02.12.2012, 11:50 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Uralte und merkwürdige Tradition Nikolaus-Brauch auf Borkum: Moppe für die Kinder, Kloppe für die Frauen


Borkum. Ein seltsamer Nikolaus-Brauch wird auf den friesischen Inseln von Borkum bis Texel lebendig. Klaasohm zählt dort zu den höchsten Feiertagen, die Borkumer bleiben dann aber am liebsten unter sich.

Eine wilde Truppe zieht nachts lautstark durch die Straßen, beschenkt Kinder und versohlt Frauen den Hintern: Mit Klaasohm hat sich allein auf der ostfriesischen Insel Borkum eine uralte, aber auch merkwürdige Tradition gehalten. Für viele männliche Insulaner ist das Fest am 5. Dezember ein Pflichttermin und geselliger Höhepunkt in der dunklen Jahreszeit. Besucher vom Festland wundern sich dagegen über das seltsame Treiben. „Das ist auch mehr was für uns Insulaner“, sagt der Borkumer Albertus Akkermann, „wir wollen dann eigentlich lieber unter uns bleiben“.

Nach altem Brauch werfen sich sechs junge, unverheiratete Männer unförmige Masken mit Schafsfellen und Vogelfedern über. Diese Klaasohms werden von einem als Frau verkleideten Mann begleitet, der mit Rock und Schürze als „Wievke“ den wilden Einheizer gibt. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit beginnt das Ritual mit einem Kampf, zu dem nur auf Borkum geborene Männer zugelassen sind. Fotografieren ist streng verboten. „Da passiert aber nichts Schlimmes, da wird auch niemand verletzt“, beruhigt Akkermann.

Nach dem Kampf geht es dann richtig los: Die Klaasohms und das Wievke ziehen unter großem Getöse durch die Straßen. Unterwegs verteilen sie Moppe, ein Honigkuchengebäck, an mutige Kinder - wenn diese ein plattdeutsches Gedicht aufsagen und sich von der furchterregenden Truppe nicht einschüchtern lassen. Frauen dagegen, die sich aus dem Haus wagen, werden von den Klaasohms mit einem Kuhhorn verhauen. „Wer nicht will, sollte lieber wegbleiben, es wird ja schließlich vorher klar angekündigt“, rät Akkermann.

Ortsfremde Besucherinnen haben für diesen Teil des Festes allerdings nicht immer Verständnis: „Das ist ein überholtes Ritual. Es passt nicht mehr in diese Zeit, wenn Frauen nachts unterwegs von Gewalt bedroht werden“, kritisiert eine Urlauberin aus Oldenburg.

Höhepunkt der Zeremonie ist schließlich ein waghalsiger Sprung der Klaasohms von einer meterhohen Säule: Nacheinander lassen sie sich mit dem Wievke in die Arme einer johlenden Menschenmenge fallen.

Woher das alles kommt, ist bis heute nicht ganz klar. „Die Ursprünge könnten in heidnischer Zeit liegen, als ähnlich wie beim Karneval die bösen Geister vertrieben wurden“, vermutet Akkermann.

Viele Borkumer glauben jedoch eher an einen Import aus der Walfängerzeit. Holländische und deutsche Seefahrer kehrten nach monatelanger Fahrtzeit auf See auf die Insel zurück und wollten den Frauen handgreiflich das Ende ihrer zeitweisen Herrschaft über die Insel deutlich machen.

An den Einfluss der Walfänger glaubt auch Katrin Rodrian vom Kulturverband Ostfriesische Landschaft in Aurich. „Die alten Bräuche in Ostfriesland sind fast immer von der weiteren Region beeinflusst und haben vielfach auch niederländischen Einfluss.“ So werde Klaasohm auch dort noch auf den westfriesischen Inseln gefeiert. Schläge mit dem Kuhhorn auf Frauenhintern gehören dort allerdings nicht dazu: „Moppe für die Kinder, Kloppe für die Frauen“ bleibt eine Borkumer Spezialität.

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