01.12.2015, 06:13 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Sicherheitsbehörden alarmiert Salafisten warben unter Flüchtlingen in Bramsche-Hesepe

Bekannt wurde die salafistische Bewegung in Deutschland vor allem durch Koran-Verteilaktionen in Innenstädten. Verstärkt werben die Flüchtlinge jetzt auch um Flüchtlinge. Foto: dpaBekannt wurde die salafistische Bewegung in Deutschland vor allem durch Koran-Verteilaktionen in Innenstädten. Verstärkt werben die Flüchtlinge jetzt auch um Flüchtlinge. Foto: dpa

Osnabrück. Die Sicherheitsbehörden in Niedersachsen verzeichnen immer mehr Anwerbeversuche von Salafisten im Umfeld von Flüchtlingsunterkünften. Zu einem eher ungewöhnlichen Fall soll es dabei in der Erstaufnahmeeinrichtung Bramsche-Hesepe gekommen sein: Dort sollen nach unseren Recherchen zwei Flüchtlinge versucht haben, andere Lager-Bewohner für die radikale Ideologie zu werben.

Aus Sicherheitskreisen ist zu erfahren, dass die zwei Männer als Flüchtlinge nach Deutschland eingereist sind. In dem zeitweise vielfach überbelegten Lager in Hesepe sollen sie mit Bettlaken ein Separee geschaffen und hier beispielsweise Musik abgespielt haben, die dem Salafismus zuzuordnen sein soll. Die Werbeversuche seien allerdings entdeckt worden, heißt es. Die Männer seien mittlerweile nicht mehr in Hesepe untergebracht. Wo sie sich derzeit aufhalten, war nicht zu erfahren.

„Ich zeige Dir das Paradies“

Bislang waren vorwiegend Fälle bekannt geworden, bei denen Salafisten von außen versucht hatten, Flüchtlinge vor den Unterkünften abzufangen. Sie sollen Flyer an die Migranten verteilt oder Mitfahrgelegenheiten zu Moscheen angeboten haben. Auch Spenden sollen verteilt worden sein.

„Islamisten nutzen es taktisch aus, dass sich die Flüchtlinge in einer besonderen Situation befinden“, heißt es auf Anfrage beim niedersächsischen Verfassungsschutz. Die Salafisten würden ihre ideologischen Absichten zunächst in den Hintergrund und ein vermeintlich humanitäres Anliegen in den Vordergrund stellen. Erst im Laufe der Zeit würden sie ihre wahren Ansichten offenbaren. In Schleswig-Holstein soll dabei etwa die Aussage gefallen sein: „Komm zu uns. Ich zeige Dir das Paradies“.

14 Agitationsversuche

Mitte November nannte das niedersächsische Innenministerium auf eine Anfrage der CDU-Fraktion 14 Fälle von Rekrutierungs- oder Agitationsversuchen, die bislang verzeichnet worden seien. Aufgelistet ist auch ein Vorfall in Bramsche-Hesepe. Dem Vernehmen nach soll es sich dabei um die Aktivitäten der beiden Männer handeln. Im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Oldenburg soll es zu zwei weiteren Vorfällen gekommen sein, in Schwanewede und Weyhe. (Weiterlesen: Salafisten suchen Kontakt zu Flüchtlingen in Niedersachsen)

Mehr Anwerbeversuche

Der Verfassungsschutz verzeichnete zuletzt eine steigende Anzahl solcher Anwerbeversuche, heißt es aus Hannover. Als Werber würden dabei vorwiegend Einzelpersonen auftreten, größere Strukturen im Hintergrund seien bislang nicht bekannt. (Weiterlesen: Islamisten: Rückkehrer aus IS-Gebiet in unserer Region)

Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass salafistische Rekrutierungsversuche weiter zunehmen werden. Als Gegenmaßnahme sollen unter anderem die Mitarbeiter der Landesaufnahmebehörde sensibilisiert werden. Knapp 500 Salafisten soll es in Niedersachsen geben. Die Fundamentalisten stehen im Fokus, weil sie eine besonders radikale Form des Islam leben und teilweise für ihre Ideologie rekrutieren. Einige schrecken vor Gewalt nicht zurück. Der Salafismus gilt auch als Wegbereiter des islamistischen Terrorismus. Aus Sicherheitskreisen heißt es: Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist, aber fast immer wenn islamistische Terrornetzwerke in Deutschland auffliegen, haben sie eine Verbindung in die Salafisten-Szene. Einer breiteren Öffentlichkeit in Deutschland wurde der Salafismus als Strömung des Islam durch Koran-Verteilaktionen in Innenstädten bekannt. (Weiterlesen: Muslime verteilen kostenlos Koran in Osnabrücker Innenstadt)

Mehr zur Flüchtlingskrise auf der Themenseite www.noz.de/flüchtlinge


Was ist Salafismus?

Der Begriff „Salafismus“ kommt aus dem Arabischen und bedeutet „die frommen Altvorderen“ (as-salaf as salih). Salafisten predigen einen Islam, der sich eng am Wortlaut des Koran und den Überlieferungen aus dem Leben des Propheten (Sunna) sowie seiner frühen frommen Gefährten orientiert. Sie lassen den historischen Kontext außer Acht. In der Rückbesinnung auf die ersten drei Generationen wollen die Salafisten den ursprünglichen Islam bewahren und leben.

Entstanden ist der Salafismus im 19. Jahrhundert in Ägypten. Er ist geprägt von stark intoleranten Zügen gegenüber anderen Religionen und Religionsgemeinschaften. Salafisten verstehen sich als die einzig wahre Gemeinschaft der Gläubigen, da ihrer Auffassung nach nur sie den Islam so leben, wie Gott ihn vorgeschrieben hat. Daher zählen sie auch alle nicht-salafistischen Muslime zu den Ungläubigen. Nach Ansicht islamischer Theologen ist der Salafismus eher eine Ideologie, die den Islam pervertiert.

Die salafistische Glaubenspraxis umfasst auch Kleidungsvorschriften oder eine spezielle Zahnputztechnik mit einem Holzstock. Viele Salafisten tragen weite Gewänder, lange Bärte und Kopfbedeckungen. Demokratie oder Gleichberechtigung werden als „unislamisch“ abgelehnt. Einige Salafisten gelten zudem als gewaltbereit und befürworten den Dschihad, den „Heiligen Krieg“, um einen Gottesstaat zu errichten. Salafisten gelten daher als geistige Wegbereiter des islamistischen Terrorismus. (epd)

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