23.04.2016, 07:30 Uhr

Montag, 25.4., 22.45 Uhr ARD-Doku beleuchtet das Phänomen AfD

Vor allem die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung trieb die AfD-Anhänger zuletzt an die Urnen – und auf die Straße, so wie hier bei einer Demo in Berlin. Ganz vorne mit dabei: AfD-Bundessprecherin Frauke Petry (3. von links). Foto: WDR/dpaVor allem die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung trieb die AfD-Anhänger zuletzt an die Urnen – und auf die Straße, so wie hier bei einer Demo in Berlin. Ganz vorne mit dabei: AfD-Bundessprecherin Frauke Petry (3. von links). Foto: WDR/dpa

Osnabrück. Die Flüchtlingskrise hat der AfD bei den jüngsten Landtagswahlen zu einem fulminanten Comeback verholfen. Die ARD-Dokumentation „AfD. Und jetzt?“ geht der Frage nach, was der Aufstieg der Partei zu bedeuten hat. Die Macher stießen bei ihrer Recherche auf massives Misstrauen.

Im aktuellen Pressefreiheits-Ranking von Reporter ohne Grenzen verliert Deutschland vier Plätze und liegt jetzt auf Platz 16, nur eine Position vor Namibia. Grund für das Absacken sind die zunehmend gewaltsamen Übergriffe gegen Journalisten, insbesondere bei Demonstrationen der Pegida-Bewegung und ihrer regionalen Ableger, bei Kundgebungen rechtsradikaler Gruppen oder auf Gegendemonstrationen.

Das Klima ist eindeutig rauer geworden. Nicht nur, dass die vermeintliche „Lügenpresse“ vermehrt attackiert wird. Auch möchten immer weniger Bürger überhaupt noch mit ihr reden. Man fühlt sich vor allem in den öffentlich-rechtlichen Medien zunehmend falsch dargestellt und nicht mehr repräsentiert.

Auf eine Wand des Misstrauens stieß auch der Kölner Fernsehautor Wolfgang Minder, der mit seinen Kollegen Achim Pollmeier und Rainer Fromm die ARD-Doku „AfD. Und jetzt?“ drehte. Körperlich bedrängt wurde er nicht. Aber bei seinen Recherchen zu der Dokumentation über die AfD stieß er auf massive Ablehnung. Für den WDR-Mitarbeiter war dies eine ganz neue Qualität journalistischen Arbeitens. „Ich habe meinen Beruf noch nie als so schwierig empfunden wie jetzt mit dem Aufkommen der AfD“, erzählt Minder. „Das größte Aha-Erlebnis war für mich an der Partei-Basis. Ich hab es nicht für möglich gehalten, wie weit Verschwörungstheorien in die Köpfe einer bürgerlichen Schicht hineingeraten sind.“

Paranoide Abwehrhaltung

Mit Recherchen im rechtsextremen Milieu kennt er sich aus, hat er doch auch schon Dokumentarfilme über die deutsche Neonazi-Szene gedreht. Doch jetzt hatte er es mit der bürgerlichen Mitte zu tun. Bei Menschen mit in der Regel höherem Bildungsgrad erlebte er eine geradezu paranoide Abwehrhaltung. Minder wurde permanent unterstellt, dass er gar nicht wahrheitsgemäß berichten wolle.

Vielmehr vertrauten die AfD-Anhänger alternativen Medien wie Compact TV. Auffallend oft sei bei allen von ihm beobachteten Wahlkampfauftritten auch der kremlnahe Sender RT mit einem Kamerateam zugegen gewesen. Permanent sei betont worden, man wolle keinen Krieg mit Russland, was wie ein absurdes Szenario wirkte. Denn welcher deutsche Politiker möchte überhaupt einen Krieg mit Russland? Diese Frage konnte ihm von der AfD aber niemand beantworten.

„Ich kann Ihnen nicht sagen, was die Frau will“

Wie eben auch so gut wie alle anderen von ihm gestellten Fragen nicht beantwortet wurden. Minder stellte auch Spitzenpolitiker der „Alternative für Deutschland“ zur Rede. Während AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen aus Baden-Württemberg menschlich angenehm aufgetreten sei, habe es Amtskollegin Frauke Petry an professionellem Umgang fehlen lassen, so Minder. Sobald die Kamera lief, sei stets eine angespannte Atmosphäre entstanden, erinnert sich der Journalist. „Stell ich Frau Petry eine Frage, was wollen Sie, dann bekomme ich als Antwort, was die anderen alles falsch machen! Es war sehr schwer, sie auf den Punkt zu bringen.“ Auf seine Fragen, was sie unter Nationalismus verstehe oder unter Familienpolitik, habe sie stets zu einem Vortrag ausgeholt. „Petrys Inhalt nach einem viertelstündigen Vortrag ging gegen null. Ich kann Ihnen nicht sagen, was die Frau will“, fasst Filmemacher Minder zusammen.

Aber immerhin gebe es ein gewisses Zugeständnis, dass auch die AfD in der etablierten Presse auftauchen wolle. Es sei eben ambivalent: einerseits werfe die Partei den Medien Falschdarstellung vor, andererseits wolle die AfD das Fernsehen auch für sich nutzen, um sich als Opfer der Medien inszenieren zu können. Da wird für Schießbefehle gegen Flüchtlinge plädiert, was dann nach öffentlicher Kritik anschließend als Abrutschen auf der PC-Maus verharmlost wird. Nun polemisiert AfD-Vize Beatrix von Storch gegen den Islam. Dieser sei eine „politische Ideologie, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar“ sei, sagte von Storch. Dass das Grundgesetz auch die Religionsfreiheit schützt, ist ihr offenbar keinen Gedanken wert.

Der Riss geht durch die Familien

Auf jeden Fall wolle die Partei polarisieren und spalten, sagt Minder. Der Riss gehe mittlerweile durch das Bürgertum und sogar durch Familien, wie der Filmemacher bei Interviewanfragen erlebt hat. „Es gab Absprachen, wir machen da mit, ich wollt schon immer mal sagen, weshalb ich die AfD gut finde. Und kurz danach bekomme ich eine Absage mit dem Argument: ,Meine Tochter hat mir gesagt, wenn ich mich da oute, dann haben wir Krach in der Familie.‘“

Die AfD werde mit Sicherheit ein Dauerthema für die journalistische Analyse bleiben, meint Wolfgang Minder. Denn den Medien zu misstrauen, die Pauschalisierung von Sachverhalten, die polemische Art und Weise der Darstellung hätten sich in den Köpfen vieler Bürger bereits festgesetzt. Es gehe kaum noch um eine konstruktive Debattenkultur. Das werde auch im Film spürbar.

AfD. Und jetzt?
ARD, Montag, 25.4., 22.45 Uhr


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