16.12.2016, 05:33 Uhr

Kritik an offizieller Zugvogel-These Vogelgrippe: Wie kam der tödliche Erreger nach Europa?


Osnabrück. Wie verbreitet sich die Vogelgrippe in Europa? Immer lauter werden die Stimmen derjenigen, die Zweifel an der offiziellen Lesart äußern, wonach Zugvögel den todbringenden Erreger einschleppen. Die Geflügelwirtschaft sei selbst schuld, heißt es. Ein Kampf um die Deutungshoheit hat begonnen. Und auf behördlicher Seite bröckelt die Front.

  • - Bundesweit sind bisland 540 Vogelgrippe-Fälle bei Wildvögeln nachgewiesen worden, zehn davon in Niedersachsen.
  • - Die offizielle These lautet: Zugvögel haben den Erreger eingeschleppt. Doch daran werden Zweifel lauter.
  • - Aus dem niedersächsischen Landwirtschaftsministerium heißt es: „Das Ministerium hat erhebliche Zweifel an der Wildvogelthese als alleinige Ursache der Vogelgrippe.“

Was die Fachleute des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI) sagen, ist quasi Gesetz. Die Einschätzungen der Experten des Bundesforschungsinstituts von der Ostsee-Insel Riems sind maßgeblich für das Handeln der Behörden im Fall von Tierseuchen. Bei der Vogelgrippe heißt das: Aller Wahrscheinlichkeit nach haben Zugvögel den Erreger H5N8 als todbringende Fracht aus Asien mitgebracht.

„Scheuklappen-Mentalität“

Doch nicht alle wollen diese aus ihren Augen einseitige Schuldzuweisung akzeptieren. Der Naturschutzbund (Nabu) wirft den Forschern „Scheuklappen-Mentalität“ vor. In einer Mitteilung heißt es: „Zahlreiche Indizien sprechen vor allem für eine Verbreitung des Virus durch die Geflügelwirtschaft selbst.“ Nach Auffassung des Nabu ist das Virus möglicherweise über Geflügeltransporte aus China nach Europa gelangt. Zunächst nach Ungarn, das wiederum Geflügel vor allem nach Deutschland, Polen und Österreich exportiert.

Belege dafür hat der Nabu nicht, aber: „Die Tatsache, dass diese Ausbruchsherde meist in unmittelbarer Nähe großer Schlachthöfe oder an den vermuteten Routen und Rastplätzen von Lebendgeflügel-Transporten liegen, ruft dringend nach einer eingehenden Überprüfung aller Transporte zwischen den betroffenen Betrieben und Schlachthöfen in den genannten Ländern“, heißt es in der Mitteilung.

Wie kommt Erreger in den Stall?

Im Interview mit dem „Spiegel“ vertritt auch der Ornithologe Josef Reichholf die Auffassung, die Branche sei selbst schuld. Seine These: Aus den Geflügelhaltungen heraus wurden die Wildtiere über das Ausbringen von Mist auf Feldern infiziert. Ein erkrankter Zugvogel, so seine Behauptung, könne kaum über Tausende Kilometer fliegen. Das Tier „wäre während des Fluges verendet – es sei denn, es hat sich erst hier bei uns angesteckt.“ In der Konsequenz sei damit auch die Stallpflicht für Millionen Stück Nutzgeflügel sinnlos. (Weiterlesen: Verbrauchertipps: Gibt es bei Stallpflicht noch Freilandeier?)

Reichholf verweist zudem darauf, dass der Erreger in geschlossenen Stallanlagen nachgewiesen wurde. „Welcher infizierte Schwan […] hat Zutritt zu einer geschlossenen Hühnerfarm“, fragt der Honorarprofessor in dem Interview. Aber wie gelangte der zuerst in Asien festgestellte H5N8-Erreger nach Deutschland? Anders als der Nabu hat Reichholf nicht Tiertransporte im Verdacht, sondern Futtermittel, die weltweit gehandelt würden.

Belege fehlen

Die Kritik ist eingängig und für Laien nachvollziehbar. Allein die Belege fehlen. Weder die Kritiker noch die betroffenen Branchen wundert das. Die einen sagen, das FLI würde entsprechende Thesen erst gar nicht überprüfen und dadurch die Wirtschaft schützen. Die anderen sagen, es handle sich um Verschwörungstheorien, die immer dann keimten, wenn wieder die Vogelgrippe grassiere.

Das FLI spricht auf Anfrage von „behaupteten Thesen“ und verteidigt seine Auffassung, die „wissenschaftlich gesichert“ sei. Für Präsident Thomas Mettenleiter handelt es sich um eine Pandemie unter Wildvögeln: Während bereits Hunderte infizierte Kadaver in Deutschland in freier Wildbahn gefunden worden seien, sei der Erreger H5N8 bislang nur in vier Nutztierbeständen nachgewiesen worden.

Todesfälle verschwiegen?

Auch dafür haben die Kritiker wie Ornithologe Reichholf eine Erklärung: Tierhalter würden Todesfälle schlichtweg verschweigen, um eine Keulung ihrer gesamten Bestände zu verhindern. Wissenschaftler halten dagegen: Der Erreger sei so tödlich, dass binnen kurzer Zeit ohnehin ein Großteil der Tiere sterben würde.

Und so geht es hin und her. Peter Radewahn, Geschäftsführer beim Deutschen Verband Tiernahrung etwa hält einen Eintrag über Futtermittel für ausgeschlossen. Er sagt: „Wir importieren keine Futtermittel aus China.“ Zudem gebe es nach wie vor „keinen einzigen Nachweis“ dafür, dass über Futter Viren in Ställe gelangt seien. Die trockene Nahrung sei gänzlich ungeeignet als Lebensraum für Erreger. Der Verband hält einen solchen Eintrag für ausgeschlossen. Branchenkenner vermuten vor allem die Tierhalter als Riskofaktor, weil diese sich nicht an Hygienemaßnahmen hielten. Laut will das aber auch niemand sagen.

Wo die Geflügelpest nachgewiesen worden ist, werden Sperrgebiete eingerichtet. Foto: dpa

Die Sache mit den Nachweisen

Mit den Nachweisen ist es so ein Problem. Martin Ryll, Wissenschaftler an der Tiermedizinischen Hochschule Hannover, sagt, möglicherweise werde nie ganz geklärt, wie der Vogelgrippe-Erreger in geschlossene Anlagen gelangen konnte. An der Zugvogel-Theorie hat er aber keine Zweifel und liefert gleich eine ganze Reihe wissenschaftlicher Aufsätze mit. „Uns als Feldornithologen fällt es selbstverständlich schwer zu akzeptieren, dass ,unsere befiederten Lieblinge‘ an solchen Krankheitsgeschehen ursächlich mitbeteiligt sind, aber es ist aber wohl wissenschaftlich unwiderlegbar gut dokumentiert“, so Ryll. Die FLI-Kritiker wird er damit nicht überzeugen können.

Und selbst auf behördlicher Seite scheint die Front derjenigen zu bröckeln, die die Zugvogelthese glauben. In Niedersachsen, die deutsche Geflügelhochburg, hat es in den vergangenen Wochen zwei Ausbrüche in Putenställen gegeben, die eigentlich von der Außenwelt abgeschottet sind. Einer der beiden Betriebe war bereits 2014 betroffen. (Weiterlesen: Tierschützer kritisieren vorsorgliche Tötung von 92000 Tieren)

Ministerium hat „erhebliche Zweifel“

Im Landwirtschaftsministerium Hannover macht man sich so seine Gedanken. Eine Sprecherin sagt: „Das Ministerium hat erhebliche Zweifel an der Wildvogelthese als alleinige Ursache der Vogelgrippe.“ Deswegen werde in Niedersachsen mindestens genauso viel Aufmerksamkeit wie auf Wildvögel als Verursacher auch auf andere Verbreitungsmöglichkeiten wie Transporte, Futtermittel oder durch Menschen gelegt.

Unterdessen werden in Damme 8500 Putenhähne gekeult. Der Vogelgrippe-Erreger H5N8 war in dem Bestand nachgewiesen worden. „Die Ursache für das Einschleppen des Erregers in den Dammer Betrieb ist weiterhin unklar“, heißt es vom Landkreis Vechta. Bereits seit November galt dort die Stallpflicht. (Weiterlesen: Vogelgrippe in Putenmast in Damme)


Mit der derzeit grassierenden Vogelgrippe-Variante haben sich nach Auskunft der zuständigen Bundesbehörden noch keine Menschen infiziert. Auch von Katzen und Hunden sei kein Fall bekannt, teilte eine Sprecherin des Friedrich-Loeffler-Instituts am Mittwoch mit. Dennoch mahnen die Behörden zur Vorsicht:

Wer einen toten Vogel in der Natur finde, solle ihn nicht berühren, sondern eine Veterinärbehörde oder das Ordnungsamt informieren, sagte die FLI-Sprecherin. Einzelne Bundesländer haben in bestimmten Gebieten verboten, Hunde und Katzen frei herumlaufen zu lassen. Dies zielt darauf ab, dass die Vierbeiner den Vogelgrippe-Erreger nicht verbreiten, etwa weil der Kot infizierter Tiere an den Pfoten oder im Fell haftet oder weil sie sich an toten Vögeln zu schaffen machten.

Eine Übertragung des hochansteckenden H5N8-Erregers über infizierte Lebensmittel ist laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) theoretisch denkbar, aber unwahrscheinlich. Wer sicher gehen will, solle bei der Zubereitung die für Geflügel üblichen Hygieneregeln beachten: Rohe Geflügelprodukte und andere Lebensmittel getrennt lagern und zubereiten. Hände, Geräte und Oberflächen nach der Zubereitung gründlich waschen. Das Fleisch so garen, dass es für mindestens zwei Minuten eine Kerntemperatur von 70 Grad erreicht.

Bei vergangenen Vogelgrippe-Epidemien mit H5N1- oder H7N9-Varianten wurde das Virus selten und fast ausschließlich über direkten Kontakt mit infiziertem, lebendem Geflügel übertragen. (dpa)

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