02.01.2016, 04:26 Uhr zuletzt aktualisiert vor

50. „Wilsberg“ im ZDF „Wilsberg“ Leonard Lansink: Schicksalsstadt Münster


Berlin. Leonard Lansink ist am Samstag zum 50. Mal als Münsteraner Hobbydetektiv „Wilsberg“ im ZDF zu sehen. Ein Interview über seine Schicksalsstadt Münster.

Entspanntes Arbeiten: In einer lauschigen Bar am Berliner Savigny-Platz sitzt Leonard Lansink, der an diesem Samstag zum 50. Mal als Münsteraner ZDF-Kultdetektiv Wilsberg zu sehen ist. Getreu dem Motto „Kein Bier vor vier“, unterhalten wir uns bei einem Drink am fortgeschrittenen Nachmittag über knorrige Westfalen, knurrige Berliner und seine Schicksalsstadt Münster. Dort hat er die Rolle seines Lebens – „Wilsberg“ – gefunden und die Frau seines Lebens – Maren – getroffen.

Herr Lansink, den ersten Drehtag Ihres Lebens haben Sie bei einem „Schimanski“ verbracht. Können Sie sich noch erinnern?

Ja, klar. Ich weiß noch, dass ich mit Eberhard Feik spielen musste und die Folge „Rechnung ohne Wirt“ hieß. Ich war irre aufgeregt, denn ich wusste gar nicht, wie Fernsehen funktioniert – dass es so ein Riesen-Aufwand ist, bei dem etwa 40 Leute um einen herumstehen und alle komische Sachen machen. Ich war auf jeden Fall vollkommen durcheinander.

Wie alt waren Sie damals?

Etwa 30. Ich habe ja spät angefangen mit Fernsehen. Damals musste ich den Rest meines Zivildienstes in München ableisten, habe dann viel Theater gespielt, und irgendwann kam der Regisseur Peter Adam, den ich mal auf einer Gartenparty kennengelernt hatte, auf die Idee, dass ich eine Rolle übernehmen könnte. In München war man natürlich sehr erpicht auf jeden, der nach Ruhrgebiet klang, weil „Schimanski“ ja eigentlich in Duisburg spielte, aber trotzdem größtenteils in München gedreht wurde.

„Schimanski“ wurde in München gedreht?

Ja, auch da gibt’s Scheißecken, die sich gut geeignet haben für so einen Ruhrpott-Krimi. Der „Schimanski“ wurde ein paar Tage in Duisburg-Ruhrort gedreht und ansonsten in München. Götz George habe ich allerdings nur im Hotel, aber nicht beim Drehen kennengelernt.

Mittlerweile gibt es mehr „Wilsbergs“ als „Schimanskis“.

Das liegt daran, dass wir Langstreckenläufer und so erfolgreich sind. Es macht mich schon ein bisschen stolz, aber das ruht ja nicht auf meinen Schultern, sondern auf ganz vielen.

Wie war denn Ihre Erwartung, als Sie den ersten „Wilsberg“ gedreht haben?

Gar keine. Ich hatte damals eine Chemotherapie wegen meines Lymphknotenkrebses hinter mir, die Haare wuchsen gerade wieder, als mich ein Anruf erreichte: Sagen Sie mal, Herr Lansink, wir haben da so ein Drehbuch. Das war prima, wir haben dann in Köln in einem Keller darüber geredet, aber es war überhaupt kein Thema, dass das fortgesetzt werden soll. Der erste „Wilsberg“ lief montagabends im ZDF. Ich weiß noch: Barbara Rudnik war dabei, und alle Beteiligten waren glücklich.

Und er schlug ein wie eine Bombe?

Würde ich so nicht sagen, im nächsten Jahr gab’s erst mal keine weitere Folge, dann mal wieder eine, und erst danach wurden wir wegen des großen Erfolgs auf den Samstagabend befördert. Erst da bekamen wir die leise Ahnung, dass aus „Wilsberg“ mal eine Reihe werden könnte.

Und seitdem werden Sie in den Medien gerne als „knorriger Westfale“ beschrieben.

Stimmt ja auch. Ich bin maulfaul, sitze gern griesgrämig in der Gegend rum, gucke mir die Leute an, nehme an deren Leben aber nicht gern teil. Mein Lieblingsplatz ist in der Ecke eines Lokals, wo ich den ganzen Laden vor mir habe: Da kann ich gucken, muss aber nichts tun.

Nehmen Sie doch einfach immer den Tisch am Klo, da haben Sie die beste Aussicht über die gesamte Anlage.

(lacht) Aber da riecht’s so schlecht. Hauptsache, ich habe einen Tisch mit dem Rücken zur Wand.

„Knorrig“ passt auch zum Wilsberg ganz gut.

Ja, wir reden ja beide nicht so viel und nicht so gern. Deshalb ist so eine Interviewsituation für mich auch relativ schwierig, aber ich bemüh’ mich jetzt mal. Das ist der Unterschied: Lansink bemüht sich, Wilsberg nicht.

Sie machen das doch ganz gut – oder fühlen Sie sich gerade unwohl?

Nee, hier ist’s doch warm und trocken.

Hat die gefühlte Ewigkweit, die Sie jetzt schon in Berlin wohnen, nichts an dem knorrigen Westfalen verändert?

Nee, weil die meisten Berliner ja auch keine Berliner sind. Die sind ja alle zugezogen, es gibt keine Berliner mehr. Die ursprünglichen Berliner kommen alle aus Pommern oder Schlesien, die fühlen sich hier wie die Ureinwohner, sterben aber langsam aus. Alle anderen kommen aus Stuttgart, München, Hamburg, dem Ruhrgebiet oder dem Osten. Berlin ist eigentlich ein lustiger Mikrokosmos der Bundesrepublik. Eigentlich wohnen hier alle Deutschen, nur keine Berliner.

Der aussterbende Original-Berliner gilt zwar nicht als knorrig, wohl aber als knurrig.

Stimmt. Mein Lieblings-Berliner ist Oliver Korittke, ein Steglitzer Kneipensohn und typischer Berliner: Große Schnauze, weiches Herz. Und das größte Kompliment, das er einem machen kann, heißt „Ist nicht ganz scheiße“. Aber das sagen die Westfalen auch.

Also ist zwischen knurrig und knorrig gar kein großer Unterschied?

Nein, nur sind die Westfalen knurrig mit wenigen Worten, die Berliner reden halt viel dabei.

Mal ehrlich, findet Ihre Frau Sie eigentlich auch knurrig oder knorrig?

Nee, ich musste halt dazulernen, dass ich mit ihr ein bisschen offenherziger bin, als ich es eigentlich war. Und bis jetzt höre ich keine Klagen.

Sie sind seit vier Jahren verheiratet und haben Ihre Frau in Münster kennengelernt. Erzählen Sie doch mal.

Es gab damals in Münster den Gründungskommers einer nicht schlagenden, aber durchaus katholisch-konservativen Studentenverbindung. Und die hatte beim ZDF angefragt, ob nicht jemand die Festrede halten könne. Der damalige ZDF-Intendant Rudolf Schächter hatte erst mal Thomas Gottschalk im Auge, aber der hatte keine Lust. Dann traf der Intendant den zuständigen „Wilsberg“-Redakteur Martin Neumann zufällig im Aufzug und fragte ihn, ob der Wilsberg nicht könne. Ich hatte Zeit und auch Lust. Und es war dann auch eine Super-Veranstaltung.

Und da haben Sie Ihre Frau kennengelernt?

Noch nicht. Nach dem Gründungskommers ging es „aufs Haus“, wie man bei den Verbindungen sagt, wenn’s ans Feiern geht. Und da gab’s sowohl Mädchen als auch Alkohol. Irgendwann stand ich vorm Klo, und da kam dann meine zukünftige Gattin vorbei. Sie war die Begleitung eines „alten Herrn“, also eines Ex-Studenten dieser Verbindung – ja, und so haben wir uns kennengelernt.

Vor dem Klo „auf dem Haus“ einer katholisch-konservativen Verbindung?

So isset. Das haben Sie richtig zusammengefasst (grinst). Wir fanden uns damals ganz gut, ganz interessant und ganz spannend. Und das hat sich über ein paar Tage entwickelt. Es war nicht so, dass ich vor Schreck umgefallen wäre, aber wir waren beide sehr fasziniert.

Ist das eigentlich Ihre erste Ehe?

Ja. Nicht nur die erste, sondern auch die einzige.

Dann ist Münster ja wohl Ihre Schicksalsstadt: Rolle des Lebens, Liebe des Lebens, was wollen Sie mehr?

Nix. Höchstens, dass es lange dauert.

Ihre Frau ist Juristin – sagt die Ihnen beim „Wilsberg“ immer, was da alles nicht stimmt?

Ja, aber ich kann damit leben. Juristen sehen die Welt eben anders als richtige Menschen. Die haben ein sehr strukturiertes Bild vom Dasein und sehen die Welt eher in Gesetzlichkeiten, während normale Menschen einfach so vor sich hin leben und erst mal gucken, was passiert.

Was macht Ihre Frau genau?

Sie ist Justiziarin bei einer Filmproduktionsfirma. Das hat sich so entwickelt – damals war sie beim Landschaftsverband LWL in Münster.

Der „Wilsberg“ hat Sie vor knapp 20 Jahren zum ersten Mal nach Münster gelotst – damals noch mit Heinrich Schafmeister als Manni, der nach 23 Folgen dann ausgestiegen ist. Sie beide aber haben sich nie aus den Augen verloren, oder?

Das ist eine gute alte Freundschaft, und das bleibt auch so. Man verlässt seinen Freund ja nicht, nur weil der sich einen anderen Arbeitsplatz sucht. Im Gegenteil – das hat sich ordentlich entwickelt. Wir haben zuletzt 331-mal „Felix & Oscar“ gespielt, diese alte Walter Matthau/Jack Lemon-Geschichte. Er hat Jack Lemon gespielt und ich Matthau, die bequemere Rolle. Hat Spaß gemacht. Jetzt denken wir darüber nach, 2017 zusammen das Stück „Kunst“ zu machen. Damit würden wir dann wieder auf Tournee gehen.

Sie haben über sich und Heinrich Schafmeister mal gesagt: Wir streiten uns nie.

Worüber sollten wir streiten? Es gibt inhaltlich wenig, wofür es sich lohnen würde. Man arrangiert sich und sucht die beste Lösung.

Und Sie halten ihn für den besseren Schauspieler?

Wen? Heinrich? Sagen wir es mal so: Er braucht mehr Energie, um das hinzukriegen, was er macht. Ich bin halt die faule Sau von uns beiden.

Wie viel von einer „Wilsberg“-Folge wird eigentlich in Münster gedreht?

Ein Drittel in Münster und zwei Drittel in Köln. Die „Tatort“-Kollegen schaffen vielleicht ein Zehntel in Münster und neun Zehntel in Köln. Wir würden gern hundert Prozent in Münster machen, aber es ist eine Produktionsentscheidung. Wenn wir in Münster drehen, wohnen 40 Leute im Hotel, das ist sehr teuer.

Neiden Sie den Kollegen Prahl und Liefers manchmal deren Quoten?

Nein, die hätten wir auch, wenn wir die „Tatort“-Augen vor dem Trailer hätten und sonntags laufen würden. Aber so, wie es ist, ist es gut. Gut für Münster und gut für Westfalen, das ja vom WDR ein bisschen unterschätzt wird. Der WDR ist mehr ein Rheinland-Sender, Westfalen könnte da ruhig eine größere Rolle spielen. Das ZDF tut mehr für Westfalen als der WDR, obwohl es dem doch eigentlich obliegt.

Gehören Sie denn auch zu den 12 oder 13 Millionen, die sich jedes Mal den Münster-„Tatort“ ansehen?

Natürlich, ich finde die echt super. Die machen schon, was wir auch machen, also Krimi und Komödie, wobei bei denen der Krimi manchmal ein bisschen verhuscht ist. Da geht’s dann mehr um interne Befindlichkeiten und den Spaß an der Sache und weniger um den Krimi.

Es gab ja immer wieder mal die Überlegung, die Figuren Boerne, Thiel und Wilsberg in einem Film zusammenzuführen – wird da noch mal was draus?

Man könnte es, aber man muss das auch wollen. Die Kollegen vom ZDF würden es gerne machen, aber die vom WDR haben da wohl Bedenken. Da geht es auch um technische Probleme: Man muss den Kram wiederholen können, es muss jederzeit verfügbar sein. Aber man könnte so etwas ja auch planen. Meine Lieblingsidee ist: Wenn samstags ein „Wilsberg“ läuft und sonntags ein Münster-„Tatort“, gibt es einen Fall, der bei „Wilsberg“ anfängt und im „Tatort“ aufhört. So etwas lässt sich natürlich schlecht wiederholen, und deshalb ist man da so zurückhaltend.

Eine andere Möglichkeit wäre der geplante Kino-„Tatort“ aus Münster.

Ich glaube, den wird’s gar nicht geben. Es ist beim WDR ja so üblich: Man redet seit Jahren über etwas, und dann passiert trotzdem nichts.

Haben Sie eigentlich einen Lieblingsort in Münster?

Stuhlmacher, diese Kneipe neben dem Ratskeller. Die haben 13 ordentliche Biere auf dem Zapfhahn, das ist schon sehr gut. Den Wochenmarkt am Samstag finde ich auch großartig, der ist hinreißend.

Sie stehen schon zweimal im Goldenen Buch der Stadt Münster, haben eine Frau aus Münster, sind Mitglied bei Preußen Münster – warum wohnen Sie nicht in Münster?

Weil ich da nicht allein gelassen werden kann. Ich kann da nicht ruhig im Straßencafé oder irgendeinem Laden sitzen und in der Nase bohren, sondern hätte dauernd eine Hand auf der Schulter, und alle würden immer was von mir wollen. In Münster bin ich weltberühmt, in Berlin bin ich nur bekannt.

Bei Preußen sind Sie schon zehn Jahre Mitglied – wie viele Spiele haben Sie schon gesehen?

Etwa 20. Ich wünsche Münster schon lange, dass sie mal ein bisschen höherklassig spielen, aber irgendwie sind sie wie Schalke und stellen sich im letzten Moment immer selbst ein Bein.

Wilsberg hat ein Antiquariat – und Lansink liest seine Bücher auf dem iPad. Haben Sie Ihrer Figur gegenüber manchmal ein schlechtes Gewissen?

Brauche ich haptisch dieses alte Pergament? Nö. Ich hänge mehr an den Inhalten und lese auch schwarz auf weiß, aber eben elektronisch. Mir ist es nicht wichtig, dass mir die Seiten unter den Fingern zerbröseln. Deswegen lese ich auch Zeitungen gerne online. Ich kann 20 Zeitungen auf meinem iPad haben, aber ich kann keine 20 Zeitungen in meiner Jackentasche mit mir rumschleppen. Dasselbe gilt für Bücher: Ich kann mir den ganzen Karl May, „Herr der Ringe“, „Harry Potter“ und alle Schweden-Krimis der Welt auf mein iPad laden, und es wäre trotzdem nicht voll. Aber stellen Sie sich mal vor, die wollte ich alle in meinem Rollkoffer mittransportieren. Papier ist eine großartige Erfindung, aber noch großartiger sind die Gedanken hinter einem Buch. Das gilt auch für Drehbücher.

Die Diskrepanz zwischen Ihnen und Wilsberg ist beim Telefonieren ähnlich – Sie sitzen hier mit Ihrem iPhone, Wilsberg hat noch das rote Telefon mit der Wählscheibe.

Das muss auch so sein. Wilsberg ist ein Mensch, der diese musealen Dinge weiterbetreibt. Er kann nicht auf einmal im Internet recherchieren, dafür braucht er Leute. Dieses anachronistische Verhältnis zur modernen Welt macht ja auch den Reiz der Geschichte aus. Wilsberg hat auch keine Kreditkarten, die fände er komisch. Wenn überhaupt, dann hat er Bargeld.

Die „Wilsberg“-Folgen 51 und 52 sind schon gedreht, 53 und 54 sind in der Vorbereitung. Ein Ende ist offenbar nicht in Sicht, oder?

Mit unserem Redakteur habe ich jetzt mal die 75 ins Auge gefasst.

Dann werden Sie der Mr. Marple des Fernsehkrimis.

(lacht) Gucken wir mal. Ich finde die 75 realistisch.

Leonard Lansink

wird am 7. Januar 1956 im westfälischen Hamm geboren. Der Junge wächst bei seinen Großeltern in Gelsenkirchen-Rotthausen auf und macht sein Abitur am Bischöflichen Gymnasium am Stoppenberg in Essen. Ein Medizinstudium bricht Lansink nach sechs Semestern ab und wendet sich der Schauspielerei zu.

Seine Ausbildung absolviert er an der renommierten Folkwang-Schule in Essen, es folgen mehrere Theaterengagements in Essen, Bochum und Oberhausen. 1980 gründet Lansink eine eigene Theatergruppe, führt selbst Regie bei Werken von Goethe, Biermann oder Villon. Sein TV-Debüt gibt er 1984 in „King Kongs Faust“, seither ist er in zahlreichen Rollen im Fernsehen zu sehen. Die erste Kino-Hauptrolle bekommt er 2002 in dem Film „Mein erstes Wunder“.

1996 wird Lansink nach der Buchvorlage von Jürgen Kehrer als der chaotische Münsteraner Privatdetektiv Georg Wilsberg fürs ZDF kreiert – am Samstagabend stellt Lansink ihn zum 50. Mal dar. Anfang 2008 bezeichnet ihn die „Welt“ in dieser Rolle als den „wohl besten Ermittler des deutschen Fernsehens“. Nebenbei steht Lansink auf der Theaterbühne, zuletzt über 300-mal in „Oscar & Felix“ – zusammen mit seinem Freund Heinrich Schafmeister, der in den ersten „Wilsberg“-Jahren den Manni spielte. Auch außerhalb des Fernsehens engagiert sich Lansink für Münster: Er ist Schirmherr der Krebsberatungsstelle, für die er jedes Jahr als „Promi-Kellner“ im Szenelokal „Der bunte Vogel“ Geld sammelt, und ist Mitglied bei Preußen Münster. In Münster lernt er auch die Juristin Maren Muntenbeck kennen, die er 2011 heiratet. Die beiden Westfalen leben zusammen in Berlin-Friedrichshain.


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