01.12.2016, 18:32 Uhr

Israels Botschafter beklagt Hetze in Niedersachsen Antisemitismus: „Was ist nur los?“

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat bei einer Rabbinerordination am Donnerstagabend in Hannover Vorwürfe zurückgewiesen, es gebe generelle antisemitische Tendenzen im Land. Foto: dpaNiedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat bei einer Rabbinerordination am Donnerstagabend in Hannover Vorwürfe zurückgewiesen, es gebe generelle antisemitische Tendenzen im Land. Foto: dpa

Hannover. Nach Fällen in Oldenburg, Hildesheim und Delmenhorst gibt sich Israels Botschafter in Berlin beunruhigt über antisemitische und antiisraelische Tendenzen in Niedersachsen. Ministerpräsident Weil spricht von Einzelfällen.

Internationale Politik kann so simpel sein. Zumindest wenn es nach diesem Infostand in Delmenhorsts Fußgängerzone geht: „Israel ist illegal“ steht im November an einem Tapeziertischchen. Darauf zwei Boxen: „Pro“ und Contra“. Wer Israel das Existenzrecht abspricht, wirft einfach einen Chip bei „Pro“ ein. Wer den Staat für legal hält, bei „Contra“. Am Ende steht es 28:21 . Israel verliert.

Die Aktion der muslimischen Polit-Organisation „Die Feder“ ruft nun den israelischen Botschafter in Berlin auf den Plan: „Was ist nur los in Niedersachsen?“, fragt Yakov Hadas-Handelsman in einem Gastbeitrag für die Internetseite der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung “:

Denn „Delmenhorst ist leider kein Einzelfall“, klagt der Botschafter. Er erinnert an den Streit um eine geplante Ausstellung über die Vertreibung von Palästinenserin in Göttingen, die „schlicht auf falscher Geschichtsschreibung basiert“ und die am Ende abgesagt wurde. An den Dauerstreit um einen Oldenburger Lehrer , der in einer lokalen Mitgliederzeitschrift der Lehrergewerkschaft GEW für die Kampagne BDS (Boykott, Desinvestition, Sanktion) warb, die Israel mit einem Boykott zur Änderung seiner Palästinenserpolitik zwingen will.

Und daran, dass an der Hildesheimer Hochschule HAWK eine Dozentin in einem Seminar zur Situation von Jugendlichen in Palästina jahrelang über „gute“ und „böse“ Juden sprechen und den Holocaust im Zweiten Weltkrieg mit der aktuellen Situation zwischen Israel und Palästina vergleichen konnte. Zwar hatten sich Studenten in Rückmeldebögen immer wieder über die mangelnde Wissenschaftlichkeit und „anti-israelische Parolen“ des Seminars gewundert. Trotzdem verteidigte HAWK-Präsidentin Christiane Dienel noch im Sommer das Seminar. Inzwischen haben zwei Gutachten das Hochschulangebot als einseitig, antisemitisch und unwissenschaftlich gebrandmarkt. Dienel muss nun gehen.

Der Botschafter warnt, es gehe nicht nur um Israel: „Niedersachsen hat ein viel größeres Problem, und das geht alle etwas an“, schreibt Yakov Hadas-Handelsman. Antisemitismus stehe nie alleine, sondern insgesamt für die Ausgrenzung von Minderheiten, „Juden sind oft die Ersten, aber nie die Letzten“, mahnt er.

Internationales Aufsehen

Vor dem Botschafter hatte bereits das American Jewish Committee antisemitische Tendenzen in Niedersachsen beklagt. Tatsächlich werden die Vorfälle von internationaler Presse begleitet. Vor allem über den Streit in Oldenburg und Hildesheim berichteten Zeitungen wie die „Jerusalem Post“ immer wieder.

In Hannover meldete sich am Donnerstagnachmittag Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) noch einmal zum Thema. Der SPD-Politiker wies den Vorwurf, es gebe generelle antisemitische Tendenzen, zurück. Allerdings gebe es Einzelfälle, mit denen man sich auseinandersetzen müsse, sagte er am Mittwochabend. Der Anlass war passend: Die liberale jüdische Gemeinde in Hannover führte zwei Rabbiner und einen Kantor neu ins Amt ein.

Die Geistlichen kommen vom Abraham Geiger Kolleg, dessen Chef Walter Homolka früher Landesrabbiner von Niedersachsen war. „Ich kann nicht sagen, dass das hier ein besonderer Ort des Antisemitismus ist“, sagte Homolka am Donnerstagabend.


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