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22.04.2016, 17:56 Uhr zuletzt aktualisiert vor KOLUMNE

The Walking Dead: Höhen und Tiefen von Staffel 6

Von Manuela Kanies


Osnabrück. Die sechste Staffel von „The Walking Dead“ hatte Höhen und Tiefen: ein Überblick über schlechte Cliffhanger, Figuren mit Potenzial und warum Daryl sterben muss.

Licht und Schatten: Die sechste Staffel der erfolgreichen Zombieserie „The Walking Dead“ brachte mich zur Verzweiflung. Selten war ich so zwiegespalten, dass ich nicht klar sagen kann, war die Staffel nun gut oder schlecht? Einige Probleme und mögliche Lösungen.

Problem 1: Zu viel gewollt

Eine riesige Zombieherde, zu viel Liebe und zu viele Gegenspieler: Von allem war es in Staffel 6 von „The Walking Dead“ ein bisschen zu viel. Zu viele Zombies, die dann doch keine richtige Gefahr sind. Weil die größte Gefahr von dilettantisch handelnden Alexandria-Bewohnern ausgeht und mysteriösen Gegenspielern (Stichwort: die „Wölfe“), die genauso schnell verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. (Lesen Sie dazu auch unsere Kritik zu Folge 1 „Rick Grimes und die Zombieherde“.)

Weil Negans Leute allesamt als durchgeknallte gewalttätige Irre dargestellt werden, die schnell erschossen oder per Panzerfaust in die Luft gesprengt werden. Einzige Ausnahme: Paula (Alicia Witt), die zwar einen eindrucksvollen Auftritt in Folge 13 hinlegt, aber leider nicht überlebt. (Lesen Sie dazu auch unsere ausführliche Kritik zu Folge 13.)

Weil zu viele Alexandrianer als „Zombiefutter“ herhalten müssen, um eine Todesquote zu erfüllen, Ricks Truppe aber unsterblich ist. Zu viel Action statt unheimlicher Bedrohung, gespickt mit merkwürdigen Romanzen. Abraham und Sasha, Rosita und Spencer, Rick und Jessie, Rick und Michonne, Carol und Tobin, Denise und Tara – ist „The Walking Dead“ jetzt eine Soap?

Problem 2: Die Cliffhanger

Glenn ist tot! Ach nee, doch nicht.

Daryl wurde erschossen! Quatsch, natürlich nicht.

Rick ist von Zombies umzingelt! Ach, er kann doch schnell rennen.

Carl wurde angeschossen! Er hat ein Auge verloren! Das macht nichts, ein paar Wochen später ist er wieder fit.

Jessie ist tot! Der arme Rick! Egal, die nächste Frau steht schon in den Startlöchern.

Maggie hat eine Fehlgeburt! Oder sind es doch nur Magenprobleme? Egal, Hauptsache, wir kutschieren sie eine Folge lang durch die Gegend.

Negan bringt jemanden um! Jetzt wirklich! Echt! Na gut, dann lasst uns ein halbes Jahr warten, bis wir den einzig wahren Cliffhanger auflösen. Aber vielleicht passiert das auch erst nach ein paar Folgen in Staffel 7, um die Spannung so lange in die Länge zu ziehen, bis sie sich von selbst auflöst. Da sind Zeitsprünge doch recht hilfreich. Siehe Folge 10. (Weiterlesen: Warum Folge 10 ein Desaster ist)

Problem 3: Das Verramschen von Charakteren

Wer nicht zur Originalgruppe um Rick Grimes gehört und auf einmal mehr Sendezeit bekommt, stirbt. Wie Ärztin Denise. Kaum mit interessantem Hintergrund näher eingeführt, erbt sie den Tod von Abraham aus den Comics: Tod durch Pfeil im Auge. (Lesen Sie dazu auch unsere Kritik zu Folge 14 und Denises Tod.)

Wer nicht zur Originalgruppe um Rick Grimes gehört und auf einmal mehr Sendezeit bekommt und nicht stirbt, gerät in Vergessenheit. Warum wurde Aaron mit so viel Sorgfalt in Staffel 5 eingeführt und mit einem starken Schauspieler wie Ross Marquand besetzt, wenn er nur noch als Statist agieren darf?

Wer zu Negans Leuten gehört und nicht irre ist, stirbt. Na gut, da gibt es (bislang) nur ein Beispiel, Paula als Gegenspielerin von Carol. Dennoch ist ihr Potenzial als tiefgründige Antagonistin mit ihrem Tod verschenkt.

Anstatt neuen Charakteren eine Chance zu geben, hängen die Macher von „The Walking Dead“ mit aller Macht an den „Atlanta Five“ (Rick, Carl, Carol, Daryl und Glenn), deren Geschichten teilweise einfach auserzählt sind. Lasst Daryl (Norman Reedus) endlich sterben! Er hat nichts mehr zu sagen, seine „Bromance“ mit Rick hat an Schwung verloren, selbst Carol hat sich von ihm abgewandt. (Lesen Sie dazu auch unsere Kritik zu Folge 6, in der Daryl einen fatalen Fehler macht.)

Problem 4: Das Finale

Doch soweit wird es wohl nicht kommen. Auch wenn Daryl theoretisch im schlechtesten Cliffhanger aller Zeiten sterben könnte, spekulieren alle auf den Comic-Tod von Glenn. Geht es jedoch nach meiner Theorie – je mehr Sendezeit, desto eher tot – dürfte es Eugene treffen. Immerhin stand er teilweise im Mittelpunkt der Folge „Last Day On Earth“. Oder doch Aaron? Oder Abraham? Oder...? Ach so, ist im Finale sonst noch was passiert? Moment, sie sind ja lange durch die Gegend gefahren in der Hoffnung, den Saviors zu entkommen. Sonst noch was?

Ach, dass Morgan (Lennie James) seinen Schwur, niemanden zu töten, für Carol aufgegeben hat, um sie zu retten, ist ja nicht so wichtig. Und dass er neuen Leuten, wahrscheinlich aus Ezekiels Königreich wie in den Comics, begegnet ist, spielt jetzt auch nicht so eine große Rolle...

Genau das ist das Problem des Finales. Und spiegelt ein Problem der Staffel wieder: Interessante Handlungen werden angerissen, gehen aber in einem schlechten Cliffhanger unter. Tiefgang? Gerne, aber nur kurz.

Problem 5: Negan

Eine ganze Staffel hat man auf ihn gewartet: den ultimativen Bösewicht, den gewalttätigen Negan (Jeffrey Dean Morgan). Gewispert haben die anderen von ihm, erfüllt von Angst vor seinem Baseballschläger namens Lucille. Und im Finale bekommt er dann endlich seinen großen Auftritt. Rick kniet wie die anderen vor ihm, doch anstatt Mitleid mit dem Anführer zu haben, musste ich feststellen: Verdammt, Negan hat recht mit allem, was er sagt!

Rick und Co haben seine Leute im Schlaf ermordet, in die Luft gesprengt und erschossen, alles unter dem Deckmantel des Überlebens. Und als Rache will er nur einen von ihnen töten. Das ist doch verständlich (in einer fiktiven Welt)!

Und dabei agiert er auch noch so charmant. Kein Wunder, dass ihm so viele Leute folgen. Jeffrey Dean Morgan sieht aus wie der Negan im Comic, agiert aber eine Spur zu sympathisch, fast will ich die Seiten wechseln. Dagegen sieht Rick (leider) alt aus.

Lichtblick 1: Carol

Carols (Melissa McBride) Entwicklung vom „Badass“ zur Geläuterten ist nachvollziehbar und spannend. Von der getarnten Hausfrau wird sie zur fürsorglichen Mutter für alle in Alexandria , die damit hadert, dass sie so viele Menschen getötet hat. Obwohl sie Morgans Ansichten zuerst ablehnt, führt ihr Paula vor Augen, zu was sie werden könnte: einer skrupellosen Mörderin.

Mit ihrer Entwicklung hat sie alle nötigen Stufen zur nächsten Anführerin durchlaufen: Daher die Prognose, dass Carol die nächste Anführerin von Alexandria wird, während Maggie (Lauren Cohan) Hilltop übernimmt. Frauen an die Macht!

Lichtblick 2: Jesus

Abgesehen von seinen Slapstick-Einlagen in der desaströsen Folge 10 bringt Paul „Jesus“ Rovia frischen Wind in die Gruppe. Ein unerschrockener Kämpfer, der diplomatisch vermitteln kann, aber auch vor harten Entscheidungen nicht zurückschreckt. Dennoch will er lieber erst reden statt schießen. (Lesen Sie dazu auch: Welche Rolle spielt Jesus?)

Eine sympathische Figur mit Potenzial. Prognose: Er wird Nachfolger vom getöteten Daryl in der brüderlichen Romanze zu Rick und bringt ihn wieder zurück auf den Pfad der postapokalyptischen Normalität.

Lichtblick 3: Morgan

Morgan ist das Gewissen von „The Walking Dead“. Seine Weigerung, Menschen zu töten, weil jedes Menschenleben wertvoll ist, wirkt absurd in einer postapokalyptischen Welt. Und ist deshalb umso wertvoller. Denn geht es nicht länger nur ums Überleben, sondern ums Weiterleben, um den Aufbau einer neuen Zukunft, braucht die Gesellschaft Menschen wie Morgan, die miteinander leben wollen. Mit dem Bruch seines Schwurs in Folge 16 nimmt seine Entwicklung eine spannende Wendung, im Königreich wird er bei Ezekiel neue Perspektiven finden. Und in seiner Zelle Negan läutern. (Lesen Sie dazu auch unsere ausführliche Kritik zu Folge 4, in der Morgans Vergangenheit erzählt wird.)

Lichtblick 4: Die Bewohner von Alexandria

Da nun alle tot sind, die sich nicht so clever im Umgang mit den Zombies angestellt haben, gibt es nun eine Menge Potenzial für weitere Entwicklungen. Aaron und Heath stehen ganz oben auf der Liste der interessanten Charaktere, denen zwar in Staffel 6 zu wenig Sendezeit gegeben wurde, die aber in Staffel 7 eine wichtige Rolle spielen könnten. Tobins Beziehung zu Carol kam zwar überraschend, aber auch da gibt es gute Ansätze für weitere Entwicklungen. Und sofern Enid sich nicht mehr mit Carl abgibt und wieder aus ihrem Schrank befreit wird, gibt es auch für sie Hoffnung auf eine Steigerung.

Lichtblick 5: Es kann nur besser werden

Die zerfaserten Handlungsstränge werden deutlicher zusammengeführt, die neuen Gruppen (Hilltop, Saviors, das Königreich) sind in Stellung gebracht und können sich nun miteinander weiterentwickeln. Und es gibt genug Gegenwind zu Rick: Maggie und Carol positionieren sich als Anführerinnen, Jesus bringt Moral und Gegenwehr in ein besseres Gleichgewicht, sogar Negan ist sympathischer als der einstige Polizist. Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf!

Ricks Entwicklung vom diktatorischen Anführer („Das hier ist keine Demokratie mehr!“) zum Schweinezüchter ohne Waffe bis hin zum blutbesudelten Aggressor war einfach zu gut, um hier zu enden. Mein Wunsch für Staffel 7 von „The Walking Dead“: Lasst die hormonelle Verwirrung mit Michonne enden, konzentriert euch auf Ricks Stärken (schwere Entscheidungen zu treffen, die richtig sind) und schenkt den Fans ein spannendes Psychoduell mit Negan. Dann darf auch ab und zu der Rickinator zuschlagen.


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