09.12.2015, 19:19 Uhr

Die Mutter der „Lindenstraße“ „Coronation Street“ begeistert Briten seit 55 Jahren

Lange dabei: Bernard Youens spielte 20 Jahre Stan Ogden, Ehemann von Hilda Ogden (Jean Alexander). Aber auch Stars wie Sir Ian McKellen und Ben Kengsley hatten schon Gastauftritte in der „Coronation Street“. Foto: imago/United Archives InternationalLange dabei: Bernard Youens spielte 20 Jahre Stan Ogden, Ehemann von Hilda Ogden (Jean Alexander). Aber auch Stars wie Sir Ian McKellen und Ben Kengsley hatten schon Gastauftritte in der „Coronation Street“. Foto: imago/United Archives International

Osnabrück/Manchester. Die „Lindenstraße“ feierte am 8. Dezember ihren 30. Geburtstag. Mehr als respektabel und doch bescheiden im Vergleich zum britischen Vorbild der deutschen Serie: „Coronation Street“ wird genau einen Tag später stolze 55 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch!

Es ist eine dieser für angehende Künstler, Autoren, Musiker so tröstlichen Geschichten: Beinahe wäre „Coronation Street“ nie in Serie gegangen. Die öffentlich-rechtliche BBC hatte Tony Warrens Konzept zweimal abgelehnt. Bei einem Redakteur des kommerziellen Senders ITV fand der Autor zumindest Interesse. Über Nacht schrieb er das Drehbuch für die Auftaktfolge. Dem Redakteur gefiel der Stoff, nicht aber den Programmchefs. Die Serie, die zu diesem Zeitpunkt noch den Arbeitstitel „Florizel Street“ trug und von Menschen aus der Arbeiterklasse erzählte, würde die Werbekunden vergraulen, so die Befürchtung.

Nur aus Not produziert

Nur weil dringend ein Sendeplatz zu füllen war, wurden die ersten 13 Episoden produziert – schwarz-weiß, wie im Jahr 1960 noch üblich. „Coronation Street“ hieß die Serie jetzt, nachdem eine Küchenangestellte des Senders angemerkt hatte, „Florizel“ klinge wie ein Desinfektionsmittel.

Bald mussten sich die Senderchefs wegen der Werbebuchungen keine Sorgen mehr machen. Sechs Monate nach ihrem Start war „Coronation Street“ die meistgesehene TV-Serie Großbritanniens – Unterschichtenfernsehen vom Feinsten.

Und das war erst der Anfang. Wenn heute TV-Serien bereits gelobt werden, weil sich ihr Handlungsbogen über mehrere Tage erstreckt, dürfen der inzwischen mehrfach preisgekrönte und mit einem Verdienstorden ausgezeichnete Tony Warren und die Armada der ihm nachgefolgten Autoren nachsichtig lächeln. Seit 1960 erzählen sie – anders als die deutschen Kollegen nicht nur einmal wöchentlich, sondern an drei Tagen jeweils zur Hauptsendezeit – kontinuierlich von den Bewohnern des fiktiven Ortes Weatherfield, der nach dem Vorbild des nahe Manchester gelegenen Salford modelliert wurde.

Gastauftritte von Ian McKellen und Ben Kingsley

Manche Schauspieler gehörten über Jahrzehnte zum Ensemble, etwa Bernard Youens, der von 1964 bis 1984 den arbeitsscheuen Stan Ogden verkörperte. Bekannte Stars begreifen es als Ehre, einmal in „Coronation Street“ mitwirken zu dürfen, darunter der aus „Herr der Ringe“ bekannte Darsteller Sir Ian McKellen, Patrick Stuart oder die Oscar-Gewinner Brenda Fricker und Sir Ben Kingsley. In einer Jubiläumsfolge gab sich selbst Prinz Charles die Ehre. Nicht als Darsteller, der Thronfolger spielte sich selbst.

Von Anbeginn an wurde „Coronation Street“ in Manchester gefilmt. Anfangs komplett im Innenstudio, seit 1968 teils in Außenkulissen. Zunächst waren nur die hölzernen Attrappen ins Freie auf ein benachbartes früheres Eisenbahngelände geschafft worden. In den 1970ern errichtete man Fassaden aus Stein, seit 1982 gibt es die „Coronation Street“ als echte Häuserflucht. Nach ähnlichem Muster wurde in Köln-Bocklemünd die „Lindenstraße“ gebaut.

Modernes Sendezentrum gebaut

Bis zum Vorjahr traf man in Manchester an der Atherton Street stets leidenschaftliche „Corrie“-Fans, die in der Hoffnung auf ein Autogramm an den Studiotoren ausharrten. Janet zum Beispiel, eine kultivierte 61-Jährige. Sie verfolge „Coronation Street“ regelmäßig, erzählte sie bei einer Begegnung vor ein paar Jahren. Es sei interessant und abwechslungsreich, man treffe auf vertraute Menschen. Noch immer versammeln sich Fans am Drehort, wenn auch in kleinerer Zahl, seit Kulissen und Produktionsteam Manchesters Zentrum verlassen haben. 2014 entstand in Trafford Wharf ein neues modernes Sendezentrum und in der Nähe auch ein neues Studiogelände. Fernsehzuschauer werden es kaum bemerken, aber die neuen Dekors sind größer. Sie lassen den Fahrzeugen mehr Raum, Kameras und Mikrofongalgen können leichter manövriert werden.

Alte Kulissen sind Besuchermagnet

Die alten Kulissen wurden vorübergehend der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und zum Besuchermagnet. Über 750000 Gäste aus aller Welt – „Coronation Street“ ist auch ein Exportschlager – haben sie bislang besichtigt.

Zum Jahreswechsel wird die alte Straßenkulisse in neue Hände übergehen. Die Serie bleibt. Wie in den vergangenen 55 Jahren werden die Autoren sie immer wieder aktualisieren, zeitkritische Stoffe einarbeiten, von neuen Generationen erzählen. Die „Coronation Street“ ist weit davon entfernt, zur Sackgasse zu werden.


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