02.07.2016, 07:00 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Independence Day 2: Wiederkehr Emmerich: Will Smith zu arrogant für „Independence Day 2“


Berlin. Roland Emmerich Will Smith war zu arrogant, um bei „Independence Day 2: Die Wiederkehr“ mitzumachen. Das sagt der Regisseur im Interview.

Über 800 Millionen Dollar hat Roland Emmerichs „Independence Day“ eingespielt. Es grenzt also an ein Wunder, dass die Aliens des Films volle 20 Jahre brauchten, um die Erde noch einmal heimzusuchen. Tatsächlich hat es an Anregungen zur Fortsetzung nicht gefehlt. Will Smith, der Star des ersten Teils, wollte die Invasion sogar unter die Erde verlegen. Warum „Independence Day: Die Wiederkehr“ trotzdem erst am 14. Juli anläuft – und das ohne Will Smith –, berichtet der Regisseur im Interview.

In „Independence Day 2“ heißt es über das Raumschiff der Aliens: Es ist noch größer als das erste. War das auch der Satz, mit dem Sie Geldgebern den Film vorgestellt haben?

Nö, überhaupt nicht. Ehrlich. Deren Hauptsorge war, ob eine Fortsetzung nach 20 Jahren funktioniert. Und ich habe gesagt: Das wird gerade gut funktionieren, weil so viel Zeit vergangen ist – weil wir jetzt eine völlig neue Welt zeigen können, in der eine neue Generation mit den Ereignissen von 1996 aufgewachsen ist.

Wie viele Anfragen zu Sequels gab es in den letzten 20 Jahren?

Unzählige. Das ging sofort los, zwei, drei Wochen nach dem Start. Aber da habe ich auf Zeit gespielt und immer gesagt: Lasst uns mal abwarten. Um die Jahrtausendwende ist plötzlich der Will Smith aufgetaucht und rief: „Ich hab’s! Wir machen ‚Independence Day: Ground War‘. Alles passiert unterirdisch!“

Ihre Antwort?

Meine Antwort war: Ähhhhhh – nein!

Dass Sie nicht in der U-Bahn drehen wollten, ist aber nicht der Grund, wieso Will Smith jetzt nicht dabei ist.

Nein. Als ich mich für „Independence Day 2“ entschieden habe, haben Dean Devlin, der Autor, und ich uns zuerst mit Will getroffen und ihm erzählt, was wir schreiben wollen. Auf die Frage, ob er dabei ist, hat er nur gesagt: Awesome! Wunderbar! Dann hat es noch mal zwei Jahre gedauert, bis wir Zeit hatten. Er hatte da gerade mit seinem eigenen Sohn „After Earth“ gedreht. Und unsere beiden Drehbücher hatten für ihn einen sehr ähnlichen Vater-Sohn-Konflikt vorgesehen. Und da hat Will gesagt: Ich glaube, euren Film drehe ich nicht. Es war wohl auch ein bisschen Arroganz, dass er damals gedacht hat, er macht jetzt seine eigene Science-Fiction-Reihe. Er war auch ein bisschen übellaunig damals, weil das mit „Men in Black 3“ nicht so gut gelaufen ist; die Dreharbeiten waren wohl superhart. (In welchem „Star Wars“-Film ist E.T. zu sehen? Verrückte Fan-Fakten zum „Krieg der Sterne“)

Und dann?

Mein erster Gedanke war: Okay, das war’s. Aber alle anderen um mich herum, auch das Studio Fox, waren der Meinung: Will war damals großartig, aber es geht nicht nur um ihn, der Film ist größer als das. Ich habe dann noch mal fast zwei Jahre gebraucht, bis ich mich zu einem „Let’s do it“ durchgerungen habe. Dann habe ich zwei Drehbuch-Autoren getroffen. Die haben mich wieder begeistert. Wir haben uns eine Woche zusammen hingesetzt, und in der haben wir eigentlich alles erfunden, was wir jetzt im Film sehen. Viele Bilder konnten wir aus den alten Skripts übernehmen.

Im Vergleich zum ersten „Independence Day“ sind diesmal mehr Frauen und mehr Asiaten zu sehen. Ist das Erste eine Reaktion auf den sogenannten Bechdel-Test für frauenfeindliches Kino und das Zweite eine auf den asiatischen Markt?

Absolut. In „2012“ haben wir es noch ganz unschuldig gemacht und Asien unbewusst mitbedient. Da hatten wir einfach Glück gehabt, weil ich sowieso der Meinung war: Wenn die Menschheit sich mit gigantischen Archen gegen den Weltuntergang absichert, dann baut man die natürlich irgendwo in China, in Nepal, am Himalaja, wo es hohe Berge gibt und niemand was mitbekommt. Aber dieses Mal habe ich gleich gesagt: „Die Chinesen müssen eine große Rolle spielen.“ In zwei, drei Jahren ist die chinesische Filmwirtschaft so groß wie die amerikanische. Es ist ja unglaublich, was da passiert. (Wie hoch war Ihre Gage, Mr Bettany? Marvel‘s „Vision“ im Interview)

Und die Frauenrollen? Sogar die weibliche US-Präsidentin nehmen Sie vorweg.

Ich bin älter geworden und habe immer mehr das Gefühl: Wenn man so große Filme macht, muss man sich genau umgucken, was in der Gesellschaft wichtig ist. Für mich war wichtig, eine amerikanische Präsidentin zu haben. Und es war für mich sehr wichtig, dass es ein schwules Paar gibt. Das waren Dinge, die ich einfach so abgehakt habe. Man muss nur aufpassen, dass es nicht abgehakt wirkt, sondern sich organisch in den Film fügt.

Stimmt es, dass Will Smith als schwarzer Protagonist im ersten „Independence Day“ noch schwer durchzusetzen war?

Ja, Fox wollte den nicht haben. Die wollten allerdings auch nicht Jeff Goldblum haben. Ich war mit drei Schauspielern in die Verhandlungen gegangen, die alle mitmachen wollten: Will Smith, Jeff Goldblum, Kevin Spacey. Und am Ende hat der Fox-Chef Peter Chernin mir am Telefon gesagt: „You get two out of three.“ (Zwei von deinen drei kannst du dir aussuchen.) Jeff Goldblum war absolut unersetzbar, Will Smith war nicht ersetzbar. Also musste ich mir einen neuen Präsidenten suchen.

Kevin Spacey hätte also schon 18 Jahre vor „House of Cards“ Präsident sein können?

Genau! Ich habe in Kevin Spacey als Erster das Material für Präsidenten gesehen. Er hat schon damals relativ alt ausgesehen; seitdem hat er sich kaum verändert. Damals haben wir an ihn gedacht, weil unser Autor Dean Devlin mal sein Mitbewohner war. (Weiterlesen: The Walking Dead — Diese Kirkman-Idee war selbst dem Zeichner zu hart)

Im ersten Teil waren die Aliens mechanisch, jetzt kommen sie aus dem Computer. Was macht mehr Spaß?

Das Design stammt von Patrick Tatopoulos, und wir konnten uns nicht entscheiden: Machen wir kleine oder monströse Monster? Am Ende haben wir beides gemacht: kleine graue Monster in einem gewaltigen biomechanischen Anzug. Eine relativ geniale Idee, sehr einzigartig. Damals waren das alles noch Puppen, wir hatten mechanische Tentakel, separate Alien-Füße, ein komplettes Alien, das man rumschleppen konnte, und dann kleine Puppen, die man mit blauen Stäben vor Bluescreen bewegen konnte.

Hatten Sie nostalgische Erinnerungen an den Puppentrick? Berauschen Sie die Möglichkeiten der digitalen Gegenwart?

Berauschen nicht, aber ich bin glücklich. Bei „Independence Day“ war ich frustriert von der Technik. Es war eine Befreiung, als ich durch die Jahre dann immer weniger mit Modellen und immer mehr am Computer arbeiten konnte. Man gewöhnt sich daran, dass alles möglich ist. Heute teile ich den Film in verschiedene Firmen auf, und besetze die Effekte wie Filmrollen. Die Neuseeländer sind gut bei großen Kreaturen, die kleinen Kreaturen machen die Leute, die auch „District 9“ gedreht haben. Bei Katastrophen-, Feuer- und Wasserszenen sind Scanline VFX die Besten, mit denen haben wir schon „2012“ gemacht. So stellt man sich die Truppe zusammen.

Das zentrale Bild in „Independence Day 2“ ist das Ineinanderstürzen ganzer Städte – mittels Alien-Gravitation. Haben Sie mit alternativen Zerstörungsideen gespielt?

Das war die erste Idee, die ich hatte. Es ist mir beim Dreh von „2012“ eingefallen, und meinen Freunden und Kollegen habe ich sofort gesagt: „Leute, wir müssen einen neuen ‚Independence Day‘ drehen.“ Alle wollten wissen, wie ich den ersten Teil noch toppen will, und da habe ich gesagt: Das Alienschiff ist so groß wie der Atlantik, reißt mit seiner eigenen Gravitationskraft asiatische Städte empor und lässt sie in Europas Metropolen krachen. Alle waren sich einig: That’s big! Es gab zu dem Bild nie eine Alternative.

Hat es Sie geärgert, dass in „Marvel’s Avengers: Age of Ultron“ auch schon eine Stadt aus der Erdkruste geschält und zerstört wird?

Das ärgert mich ohnehin. Das hat mir der Steven Spielberg prophezeit: „Ihr habt was erfunden, das jetzt 20 Jahre lang geplündert wird. Wartet’s ab.“ Der hat das vorhergesehen, erstaunlich. Aber es ist genauso passiert. In jedem zweiten Film geht heute sehr viel zu Bruch, und sehr oft stecken die Aliens dahinter. Und alle übernehmen unser ironisches Storytelling.

Mit „Batman v Superman“ und „Captain America“ laufen gerade zwei Comic-Blockbuster, die ihre eigenen Zerstörungsorgien als gefährliche Kollateralschäden thematisieren. Solche selbstreflexiven Gewissensbisse sind Ihnen fremd, oder?

Ich muss mich nicht entschuldigen. Es ist ein Film. Das habe ich gerade auch in Dubai gesagt: Die Stadt steht noch; ich habe letzte Nacht noch drin geschlafen!

Ich möchte zum Schluss noch drei Gerüchte prüfen, die das fehleranfällige Fachportal imdb.com über Sie streut. Stimmt es, dass Sie sich erfolglos um die Regie von „Transformers“ bemüht haben?

Es wurde mir angeboten, aber ich habe „Nein“ gesagt. (Wer ist top, wer floppt? Die Kino-Charts der Woche)

Verdanken Sie Ihre Hollywood-Karriere Sylvester Stallones Begeisterung für Ihren Film „Moon 44“?

Nein, das war Mario Kassar. Der hat „Moon 44“ gesehen und mich eingestellt.

Und betrug ihre Gage für „Independence Day“ 7,5 Millionen Dollar, die für „2012“ dann aber 70 Millionen Dollar?

Nein. Ich habe mit „Independence Day“ mehr Geld gemacht als mit „2012“.


Roland Emmerich wird am 10. November 1955 in Stuttgart geboren. 1977 beginnt er das Studium an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film. Schon mit seinem Abschlussfilm beweist er seine Orientierung am US-Blockbuster: Das Sci-Fi-Epos „Das Arche Noah Prinzip“ (1984) verschlingt rund eine Million D-Mark. Seine kommenden Filme dreht Emmerich noch in Deutschland, aber auf Englisch; „Moon 44“ (1990) beeindruckt den Produzenten Mario Kassar so sehr, dass er den zu Hause als „Spielbergle“ belächelten Regisseur nach Hollywood holt und mit „Universal Soldier“ (1992) betraut. Auf den Van-Damme-Lundgren-Kracher folgt „Stargate“ (1994), den Emmerich demnächst fortsetzen soll. Mit einem Einspielergebnis von 800 Millionen Dollar wird „Independence Day (1996) dann sein erfolgreichstes Werk. Nach dem Alien-Invasion-Film lässt der „Master of Desaster“ immer wieder die Welt untergehen: In „Godzilla“ (1998), „The Day After Tomorrow“ (2004), und „2012“ (2009). Neben den Blockbustern, die Emmerich einen Platz unter den 20 umsatzstärksten Regisseuren einbringen, dreht er auch kleinere Filme wie das Shakespeare-Biopic „Anonymus“ (2011) oder „Stonewall“ (2015), ein Geschichtsdrama über den Schwulen-Aufstand in der New Yorker Christopher Street. Emmerich lebt mit seinem Lebensgefährten, dem Popsänger Mowgli Moon, in Deutschland und den USA.

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