25.12.2016, 10:30 Uhr zuletzt aktualisiert vor

25./27./29. Dezember auf RTL Was taugt der neue Winnetou-Dreiteiler?


Osnabrück/Köln. Lagerfeuer-Laune verspricht RTL an diesen Weihnachten und zeigt einen neu aufgelegten Dreiteiler zu den berühmten Abenteuern von Indianerhäuptling Winnetou und seinem Blutsbruder Old Shatterhand. Können die neuen Western-Filme die Erwartungen der Fans erfüllen?

Eigentlich hat RTL alles richtig gemacht: Der Sender hat einen zeitlosen Klassiker ausgegraben, viele Rollen populär besetzt und von Erfolgsgaranten produzieren lassen. Selbst den Segen von Alt-Winnetou Pierre Brice hat sich der Sender eingeholt. Doch Fans der Buch- und Filmreihe sind skeptisch, die Stimmung in den Internetforen ist gespalten. Zu viele Kultfilm-Neuauflagen sind kläglich daran gescheitert, die Geschichte modern nachzuerzählen. Dieser Fallhöhe sei sich der Sender bewusst, sagte Programmchef Frank Hoffmann bei der Filmvorführung in Köln. Dabei deutet für die neue Winnetou-Trilogie erst mal alles auf einen Erfolg hin:

Die Karl-May-Bücher, -Filme und -Festspiele sind verlässliche Kassenschlager, die generationenübergreifend faszinieren. Jetzt, da die insgesamt elf Verfilmungen an die 50 Jahre alt sind, die Parodie „Der Schuh des Manitu“ 15 Jahre, scheint eine zeitgemäße Neuauflage angemessen. Dafür hat RTL erfolgreiche Filmschaffende beauftragt: die Produzenten Christian Becker („Fack Ju Göhte“) und Christoph Müller („Goethe!“) sowie Regisseur Philipp Stölzl („Der Medicus“).

Lange Suche nach dem Titeldarsteller

Der Cast trumpft mit bekannten deutschen Schauspielern auf. Der viel beschäftigte Wotan Wilke Möhring spielt Old Shatterhand, laut Produzent Becker die Traumbesetzung: „Wotan ist ein unglaublich guter Schauspieler und ein großer Sympathieträger.“ Für Milan Peschel ist der schrullige Sam Hawkens eine weitere komische Rolle. Jürgen Vogel und Fahri Yardim spielen Schurken, ebenfalls bekanntes Terrain für beide. Und auch Kult-Filmfiesling Mario Adorf kehrt im dritten Teil zurück, in einer kleineren Rolle.

Die Suche nach der perfekten Verkörperung des Titelhelden hat laut Produzent Christian Becker länger gedauert. Der in Deutschland weitgehend unbekannte albanische Schauspieler Nik Xhelilaj spielt den neuen Winnetou. Der kannte die Geschichten zwar nicht, begeisterte sich aber schnell für das Projekt.

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Personell ist das Projekt also vielsprechend aufgestellt. Aber ob der Film zum peinlich-pathetischen Westernmärchen gerät, oder den Anspruch erfüllt, realistisch und kühn die Vorlage zu interpretieren, hängt entscheidend vom Drehbuch und der Inszenierung ab. Und glücklicherweise ist die neue Produktion kein alberner Abklatsch. Die Filme kopieren nicht, sondern erzählen kompakt und bildgewaltig die Geschichte des beliebten Heldenduos: Der Zuschauer erfährt, wie der deutsche Auswanderer Karl May 1860 im Wilden Westen zu Old Shatterhand wird, wie er sich mit dem stolzen Apachen-Krieger Winnetou anfreundet und sie in die Konflikte zwischen Siedlern und Ureinwohnern geraten. Dass sich RTL dabei auch mal von der rund 130-jährigen Buchvorlage löst, ist für eine moderne Version sogar notwendig.

Neues Frauenbild

So wurden beispielsweise die Frauenfiguren befördert: Nscho-tschi (Iazua Larios) muss nicht wie in der Vorlage im ersten Film sterben, sondern mausert sich zur aufrechten Hauptrolle neben ihrem Bruder Winnetou und ihrem Auserwählten Old Shatterhand. Auch die Prostituierte Belle (Henny Reents) stirbt nicht im Gefecht, sondern kämpft erfolgreich mit und startet eine Karriere außerhalb des Saloons.

Hier geht es zur Bildergalerie zur Rollenbesetzung der Winnetou-Filme damals und heute

Damit entsprechen die neuen Filme dem heutigen Zeitgeist – Frauen sind als gleichberechtigte Helden akzeptiert. Auch die Männerfiguren sind modernisiert worden. Die Unfehlbarkeit eines Old Shatterhands – eine märchenhafte Illusion. Stattdessen beschäftigen das „Greenhorn“ Zweifel über seine Zukunft. Den Banditen El Mas Loco quält unsäglicher Liebeskummer und Bösewicht Santer Junior wird getrieben vom Versuch, seinem Vater zu imponieren.

Zu gewollter Witz

Somit gibt es in den neuen Filmen weniger In-den-Sonnenuntergang-Reiten und langwieriges Geballer mit umkippenden Pferden. Dafür dürfen viele der Darsteller eine kleine Charakterstudie vorführen und moralische Denkanstöße zu Freundschaft und Menschlichkeit geben. Das gibt dem Film einerseits eine bedeutsame Tiefe, andererseits sind die Spannungsbögen in den 90-Minütern eher kurz. Schwach sind die Filme auch meistens dann, wenn sie qua Drehbuch witzig sein wollen. Etwa, wenn Old Shatterhand mit den Indianern Snacks tauscht: Schokolade gegen Raupe. Klassischer RTL-Humor.

Punkten können die Filme mit ihrer Optik. Kulisse, Kostüme und Maske sind detailverliebt gestaltet und wirken authentisch. Auch bei den Spezialeffekten ist ein sorgsames Maß gefunden worden. Dynamit ist wieder beliebtes Kampfmittel, wird aber realistisch eingesetzt. Hohen Wiedererkennungswert hat die berühmte Musik von Martin Böttcher, die das Filmorchester Babelsberg neu einspielte.

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Alles in allem sind die Filme blutiger, nackter und spiritueller als ihre Vorgänger. Für ganz junge Kinder sind manche Szenen definitive Weggucker. Ansonsten dürfte sich die ganze Familie gut unterhalten fühlen. Kurz: Mit der neuen Winnetou-Reihe liefert RTL eine solide Neuinterpretation ab, die vielleicht manch eingefleischten Western-Fan kaltlässt, aber den Mythos lebendig hält, indem sie einer noch unerreichten Generation die faszinierende Winnetou-Welt zeitgemäß vermittelt.

Mehr zur Neuverfilmung hier im Trailer:


Exkurs zum Winnetou-Mythos in unserer Region

Die damalige Osnabrücker Zeitung „Neue Tagespost“ kündigte am 28. Dezember 1963 die Erstaufführung von „Winnetou – Erster Teil“ im Rosenhof wie folgt an:

„Obschon dieser erste Teil der Karl-May-Trilogie in den Karstbergen Jugoslawiens und nicht im Gebirge des mittleren amerikanischen Westens gedreht wurde, ist das Milieu so echt, wie es nur sein kann. Einzelheiten und Requisiten sind der Vorlage getreu mit peinlicher Sorgfalt nachgestaltet. Von der Handlung her waren naturgemäß Abstriche und Raffungen nötig. Aber auch sie stören nicht, sondern verdichten das Abenteuerliche des Stoffes. Der Film vermeidet, obwohl er viele Fragen anschneidet, jegliche Problematik. Er will nicht mehr sein als einfache Unterhaltung im Gewand jener Art von Märchen oder Legende, wie sie auch Karl May für seine und anscheinend auch für unsere Zeit erfand.“

Die Zeitung „Osnabrücker Tageblatt“ kündigte am selben Tag in ihrer Ausgabe an:

„[...] Die Szenerie entspricht zwar nicht dem Wilden Westen, hat aber ihre eigenen Reize, wie überhaupt der ganze Film nicht mit Hollywood-Maßstäben gemessen werden sollte, sondern als eigenständiges europäisches Werk Beachtung verdient. [...] Eine tragende Rolle in Harald Reinls Film kommt auch der Musik von Martin Böttcher zu.“



„Winnetou – Eine neue Welt“: RTL, 25. Dezember 2016, 20.15 Uhr

„Winnetou – Das Geheimnis vom Silbersee“: RTL, 27. Dezember 2016, 20.15 Uhr

„Winnetou – Der letzte Kampf“: RTL, 29. Dezember 2016, 20.15 Uhr

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