26.05.2016, 09:30 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Staffel 2 auf Amazon Prime Video Fear The Walking Dead: Warum die Zombieserie enttäuscht


Osnabrück. Mit Zombies hat der US-Sender AMC eine Menge Geld gescheffelt: „The Walking Dead“ ist eine der erfolgreichsten Serien der Welt. Da ist es nur logisch, dass dieses Serienkonzept weiter als Geldquelle benutzt wird. Doch der Ableger „Fear The Walking Dead“ ist richtig schlecht, das Geld sollte lieber in andere Projekte gesteckt werden.

Achtung, im Text folgen Spoiler!

Zombieserie oder Familiendrama?

Ja, bei „The Walking Dead“ geht es nicht um die Zombies, sondern um das Überleben in einer postapokalyptischen Welt und eine neu entstehende Gesellschaft. „Fear The Walking Dead“ setzt früher an und zeigt, wie die Welt, von Los Angeles aus gesehen, ins Verderben stürzt. Bereits die Auftaktfolge der ersten Staffel hatte zahlreiche Längen – und das wird im Verlauf der Serie kaum besser. (Lesen Sie dazu auch unsere Kritik zu Folge 1: Wie gut ist die Episode?)

Sind es in „The Walking Dead“ Gruppen, die zu einer Familie zusammenwachsen, gibt es die familiären Strukturen in „Fear The Walking Dead“ bereits. Doch einige Familienmitglieder scheinen auch in Staffel 2 nicht begriffen zu haben, dass sie sich in einer apokalyptischen Welt befinden. Vater Travis hält nichts von Waffen, sein Sohn darf sich daher nicht damit verteidigen.

Tochter Alicia ist ein nerviger pubertierender Teenager, der nach wie vor nicht verstanden hat, dass man Fremden nicht den geheimen Standort des Schiffes verraten sollte, auf dem man sich befindet. Denn, Überraschung, sie kommen gleich herbeigeeilt und entern das Schiff. Man möchte die Protagonisten schütteln und ihnen zurufen: „Reißt Euch zusammen, hier geht es ums Überleben! Und nicht um Eure pubertären Probleme!“ (Weiterlesen: Darum ist „The Walking Dead“ so erfolgreich)

Worum geht es eigentlich?

Das ist die große Frage. Angekündigt war das Spin-off von „The Walking Dead“ als Serie, die den Zusammenbruch der Zivilisation zu Beginn der Zombieseuche zeigt. Bislang hat man allerdings nur gesehen, wie Los Angeles in Flammen aufgegangen ist und sich ein paar Leute auf ein Boot gerettet haben. Begann die Serie noch mit Aufständen und Polizeigewalt, wurde schnell eine Militärregierung in L.A. eingerichtet und die Leute eingesperrt. Was genau dabei passiert ist, bleibt im Dunkeln. Mal ganz davon abgesehen, was im Rest der Welt geschieht.

Schlechte Dialoge, miese Story

„Fear The Walking Dead“ soll ein Drama sein, es geht nicht immer um Action. Dann wären aber auch gute Dialoge nötig, um Spannung zu erzeugen. Oder interessante Charaktere, die fragwürdige Entscheidungen treffen. Oder die charismatisch sind.

Werfen wir einen Blick auf Travis (Cliff Curtis) und Madison (Kim Dickens), das Liebespaar, das im Mittelpunkt steht. Bereits vor der Apokalypse ist unklar, warum sie zusammen sind: Ihr Leben als Patchworkfamilie ist kompliziert, ihre pubertierenden Kinder anstrengend, zwischen ihnen gibt es keinen Funken Liebe. Und die Darsteller schaffen es einfach nicht, ihren Charakteren Leben einzuhauchen. Es ist erstaunlich, dass die Figuren bis Staffel 2 überlebt haben, angesichts der einfältigen Entscheidungen, die sie treffen. Die Charaktere sind so unsympathisch, dass es egal ist, ob sie sterben. (Weiterlesen: Sechs Gründe, warum „The Walking Dead“ Mist ist)

Und trotzdem sind da immer noch die Zombies

Es ist ein Dilemma: „Fear The Walking Dead“ ist der Ableger einer Zombieserie, die ihrerseits viele Vorgänger in Serie und Film hatte. Fans des Genres wissen also, was auf sie, beziehungsweise die Hauptfiguren, zukommt. Doch die Protagonisten ignorieren mehrere Folgen lang standhaft die Tatsache, dass die Toten zu Zombies werden und stolpern dementsprechend hilflos durch die Gegend. Hat denn niemand von ihnen „Dawn of the Dead“ gesehen oder wenigstens „Operation Zombie: Wer länger lebt, ist später tot“ von Max Brooks gelesen?

Leider nicht, denn laut Robert Kirkman gibt es keine Erwähnung von Zombies, also keine Bücher, Filme etc., vor Ausbruch der Seuche. Damit erklärt sich auch, warum keiner von Zombies spricht, sondern immer nur von „Beißern“ oder „Walkern“. Es erklärt aber nicht, warum Rick Grimes gleich in der ersten Folge von „The Walking Dead“ erkannte, dass er die Untoten (wie auch immer sie bezeichnet werden) umbringen muss, weil sie eine Gefahr sind. Und das begreifen die Figuren in „Fear The Walking Dead“ einfach viel zu spät.

Um in dieser Dramaserie mitfiebern zu können, muss man sich mit einer Figur oder einer Entscheidung identifizieren können. Das ist nicht möglich, weil die Charaktere allesamt unsympathisch, unfreiwillig komisch und ihre Entscheidungen selbstmörderisch sind. Da sie hartnäckig am Leben bleiben, wünscht man sich, Rick Grimes käme und würde sie an die Zombies verfüttern. (Weiterlesen: „The Walking Dead“: Diese Kirkman-Idee war selbst dem Zeichner zu hart)

Eine Schifffahrt, die ist lustig ...

Während in „The Walking Dead“ viel durch Wälder gelaufen wird, spielt Staffel 2 von „Fear The Walking Dead“ auf einem Boot. Waren die Wälder Atlantas schon nicht super spannend, das Meer wird nicht spannender. Im Gegenteil. (Weiterlesen: Screen Junkies enthüllen Logiklöcher in „The Walking Dead“)

Ein Teenager mit Selbstmordgedanken springt ins Meer, sein Stiefbruder hinterher, sein Vater hechtet auf ein Beiboot zur Rettung. Und auf einmal taucht ein gekentertes Schiff auf und mit ihm zahlreiche Meereszombies. Die Frauen beobachten das Drama von Deck aus, „Oh mein Gott!“, mehr fällt ihnen nicht ein.

Am Ende sind alle gerettet, nur der Zuschauer nicht, der mit dem Schlaf kämpfen muss, während der Teenager in Zeitlupe den noch träger agierenden Zombies wegschwimmt. Haben die Zombiefüße aber unsicheren Boden unter sich, wie Sandstrand, beschleunigt das ihr Tempo auf unheimliche Art und Weise. Zumindest ein bisschen. So richtig beängstigend sind die Zombies dennoch nicht. (Auch „The Walking Dead“ hat Schwächen: Warum Folge 10 von Staffel 6 ein Desaster ist)

Erfolg trotz Langeweile

Bei „Fear The Walking Dead“ ist es offensichtlich, dass die Serie auf dem Reißbrett entworfen wurde. Ohne Comicvorlage oder langfristige Planung werden eindimensionale Charaktere in eine allzu bekannte Zombieapokalypse geworfen, die keine neuen Aspekte enthält. Der Erfolg ist allerdings erstaunlich angesichts der langweiligen Geschichte: Die Auftaktfolge von Staffel 1 hat einen neuen Rekord aufgestellt, die Zahlen von Staffel 2 sind stabil. Das Produkt funktioniert und ist dank seines Vorbildes erfolgreich. Ein Ende ist noch nicht in Sicht: Im April dieses Jahres gab AMC bekannt, dass es eine dritte Staffel mit 16 Folgen geben soll.

Einem direkten Vergleich mit „The Walking Dead“ hält „Fear The Walking Dead“ dennoch nicht stand. Aber auch im Vergleich mit anderen Serien bleibt „Fear The Walking Dead“ immer noch einfallslos geschrieben. Und selbst wenn man vorher noch nie eine Serie gesehen hat: „Fear The Walking Dead“ hilft beim Einschlafen und sorgt für unfreiwillige Lacher, angesichts der unlogischen Entscheidungen der Figuren und der miesen Story.

Ein Zuschauer zog auf der Seite imdb.com einen treffenden Vergleich: Wer Lori Grimes in „The Walking Dead“ gehasst hat, sollte sich auf keinen Fall „Fear The Walking Dead“ anschauen, „das ist wie Lori auf Crack.“ Und das will nun wirklich niemand sehen.


Ausstrahlung

Im Gegensatz zu „The Walking Dead“ wird „Fear The Walking Dead“ nicht auf dem Pay-TV-Sender Fox ausgestrahlt, sondern auf Amazon Prime Video. Die zweite Staffel läuft seit dem 11. April 2016 und umfasst 15 Episoden. Die erste Staffel beinhaltet sechs Episoden. Staffel 3 soll 16 Folgen umfassen.

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