21.06.2016, 16:06 Uhr

Pressekonferenz am Mittwoch Hat Todespfleger Niels H. noch mehr Menschen ermordet?

Niels H. wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Foto: dpaNiels H. wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Foto: dpa

Oldenburg/Delmenhorst. Niels H. sitzt lebenslang im Gefängnis, weil er Patienten zu Tode spritzte. Verurteilt wurde er wegen fünf Taten, doch inzwischen gehen die Ermittler von mindestens 24 möglichen Opfern aus. Weitere Details sollen an diesem Mittwoch bekanntgegeben werden.

Polizei und Staatsanwaltschaft informieren an diesem Mittwoch um 11 Uhr in Oldenburg darüber, ob der ehemalige Krankenpfleger Niels H. noch mehr Menschen als bisher bekannt getötet hat. Der bereits wegen Mordes verurteilte Delmenhorster Ex-Pfleger hatte im Gericht gestanden, für den Tod von bis zu 30 Menschen verantwortlich zu sein. Er spritzte ihnen heimlich eine Überdosis eines Herzmedikaments. Der heute 39-Jährige könnte für eine der größten Mordserien an Krankenhäusern in Deutschland verantwortlich sein. Die Sonderkommission „Kardio“ überprüfte mehr als 200 Verdachtsfälle an früheren Arbeitsstellen des Mannes. Zum Inhalt der geplanten Pressekonferenz wollte sich Soko-Sprecherin Maike Meisterling am Dienstag nicht äußern.

Video: Der Fall Nils H. - „Das Ausmaß ist unvorstellbar“

Vor zwei Monaten hatten die Ermittler bekanntgegeben, dass Gerichtsmediziner nach der Exhumierung bei drei toten Patienten Rückstände des Herzmedikaments nachweisen konnten. Damit war die Zahl der möglichen Opfer von Niels H. auf 24 gestiegen . Insgesamt öffnete die Polizei über 80 Gräber von ehemaligen Patienten des Klinikums Delmenhorst auf niedersächsischen Friedhöfen. Die Ergebnisse der Exhumierung sollten Mitte Juni feststehen.

Pfleger wollte sich als Held aufspielen

Niels H. hatte Unterforderung im klinischen Alltag als Motiv für seine Taten angegeben. Wenn er Kranke wiederbeleben konnte, habe er sich als Held gefühlt. Er will nur in seiner Delmenhorster Zeit von 2003 bis 2005 Patienten geschadet haben. Allerdings zweifelten die Ermittler daran. An seiner vorherigen Arbeitsstelle am Klinikum Oldenburg wurden ebenfalls auffällige Todesfälle untersucht.

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Informationen über Ermittlungen gegen Krankenhausmitarbeiter

Die Soko „Kardio“ will an diesem Mittwoch auch über die Ermittlungen gegen Verantwortliche des Klinikums Oldenburg und des Klinikums Delmenhorst berichten. Ermittelt wurde in der Vergangenheit wegen Totschlags durch Unterlassen. Im Prozess hatten frühere Delmenhorster Kollegen ausgesagt, dass es auffällig oft Wiederbelegungen in Niels H.s Schichten gab. Zudem stieg der Verbrauch des Herzmedikaments in seiner Zeit auf der Intensivstation sprunghaft, die Todesrate verdoppelte sich beinahe.

Die Pressekonferenz kann auf unserer Website live im Stream verfolgt werden.


Die wichtigsten Stationen im Fall Niels H.

1999-2002: Der Pfleger beginnt am Klinikum Oldenburg. Auf zwei Stationen ist er auffällig oft bei Wiederbelebungen dabei. Die Polizei untersucht dort zurzeit den Tod von mehr als 20 Patienten.

2003-2005: Der Angeklagte arbeitet als Pfleger auf der Intensivstation am Klinikum Delmenhorst. Die Todesrate in der Abteilung verdoppelt sich in dem Zeitraum beinahe. Die Ermittler gehen dort aktuell 163 Fällen nach. Außerdem fährt der Pfleger in seiner Freizeit für die Rettungssanitäter im Kreis Oldenburg.

Juni 2005: Eine Krankenschwester ertappt den Mann im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat. Die Polizei ermittelt.

2006: Das Landgericht Oldenburg verurteilt ihn wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil.

Januar bis Juli 2008: Der Mann arbeitet als Pfleger in einem Altenheim in Wilhelmshaven. Von März bis Oktober fährt er außerdem als Rettungssanitäter für das Deutsche Rote Kreuz in Wilhelmshaven.

Juni 2008: Das Landgericht verurteilt den Mann im Revisionsprozess zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen Mordversuchs. Im Dezember wird das Urteil rechtskräftig. Das Berufsverbot tritt in Kraft.

Januar 2014: Die Staatsanwaltschaft erhebt erneut Anklage gegen den Mann. Diesmal wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs. Der Prozess beginnt im September.

26. November: Es wird bekannt, dass gegen zwei frühere Staatsanwälte wegen des Verdachts der Strafvereitlung im Amt ermittelt wird.

Januar 2015: Der psychiatrische Gutachter verliest eine Erklärung des Angeklagten. Darin gesteht er 90 Taten am Klinikum Delmenhorst. Bis zu 30 Patienten sollen gestorben sein.

26. Februar 2015: Die Verteidigung hält ihr Plädoyer auf Totschlag. Die Richter verkünden das Urteil: Lebenslange Freiheitsstrafe, besondere Schwere der Schuld, lebenslanges Berufsverbot.

9. März 2015: Das Urteil im Mordprozess ist rechtskräftig.

12. März 2015: Die Exhumierungen möglicher Mordopfer beginnen an der Urneburger Straße in Ganderkesee. Der Wirkstoff Ajmalin wird bei zwei Leichen nachgewiesen.

20. April 2015: Die Staatsanwaltschaft Osnabrück klagt einen Ex-Oberstaatsanwalt aus Oldenburg an, Ermittlungen gegen Niels H. verschleppt zu haben.

15. Juli 2015: Nach weiteren Exhumierungen in Delmenhorst gibt es Hinweise auf weitere mögliche Opfer von Niels H. Insgesamt erhöht sich die Anzahl der Ajmalin-Nachweise auf 10. Bei 19 untersuchten Leichen konnten keine Spuren nachgewiesen werden.

4. September 2015: Angehörige von Mordopfern des Pflegers erhalten erstmals Entschädigungszahlungen. Eine Familie bekommt 30.000 Euro.

8. Oktober 2015: Die Exhumierungen auf zwei weiteren Friedhöfen in Delmenhorst sind abgeschlossen. Der Wirkstoff Ajmalin wurde bei vier weiteren Leichen nachgewiesen.

13. Januar 2016: Die Exhumierungen auf Friedhöfen in Stuhr und Bookholzberg sind abgeschlossen. Bei fünf weiteren Toten wird der Wirkstoff Ajmalin nachgewiesen – Insgesamt steigt die Zahl der Ajmalin-Nachweise auf 21 an.

13. April 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei legen die Ergebnisse von insgesamt 77 Exhumierungen vor. In 24 Fällen wurde der Wirkstoff Ajmalin nachgewiesen, obwohl die Patienten nicht mit dem Medikament Gilurytmal behandelt wurden.

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