02.05.2016, 05:23 Uhr zuletzt aktualisiert vor

TV-Programm heute Abend ARD-Dokumentation zeigt Hannovers verborgenen Glanz

Man kennt sich in Hannover: Altkanzler Gerhard Schröder (SPD, rechts) und seine Frau Doris Schröder-Köpf (2.v.r.) begrüßen im April 2009 während der Feier von Schröders 65. Geburtstag den AWD-Gründer Carsten Maschmeyer und dessen Lebensgefährtin, die Schauspielerin Veronica Ferres. Foto: dpa/Daniel BiskupMan kennt sich in Hannover: Altkanzler Gerhard Schröder (SPD, rechts) und seine Frau Doris Schröder-Köpf (2.v.r.) begrüßen im April 2009 während der Feier von Schröders 65. Geburtstag den AWD-Gründer Carsten Maschmeyer und dessen Lebensgefährtin, die Schauspielerin Veronica Ferres. Foto: dpa/Daniel Biskup

Hannover gilt unter den Landeshauptstädten als biedere und langweilige norddeutsche Tiefebene. Aber wie kommt es dann, dass zahlreiche Promis aus Politik, Wirtschaft und Kultur „anonyme Hannoveraner“ sind?

„Hier rechts ist das neue Rathaus, dahinter dann gleich der Maschsee und natürlich die HDI-Arena … Ach ja, und hier ist der beste Grieche der Stadt, findet meine Frau auch.“ Götz von Fromberg sitzt im Taxi und fährt den Filmemacher Lutz Hachmeister durch seine Heimatstadt. Der schillernde Rechtsanwalt, unter dessen Begleitung einst die Rockerbanden „Bandidos“ und „Hells Angels“ einen Friedensvertrag schlossen, brilliert aber nicht nur als Stadtführer, sondern auch als „graue Eminenz“ der Hannoveraner Machtelite. „Ich war erstaunt, wie freimütig von Fromberg sich präsentiert hat“, sagt Hachmeister. Wie klar er zum Beispiel gesagt hat, dass sein Mandant, der ehemalige Hells-Angels-Präsident Frank Hanebuth , der Stadt fehlt. „Als der noch im Steintor-Viertel das Sagen hatte, ist meine Tochter da problemlos alleine hingegangen. Jetzt lässt sie das besser.“ Inzwischen sei das Amüsier- und Rotlichtviertel „nicht mehr der Rede wert.“

Solche Szenen machen die 90-minütige Dokumentation von Lutz Hachmeister durchaus amüsant. Ansonsten ist es eher ein politisches Interesse, das den renommierten Filmemacher und Medienwissenschaftler, der lange Jahre das Grimme-Institut geführt hat und Preise für seine Dokumentationen „Schleyer – Eine deutsche Geschichte“ und „Freundschaft - Die Freie Deutsche Jugend“ gewonnen hat, leitet. Der Titel „Hannover-Komplex“ steht deshalb weniger für eine Landeshauptstadt mit Minderwertigkeitskomplex als für die komplexen Machtspiele in der Stadt.

Ein Jahr lang ist der gebürtige Mindener, der sich „immer mehr nach Bielefeld als nach Niedersachsen“ orientiert hat, immer wieder nach Hannover gefahren. „Mich fasziniert die Mischung aus Underdog und Selbstbewusstsein“, sagt Hachmeister im Gespräch mit unserer Redaktion. Und dieses Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr, sieht man sich die Politprominenz an, die von Hannover aus zu höheren Ehren gekommen ist: Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin, Philip Rösler und Frank-Walter Steinmeier, Ursula von der Leyen und Gerhard Schröder - und natürlich Christian Wulff. Auch ansonsten ist der Bekanntheitsgrad vieler „anonymer Hannoveraner hoch“. Doris Dörrie, Steffen Seibert und Giovanni di Lorenzo sind nur drei davon. „Wir alle wollten nach dem Abitur möglichst schnell weg“, sagt „Zeit“-Chefredakteur di Lorenzo. „Wie ahnten damals ja nicht, dass man auch von Hannover aus Karriere machen kann.“

Die Dokumentation schaut sich deshalb manchmal wie ein deutsches „Who-is-Who“. Zum einen, weil der Weg aller niedersächsischen Ministerpräsidenten seit 1946 nachgezeichnet wird. Vor allem aber, weil unglaublich viele überregional bekannte Menschen vor der Kamera relativ freimütig von ihrer Stadt und ihren Seilschaften erzählen, neben Politikern und Kulturschaffenden auch „Wirtschaftsprominente“ wie der Hörgeräte-Akustiker und Präsident von Hannover 96, Martin Kind, und Drogeriemarkt-Millionär Dirk Rossmann; auch die frühere Hannoveraner Bischöfin Margot Käßmann darf nicht fehlen. „Viele haben mitgemacht, weil sie einfach verblüfft waren, dass so ein Film über Hannover gemacht wird und dazu beitragen wollten“, begründet Lutz Hachmeister die große Resonanz. Andere, vor allem die SPD-Größen, kannten den Filmemacher von seinen Produktionen „Sozialdemokraten. 18 Monate unter Genossen“ und „Auf der Suche nach Peter Hartz“.

Gerhard Schröder, Christian Wulff und Ursula von der Leyen wollten sich dagegen nicht persönlich äußern. „Die wollten alte Geschichten wohl nicht wieder aufwärmen; das kann ich auch ein bisschen verstehen“, so Hachmeister. Über das reichliche Archivmaterial kommen sie allerdings ausführlich zu Wort – teils in Jugendbildern, teils in großen Siegen, teils in bitteren Momenten. Wer sich für die politische Geschichte Niedersachsens nach 1945 interessiert, ist bei dem Film auf jeden Fall richtig. Auch diejenigen, die ein bisschen in Nostalgie baden und die gleich mehrfach erklingende Niedersachsen-Hymne mitschmettern wollen: „Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen.“ Ein Schelm, wer in dieser auffälligen Häufung die leicht spöttische Herablassung eines Nordrhein-Westfalen, der sich „nach Bielefeld orientiert“, zu ahnen meint…

Der Hannover-Komplex - Montag, 2. Mai 2016, um 22:45 Uhr im Ersten


Am 9. Mai erscheint das Buch zur Sendung:

Lutz Hachmeister, Hannover. Ein deutsches Machtzentrum. DVA Sachbuch, 352 Seiten, 19,99 Euro

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