29.01.2014, 06:35 Uhr

Nazis nannten ihn „Sachsenschlächter“ So führte Karl der Große das Christentum ein


Osnabrück. War Karl der Große der „Sachsenschlächter“ und damit verantwortlich für das Blutbad von Verden im Jahr 782 mit angeblich 4500 Toten? Viel ist darüber geschrieben worden, nicht allein von Historikern, und manches war nationalsozialistische Propaganda.

Das Blutbad von Verden geschah im Rahmen der Sachsenkriege, die sich mehr als 33 Jahre hinschleppten. Als Karl der Große 772 erstmals gegen die Sachsen zog, ließ er die Irminsul niederreißen, einen als Weltensäule gedeuteten heiligen Baumstamm. So wollte der Frankenherrscher die Überlegenheit des christlichen Gottes beweisen. Nun eskalierte die Gewalt auf beiden Seiten. Es kam zum Kampf der Religionen: Die Sachsen plünderten Kirchen und steckten sie auf ihren Überfällen in Brand, sodass sich Karl der Große 775 entschied, die Sachsen mit ihren heidnischen Dämonenkulten so lange mit Krieg zu überziehen, „bis sie entweder besiegt sich der christlichen Religion unterwerfen oder aber vernichtet sind“.

Taufe oder Tod – so hieß für ihn die Alternative bei dieser Zwangsmissionierung. Sie führte zu Massentaufen von Sachsen, ohne dass diese eine innere Beziehung zum Christentum gewannen. Immer wieder brachen Aufstände aus.

Als Anführer taucht in den historischen Quellen für das Jahr 778 erstmals Widukind auf. Unter der Führung des westfälischen Adeligen zerstörten die Sachsen in einem erbitterten Guerillakrieg auch die Karlsburg, eine Pfalz in Paderborn.

Dann kam es zum Blutbad von Verden. Über dieses Ereignis im Jahr 782 berichten im Frühmittelalter ausschließlich die „Annales regni Francorum“, eine am Hof Karls des Großen verfasste Auflistung historischer Daten, also eine Art offizielle Geschichtsschreibung aus der Sicht des Herrschers. Wörtlich heißt es dort auf nur wenigen Zeilen: „Alle Sachsen unterwarfen sich der Gewalt des oben genannten Königs und lieferten alle Übeltäter aus zur Bestrafung mit dem Tode, 4500, und dies ist auch so geschehen.“

Heute gehen die meisten Historiker davon aus, dass weit weniger als 4500 Menschen geköpft wurden. Denn schon der technische Ablauf einer Hinrichtung spreche dagegen, dass so viele getötet worden seien; eine Guillotine gab es ja noch nicht. Der Tübinger Historiker Wilfried Hartmann schreibt in seiner Biografie über Karl den Großen: „Ohne Karls Aktion in irgendeiner Weise entschuldigen zu wollen, muss betont werden, dass es sich bei den aufständischen Sachsen in den Augen des Frankenkönigs um Hochverräter handelte, die – nachdem sie die geschworene Treue gebrochen hatten – aus Karls Sicht den Tod verdient hatten.“ Eine vergleichbare Aktion aus der an Kriegen reichen Geschichte des Herrschers sei nicht bekannt.

Dass man Karl „Sachsenschlächter“ nannte, geht auf den Dichter Herman Löns zurück, der die Bezeichnung 1912 in der Erzählung „Die rote Beeke“ verwendete. Die Nationalsozialisten griffen den Begriff im Rahmen ihres Germanenkultes auf und sahen Widukind als Gegenheld.

Dem Blutgericht von Verden war der Herzog entkommen, er musste sich aber auf Dauer der militärischen Überlegenheit der Franken beugen. An Weihnachten 785 wurde er in der Königspfalz Attigny (heute im Norden Frankreichs in den Ardennen) getauft. Karl der Große war sein Taufpate und soll ihn reich beschenkt haben.

Über das weitere Schicksal Widukinds fehlen gesicherte Informationen. Der Münsteraner Historiker Gerd Althoff meint, er sei ein Mönch auf der Insel Reichenau im Bodensee gewesen. Andere Mittelalter-Forscher zweifeln an dieser These. Eckhard Freise etwa vermutet, Widukind habe als Graf in fränkischen Diensten amtiert.

Die Quellenlage ist dünn, doch zahlreiche Sagen und Legenden ranken sich um Widukind. In der ehemaligen Stiftskirche in Enger (Kreis Herford) findet sich eine Grabplatte mit einer plastischen Nachbildung Widukinds, entstanden um 1100. Nähere Informationen gibt es dazu auch im Widukind-Museum Enger . Ob Widukind, auch Wittekind genannt, die Kirche tatsächlich gestiftet hat und hier begraben ist, wird wohl im Dunkeln bleiben.

Im umstrittenen Niedersachsen-Lied , entstanden in den 1920er-Jahren, wird der Adelige jedenfalls gefeiert. „Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen, Heil Herzog Widukinds Stamm!“ lautet der Refrain.


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