28.08.2014, 19:01 Uhr

„Im Sinne des Tierschutzes“ Weidemark in Sögel: Wachdienst tötet im Notfall nachts Schweine


Osnabrück. Wenn die Schlachter und Tierärzte an Niedersachsens größtem Schlachthof in Sögel Feierabend haben, dann übernehmen die Mitarbeiter eines externen Sicherheitsdienstes die Entscheidung über Tod und Leben der Schweine. Sie erlösen kranke oder verletzte Tiere, zeigen Recherchen unserer Zeitung.

Das Unternehmen heißt Pardos Sicherheitsdienst, Sitz ist Bautzen. Auf der Internetseite wird mit einem Chauffeurservice für VIP geworben, mit Personen- und Begleitschutz, Ermittlung und Observationen. Und Objektschutz. Am Schlachthof Weidemark im Emsland, Teil des Tönnies-Konzerns, wacht Pardos aber nicht nur über das Gelände. Die Firma, deren Mitarbeiter in einem Holzhaus in der Nachbarschaft des Schlachthofs leben, bietet einen ganz besonderen Dienst.

Mit Stromzange

Von 22.30 bis 5 Uhr passen Pardos-Angestellte auf die Schweine auf, die in dieser Zeit per Tiertransport angeliefert und in sogenannte Warteställe abgeladen werden. Hier bleiben die Tiere, bis die Schlachtbänder wieder anlaufen. Nicht immer sind die Schweine quicklebendig. Manchmal haben sie sich unterwegs ein Bein gebrochen oder erleiden im Wartestall einen Kreislaufkollaps. Dann greifen die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes zur Stromzange, betäuben und töten das entsprechende Tier. Ein Veterinär ist nicht anwesend.

Branchenkenner reagieren überrascht, als wir sie mit der Praxis in Sögel konfrontieren. „So etwas habe ich noch nie gehört“ und „kaum zu glauben“, lauten die Reaktionen. Tatsächlich scheint das Vorgehen in Sögel, diese Arbeit an eine Sicherheitsfirma auszulagern, niedersachsenweit relativ einmalig.

Was bei Dritten für Verwunderung sorgt, ist bei Weidemark schon lange üblich: „Dies handhaben wir seit fast vier Jahren so“, teilt ein Unternehmenssprecher auf Anfrage mit. „Wir haben in unseren Warteställen in den Nachtstunden nur sehr geringe, teilweise keine Aktivitäten“, schreibt er weiter. „Trotzdem stellen wir sicher, dass auch in den Nachtstunden eine durchgängige und adäquate Aufsicht vorhanden ist.“

Einen Euro extra

Der Chef des Sicherheitsdienstes reagiert zunächst überrascht. Davon wisse er nichts. Wenig später meldet er sich noch einmal und erklärt: Weidemark habe seinerzeit angefragt, ob seine Mitarbeiter diese Tätigkeit machen könnten. Einige Pardos-Angestellte würden daher die Nottötungen übernehmen. „Das bedeutet in der Stunde einen Euro extra Verdienst im Vergleich zum normalen Wachdienst.“ Die entsprechenden Mitarbeiter hätten einen sogenannten Sachkundenachweis.

Das bestätigt auch Weidemark. Die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes seien vom Veterinärdienst des Landkreises Emsland geschult worden. Folglich seien sie sachkundig, auf die Schweine aufzupassen und diese in seltenen Notfällen auch „entsprechend der Vorschriften“ zu töten. „Die zuständige Aufsichtsbehörde ist entsprechend über diese Praxis informiert.“

Die Aufsicht liegt in diesem Fall bei der Samtgemeinde Sögel. „Im Interesse der Sicherstellung des Tierschutzes“ sei die Regelung getroffen worden, so Erster Gemeinderat Hans Nowak. „Alle getöteten Tiere sind bei Dienstantritt der amtlichen Tierärzte vorhanden, sodass eine Nachbeurteilung gewährleistet ist.“

26 amtliche Tierärzte

Der Betrieb in Sögel ist ein sogenannter öffentlicher Schlachthof. Das heißt: Die Samtgemeinde stellt das nötige Personal für Tier- und Fleischuntersuchung. Laut Nowak sind das derzeit 26 Tierärzte und 87 Fachassistenten. Die Personalkosten für die Samtgemeinde beziffert er mit durchschnittlich rund 346000 Euro im Monat.

Unabhängig von der Praxis in Sögel beobachtet Theodor Mantel, Präsident der Bundestierärztekammer, schon länger einen Trend in der Fleischbranche: Tierärzte würden in Schlachthöfen eingespart. „Wir appellieren an die Kommunen, so viele Veterinäre einzusetzen, wie es die Verbrauchersicherheit und der Tierschutz gebieten. Das ist derzeit nicht immer der Fall“, sagt Mantel. „Die Kommunen müssen sich fragen lassen, was ihnen wichtiger ist: die Gesundheit der Verbraucher oder die Einsparungen bei Personalkosten im Haushalt.“

Gemeinderat Nowak erklärt, Sögel plane derzeit keine Änderung der Mitarbeiterzahl. Von Weidemark ist zu hören, dass die Schlachtkapazitäten ausgebaut werden sollen. Derzeit werden hier rund 85000 Schweine pro Woche geschlachtet. Künftig sollen es 105000 sein, macht dann sieben Millionen Tiere pro Jahr. Weidemark selbst hat 200 fest angestellte Mitarbeiter. Hinzu kommen etwa 1000 Werkvertragsarbeiter.


In Paragraf 4 des Tierschutzgesetzes heißt es:

§ 4 Sachkunde

(1) Wer Tiere betreut, ruhigstellt, betäubt, schlachtet oder tötet, muss über die hierfür notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten (Sachkunde) verfügen.

(2) Der Sachkundenachweis nach Artikel 21 Absatz 1 Buchstabe b der Verordnung (EG) Nr. 1099/2009 wird von der zuständigen Behörde oder der sonst nach Landesrecht beauftragten Stelle (zuständige Stelle) auf Antrag erteilt, wenn die Sachkunde im Rahmen einer erfolgreichen Prüfung nach Maßgabe des Absatzes 3 oder eine nach Artikel 21 Absatz 7 der Verordnung (EG) Nr. 1099/2009 als gleichwertig anerkannte Qualifikation nachgewiesen worden ist.

(3) Auf Antrag führt die zuständige Stelle eine Prüfung der Sachkunde bezogen auf die im Antrag benannten Tierkategorien sowie Betäubungs- und Tötungsverfahren durch. Die Prüfung besteht aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. Sie wird im theoretischen Teil schriftlich und mündlich abgelegt. Die Prüfung erstreckt sich auf die in Anhang IV der Verordnung (EG) Nr. 1099/2009 genannten Bereiche sowie auf Grundkenntnisse der Anatomie und Physiologie, Kenntnisse tierschutzrechtlicher Vorschriften, Grundkenntnisse der Physik und Chemie, soweit diese für die betreffenden Betäubungsarten notwendig sind, und Kenntnisse über Eignung und Kapazität der jeweiligen Betäubungsverfahren.

(4) Die Prüfung ist bestanden, wenn jeweils im theoretischen und praktischen Teil mindestens ausreichende Leistungen erbracht worden sind.

(5) Eine Wiederholung der Prüfung ist frühestens nach drei Monaten zulässig.

(6) Der Sachkundenachweis ist zu entziehen, wenn deren Inhaber mehrfach nicht unerheblich gegen Anforderungen dieser Verordnung oder der Verordnung (EG) Nr. 1099/2009 verstoßen hat und Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass dieses auch weiterhin geschehen wird.

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