28.11.2016, 15:59 Uhr

Neue Miniserie bei ZDF Neo Der Boxer und sein Block: „Tempel“

Held der neuen Serie: Ken Duken, der als Mark Tempel in seine alte Welt, den Boxclub, zurückkehrt. Foto: ZDF/Oliver BetkeHeld der neuen Serie: Ken Duken, der als Mark Tempel in seine alte Welt, den Boxclub, zurückkehrt. Foto: ZDF/Oliver Betke

Osnabrück. Die deutsche Miniserie hat den Berliner Kiez entdeckt. Während für TNT die Neukölln-Saga „4 Blocks“ produziert wird, spielt die erste für ZDF Neo eigenproduzierte Dramaserie, im Wedding. „Tempel“ zeichnet ein düsteres Bild von Gentrifizierung und Kriminalität – und könnte den Auftakt zu einer Neuasurichtung von ZDF Neo markieren.

Der Ex-Boxer Mark Tempel arbeitet als Altenpfleger, um seine Familie über Wasser zu halten. Doch ein Schlägertrupp, der die Wohnung der Tempels demoliert, um sie zum Auszug zu bewegen, und dabei auch die Geige der Tochter nicht verschont, zwingt Mark (Ken Duken), sich zurück zu seinen Wurzeln in der Halbwelt zu begeben. Er braucht schnelles Geld für eine neue Geige und steigt noch einmal in den Boxring, obwohl er seiner Frau (Chiara Schoras) versprochen hat, diese Welt hinter sich zu lassen.

Regisseur Philipp Leinemann schafft mit Kameramann Christian Stangassinger ein düsteres Bild vom Weddinger Kiez. Nicht nur im Boxring und im Bordell herrscht bedrohliches Zwielicht, auch die Wohnungen der Senioren, die Mark Tempel pflegt, liegen im Halbschatten. Leinemann zeigte bereits mit seinen Thrillern „Wir waren Könige“ und „Die Informantin“ , das im deutschen Genrefilm doch noch was geht. In „Tempel“ setzt er zum zweiten Mal auf Ken Duken als männlichen Hauptdarsteller. Der 37-Jährige gibt eine tolle Vorstellung als moralisch ambivalenter Held, der es für seine Familie mit der Gentrifizierungsmafia aufnimmt. Für die Boxszenen konnte er seinen Spaß am Sport ausleben.

Die Drehbücher zu „Tempel“ stammen aus der Feder von Conni Lubek, die zuvor mit „Einfach Rosa“ eine ARD-Reihe um eine Hochzeitsplanerin schrieb. Viel wurde in den letzten Jahren darüber diskutiert und geschrieben, dass Drehbuchautoren in Deutschland mehr Freiheit gelassen werden müsse, um horizontal, also fortlaufend erzählten Serien eine starke Handschrift zu verleihen. „Tempel“ ist ein Schritt in diese Richtung, die Geschichte und die Figuren sind stringent entwickelt und stehen im Mittelpunkt, die Inszenierung macht keine faulen Kompromisse, um ein vermeintlich begriffsstutziges oder innovationsscheues Publikum abzuholen. Warum das ZDF seine beste Serie im Spartenkanal Neo versteckt, wollte die „Bild“ dann auch gleich wissen.

Das angepeilte Publikum dürfte den Sendeplatz um 21.45 Uhr nicht als Versteck empfinden. Bei ZDF Neo setzt man schon länger auf die „zweite Primetime“, um eine jüngere Zielgruppe anzusprechen.

Die größten Quotenerfolge hat ZDF Neo neben Zugpferd Jan Böhmermann mit Krimis wie „Wilsberg“ oder „Inspector Barnaby“, die bereits im ZDF-Hauptprogramm funktionierten. Die Talentförderung in Form des „TV Labs“, bei dem Zuschauer über Piloten neuer Formate abstimmen können, pausiert in diesem Jahr. Denn auch wenn daraus interessante und leidlich erfolgreiche Experimente wie „Blockbustaz“ hervorgingen, blieb die Gesamtresonanz eher gering. Insofern wäre der Kurs, der sich mit „Tempel“ abzeichnet, nachvollziehbar: weniger Comedy und Nachwuchs-Experimente, mehr hochwertige Krimis. Doch die kosten natürlich Geld. Bleibt abzuwarten, wie viel dem ZDF der kleine Bruder wert ist. „Tempel“ macht jedenfalls Lust auf mehr Eigenproduktionen.

Natürlich gehört zu einem innovativen Format auch ein wenig Online-Schnickschnack, weshalb die Zuschauer unter tempel.zdfneo.de ein zusätzliches Angebot finden und einen 360-Grad-Clip ansehen können. Die Hauptsache bleibt jedoch die Geschichte um Mark Tempel, für den es natürlich nicht bei dem einen Boxkampf bleibt. Schon bald gibt es einen Toten, und die immobilienhungrigen Investoren bedrohen nicht nur einfache Mieter, sondern auch das Geschäft von Marks altem Kiez-Mentor Jakob (toll: Thomas Thieme).

„Tempel“ läuft in Doppelfolgen jeweils dienstags ab 21.45 Uhr bei ZDF Neo. Start: Dienstag, 29. November.


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