23.11.2016, 06:04 Uhr

ARD zeigt Film ohne Drehbuch Experiment mit Fehler – „Wellness für Paare“

Therese Pönsgen (Anke Engelke) und Thomas Leber (Sebastian Blomberg) sind seit sieben Jahren zusammen. Ihm fehlt als Fotograf der Erfolg, sie besitzt ein erfolgreiches Catering-Unternehmen. Thomas wünscht sich Kinder, eine Familie – sie fühlt sich mit 50 deutlich zu alt, um Mutter zu werden, und spricht unter den Augen der Therapeuten aus, was sie denkt: dass Thomas eine jüngere Frau brauche. Ihr Freund reagiert bestürzt. „Wellness für Paare“ am Mittwoch, 23. November, 20.15 Uhr im Ersten. Foto: WDR/Bernd SpaukeTherese Pönsgen (Anke Engelke) und Thomas Leber (Sebastian Blomberg) sind seit sieben Jahren zusammen. Ihm fehlt als Fotograf der Erfolg, sie besitzt ein erfolgreiches Catering-Unternehmen. Thomas wünscht sich Kinder, eine Familie – sie fühlt sich mit 50 deutlich zu alt, um Mutter zu werden, und spricht unter den Augen der Therapeuten aus, was sie denkt: dass Thomas eine jüngere Frau brauche. Ihr Freund reagiert bestürzt. „Wellness für Paare“ am Mittwoch, 23. November, 20.15 Uhr im Ersten. Foto: WDR/Bernd Spauke

Osnabrück. Mit „Wellness für Paare“ hat der gebürtige Oldenburger Jan Georg Schütte zum zweiten Mal einen Film inszeniert, in dem die Schauspieler ohne Drehbuch agieren. Zwar hat das Experiment einen großen Fehler, ist aber trotzdem sehenswert.

Urlaub und Paartherapie, ein Wochenende in einem zauberhaften Wasserschloss verbringen und dabei mal in professioneller Begleitung die Untiefen der Beziehung ausloten – was für eine grauenhafte Vorstellung. Die Grundkonstellation von Jan Georg Schüttes „Wellness für Paare“ klingt nach Vorhölle, und tatsächlich verspürt man nach den 90 Minuten Beziehungsgedöns die Lust, sich sofort zu trennen oder auf ewig Single zu bleiben.

Fünf Paare wagen sich in dem ohne Drehbuch inszenierten Film in diese Vorhölle, und eine bessere Besetzung hat wohl kaum ein anderer Film in diesem Jahr gesehen. Devid Striesow, Anke Engelke, Bjarne Mädel, Anneke Kim Sarnau, Sebastian Blomberg – da darf der Zuschauer doch einiges erwarten. Die großen Namen liefern auch, wobei ein No-Name alle in den Schatten stellt, doch dazu später.

Mit Darstellern überladen

Zunächst muss festgehalten werden: Fünf Paare sind mindestens eins, wenn nicht zwei zu viel. Jan Georg Schütte hat seinen Film überladen. In einem Interview mit der ARD hat Schütte gesagt, das größte Problem bei dieser Arbeit sei es gewesen, unter den wahnsinnig vielen tollen Schauspielern seiner Generation eine Auswahl zu treffen. Nachdem Schütte mit dem ebenfalls ohne festes Drehbuch inszenierten „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“ einen Erfolg gelandet hatte, konnte er sich die Akteure aussuchen, und genau das wird dem Film zum Verhängnis.

Fünf verschiedene Paare und ihre jeweiligen Schicksale zu verfolgen ist erstens ganz schön anstrengend, zumal die Pärchen natürlich nicht der Reihe nach abgehandelt werden. Vor allem aber bleibt zu wenig Zeit für die einzelnen Geschichten. Die jeweiligen Beziehungskrisen geraten deshalb in mindestens drei Fällen viel zu oberflächlich. David Striesow etwa spielt einen scheinbar erfolgreichen Business-Typen, der seiner polnischen Flamme nach ein paar Minuten und unter dem Druck des Therapeuten eröffnen muss, dass sein Laden insolvent ist. Die Hinführung zur großen Offenbarung ist notgedrungen viel zu kurz, es reicht einfach nicht, um Striesows Figur die nötige Fallhöhe aufbauen zu lassen.

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Daran ist Striesow selbst allerdings auch nicht unschuldig. Die Figuren haben von Regisseur Jan Georg Schütte nur eine grobe Einordnung bekommen, Eckdaten ihrer Geschichte und ihres Konflikts, der Rest ist Improvisation. Und Striesow kann als Improvisateur wirklich nicht überzeugen.

Dasselbe gilt überraschenderweise für Bjarne Mädel und Anneke Kim Sarnau. Die beiden spielen ein Paar, das schon seit der Schule zusammen ist und mittlerweile eine Symbiose bildet. Vor allem Bjarne Mädels Figur bleibt aber viel zu blass. Ja, er spielt einen Erzieher, der auch noch Malte heißt und nichts anderes will, als seine Frau glücklich zu sehen. Wenn man diese Rolle richtig verkörpert, dann schüttelt sich der Zuschauer vor so viel männlicher Harmlosigkeit. Stattdessen ist einem die Figur einfach nur ziemlich egal.

Engelke überraschend authentisch

Wer hingegen wirklich improvisieren kann, ist bekanntlich Anke Engelke. Anders als in den „Blind Date“-Filmen mit Olli Dittrich spielt sie hier keine überdrehte Figur, sondern eine irrational-rationale 50-Jährige, die sich eigentlich präventiv von ihrem Partner trennen will, weil der unbedingt Kinder möchte – sie aber nicht. Faszinierend und gleichzeitig ein bisschen erschreckend ist, dass man Anke Engelke hier zum ersten Mal mit einer völlig normalen Stimme und ohne jede Aufgesetztheit erleben kann. In der Rolle wirkt sie authentischer, als wenn sie im Fernsehen als Anke Engelke auftritt. Wäre schön, sie hätte Freunde, die den Film sehen und ihr das mal sagen.

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Einen wirklich überragenden Auftritt zeigen in „Wellness für Paare“ aber andere, und zwar Katharina Marie Schubert und Michael Wittenborn. Schubert spielt eine hysterische Tussi, die aus der Paartherapie ausbricht und danach erst mal den Therapeuten beschimpft. „Der sieht aus wie ein schwuler Friseur!“, warnt sie die Figur von Anke Engelke, und, noch besser: „Der ist total gebräunt, der ist gar nicht auf meiner Seite!“ Dann verschwindet sie im Wald, ihr Freund erreicht nur die Mailbox mit der epischen Ansage: „Hier ist die Mailbox von Maren Schnettler. Dortmund wird Deutscher Meister, und wer das nicht gut findet, braucht gar nicht sprechen.“

Großartige Sprüche

Der König des Ensembles aber ist der 62-jährige Michael Wittenborn. Er spielt den mittelständischen Unternehmer Heinz-Peter Ellerbrook, der seiner Frau beichten muss, dass er sie vor 30 Jahren betrogen hat. Dass seine Frau das nicht gut findet, findet Heinz-Peter jetzt wiederum etwas übertrieben und ist ab sofort nur noch patzig. „Dann hast du mich damals angelogen?“, fragt sie. „Ja, das gehört wohl zum Betrügen dazu, dass man lügt!“, sagt er. Ein großartiger Spruch jagt den nächsten, gekrönt von seinem Kommentar zu einer Äußerung der Therapeutin: „Ach, am Arsch!“

Fazit: „Wellness für Paare“ ist ambitioniert aber überbesetzt, der Film macht aber trotzdem Lust auf eine Fortsetzung. Dafür müssten nur David Striesow und seine Partnerin raus, Bjarne Mädel und Anneke Kim Sarnau auch – und dann würden die drei übrig gebliebenen Paare unter Garantie einen tollen Film zusammenimprovisieren.


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