27.11.2016, 15:36 Uhr

Teuer, aber lesenswert „turi2 edition“ über 70 Jahre Zeitschriften in Deutschland

Große Vielfalt an Heften: Ein Mann steht in einer Buchhandlung vor einem Zeitschriftenregal. Foto: dpaGroße Vielfalt an Heften: Ein Mann steht in einer Buchhandlung vor einem Zeitschriftenregal. Foto: dpa

Osnabrück. Für Medienjournalisten gehört die Internetseite turi2.de zu den täglichen Standards. Mit dem gedruckten Heft der „turi2 edition“ über 70 Jahre Zeitschriften in Deutschland hat Verleger Peter Turi nun ein Produkt auf den Markt gebracht, das auch für Nicht-Medienleute interessant ist.

Nein, natürlich weiß in der Osnabrücker Bahnhofsbuchhandlung niemand, was diese „turi2 edition“ sein soll und ob man die im Angebot hat. Sie steht aber tatsächlich im Zeitschriftenregal, bei den Reisemagazinen nämlich, wo sie wohl irgendjemand einsortiert hat, der bei „turi“ an Tourismus gedacht hat.

Wer es sich leichter machen will, der bestellt die „turi2 edition“ mit dem offiziellen Titel „Zeitschriften. Gestern – heute – morgen“ bei Amazon. Der Preis ist allerdings auch dort happig: 20 Euro kostet der 192-seitige Prachtband mit einem Hochglanz-Cover von Schloss Sanssouci. Wenn schon sauteuer, dann muss es die Mitbewerber auf dem Coffee Table auch bitte locker ausstechen.

Aber lohnt auch der Inhalt die erhebliche Investition? Oh ja. Zumindest für alle Zeitschriftenleser, die sich für die bundesdeutsche Geschichte dieses Mediums begeistern lassen. Die aktuelle „turi2 edition“ ist ein wirklich aufregendes Kompendium der Magazinhistorie seit 1949.

Weiterlesen: Die neue Vielfalt im Zeitschriftenregal – Warum es immer mehr Titel gibt

Wie es sich für ein solches Kompendium gehört, beginnt es mit einer Zeittafel. Über zehn Seiten werden die wichtigesten Zeitschrifteneinführungen und -einstellungen abgehandelt, und das nicht nur im Chronistenstil, sondern durchaus unterhaltsam. Besonders schön sind die Randinformationen, von denen einige auch für Medienmenschen neu sein dürften.

Beispiel: Im Jahr 1993 hatte Manfred Bissinger schon einen Vertrag als „Geo“-Chefredakteur unterschrieben, wollte dann aber unbedingt das „Zeit“-Konkurrenzprojekt „Die Woche“ leiten. Gruner + Jahr reagierte verständlicherweise verärgert und entließ Bissinger erst nach einer Spende an die „Geo“-Stiftung „Tropischer Regenwald“ aus dem Kontrakt.

Verleger-Porträts

Es folgen Porträts der großen deutschen Zeitschriftenverleger, Augstein und Nannen natürlich an vorderster Stelle – aber eben auch ein Text über Rolf Becker, den Gründer der „ Apotheken Umschau “. Autor des Artikels ist der renommierte Historiker Michael Wolffsohn, ein Freund Beckers, der hier eine wirklich schöne Eloge verfasst hat.

Die „Apotheken Umschau“ taucht später erneut auf, Autor Jens Twiehaus hat die Redaktion der im Volksmund gerne „Rentner-Bravo“ genannten Zeitschrift besucht und einen wirklich hochinteressanten Text über den Auflagegiganten verfasst. Vergessen hat Twiehaus dabei dankenswerterweise auch nicht die Erwähnung der ewig gleichen saisonalen Titelgeschichten, von der Sommergrippe über die unvermeidliche Herbst-Depression.

Dass die „turi2 Edition“ auch die (vermeintlich) randständigen Vertreter der Branche würdigt, ist ein großer Verdienst – und oft wahnsinnig spannend. Die ehemalige Spiegel-Online-Kolumnistin Silke Burmester interviewt über mehrere Seiten Sabine Fäth, lange Jahre Chefredakteurin von Frauenzeitschriften wie „Laura“, „tina“ oder „bella“ (und möglicherweise waren „Vanessa“ und „Lea“ auch noch dabei).

Anekdoten aus der Redaktion

Fäth berichtet nachvollziehbar, dass diese ja dem Anschein nach austauschbaren Quatschblätter doch allesamt ein eigenes Profil haben und die Leserinnen-Bindung sehr hoch ist. Dass sich die Hefte aber allesamt an die deutsche Trutsche wenden, wird auch mehr als deutlich, am schönsten vielleicht in diesem Zitat: „In meiner Amtszeit hatten wir übrigens mal in einem Rezept die Eier vergessen. Da stand das Telefon nicht mehr still.“

Neben dem gelungenen Interview ist Silke Burmester auch für den besten Text des Heftes verantwortlich. Auf zwei Seiten zerlegt sie die gerade so angesagten Achtsamkeits-Magazine und deren Dauerlösung für die weibliche Orientierungslosigkeit: Eskapismus. Burmesters herrlich böses Fazit über Magazine wie „Happy Way“, „ma vie“ oder „Herzstück“: „Achtsamkeit bedeutet, in jede verfügbare Ecke ein Blümlein zu krickeln, ständig irgendwelche Früchte einzukochen, Kräuter zu trocknen und Blüten ins Haar zu flechten.“


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