15.01.2015, 16:41 Uhr

Randale vor Krankenhaus in Hameln Familienclans: 99 Verfahren in Polizeidirektion Osnabrück

Rettungskräfte und Polizisten vor dem Krankenhaus in Hameln. 14 Beamte wurden verletzt, als etwa 30 Angehörige eines Familienclans gewaltsam in die Klinik eindringen wollten. Foto: dpaRettungskräfte und Polizisten vor dem Krankenhaus in Hameln. 14 Beamte wurden verletzt, als etwa 30 Angehörige eines Familienclans gewaltsam in die Klinik eindringen wollten. Foto: dpa

Hameln/Osnabrück. Ein junger Mann stürzt aus dem siebten Stock des Amtsgerichts in Hameln, später stirbt er in einem Krankenhaus. Angehörige seiner Großfamilie versammeln sich vor der Klinik, es kommt zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Hamelns Landrat spricht von „hemmungsloser Gewalt“. Einmal mehr sorgt ein Familienclan in Niedersachsen für Schlagzeilen. Auch in der Polizeidirektion beschäftigten solche Zusammenschlüsse die Ermittler.

Mit Pflastersteinen und Pfefferspray seien die Ordnungskräfte attackiert worden, teilte die Polizei später mit. Die rund 30 Angehörigen hatten demnach am späten Mittwochnachmittag versucht, in das Krankenhaus einzudringen, in dem um das Leben des 26-Jährigen vergeblich gekämpft wurde. Ein Großaufgebot der Polizei stellte sich der Familie entgegen, 14 Beamte wurden verletzt, Fensterscheiben gingen zu Bruch.

Angehörige vermuten Tötungsdelikt

Warum die Aufregung? Die Deister-Weser-Zeitung zitierte einen Angehörigen: Man gehe davon aus, dass der junge Mann aus dem Gerichtsgebäude gestürzt worden sei. Nach Darstellung der Behörden nutzte der 26-jährige mutmaßliche Tankstellenräuber hingegen einen Termin beim Haftrichter, um aus dem Fenster zu klettern. Er habe den Halt verloren und sei in den Tod gestürzt.

Familienclans auch im Raum Osnabrück auffällig

Ein Polizeisprecher bestätigte unserer Zeitung, es habe sich bei dem Familienclan um sogenannte Mhallamiye-Kurden, kurz M-Kurden, gehandelt. Einige dieser Familien sind in die organisierte Kriminalität verwickelt. Etwa 600 Straftaten rechnet das Landkriminalamt M-Kurden zu – auch im Gebiet der Polizeidirektion Osnabrück. „Ein Teil dieser Familienclans akzeptiert unser Rechtssystem nicht und ist gewaltbereit“, sagt Polizeipräsident Bernd Witthaut. „Das Phänomen tritt in unserer Region nicht so konzentriert auf wie andernorts.“ Aber auch zwischen Teutoburger Wald und Nordseeküste seien Familien bekannt, deren Mitgliedern Straftaten nachgewiesen werden konnten. „Vorfälle hat es bereits in Osnabrück und Aurich gegeben“, so der Polizeichef. Am Rande von Gerichtsverhandlungen seien Polizisten bedroht worden. 99 Verfahren habe die Direktion 2013 mit Tatverdächtigen aus dem Umfeld der Familienclans verzeichnet, 31 davon seien allerdings auf die Kappe eines Beschuldigten gegangen. Im Vorjahr seien es direktionsweit noch 75 Verfahren gewesen.

Schießerei in Lüneburg

Schwierig für die Ermittler: Die Familien kooperieren nicht mit der Polizei, vertrauen Behörden nicht und haben Parallelstrukturen wie „Friedensrichter“ aufgebaut, um Konflikte zu lösen. Darauf wies unter anderen Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen in den vergangenen Monaten hin. So bleiben manchmal auch die Hintergründe von Auseinandersetzungen unklar. Etwa im September, als sich zwei Clans vor einem Krankenhaus in Lüneburg eine Schießerei lieferten.

Wie damals in Lüneburg herrscht nun auch in Hameln Fassungslosigkeit angesichts des Gewaltausbruchs. Die Stadt befinde sich „in einem schockähnlichen Zustand“, so ein Rathaussprecher. (mit dpa)


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