen ökumenischen Gottesdienst, bei dem die Helgoländer Glocke - sie war zur Wieder-Besiedelung Helgolands 1952 gestiftet worden - und die Totenglocke zur Erinnerung an die Opfer der beiden Weltkriege erklangen. An einer Gedenktafel wurde ein Kranz niedergelegt.

Als Urlaubsziel wird Helgoland mit seinen weißen Sandstränden immer beliebter. „Das gilt vor allem für Urlauber, die auch über Nacht bleiben“, sagte Furthmeier. 2016 kamen 359 000 Tagesgäste und Urlauber - rund 19 Prozent mehr als 2015.


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