31.10.2015, 08:14 Uhr

„Bis mir der Kragen platzt…“ Peter Hahne verzweifelt an evangelischen Kirche

Humor verbindet, theologisch liegen zwischen den beiden Welten: Schon bei den EKD-Synoden saßen Peter Hahne und Margot Käßmann gerne zusammen. Foto: ZDF/Michael KramersHumor verbindet, theologisch liegen zwischen den beiden Welten: Schon bei den EKD-Synoden saßen Peter Hahne und Margot Käßmann gerne zusammen. Foto: ZDF/Michael Kramers

Berlin. Der Reformationstag ist Anlass, dass Peter Hahne sein Studio in die Stadtkirche von Wittenberg verlegt. In der Predigtkirche von Martin Luther wird die sogenannte „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“, Margot Käßmann, zu Gast sein. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt Hahne, warum er in Berlin kaum noch einen evangelischen Redakteur kennt, was ihn mit Samuel Koch verbindet und wieso ein Konfessionswechsel für ihn kein Tabu mehr ist.

Er ist nicht nur Journalist und Theologe, sondern auch Vertrauensperson. Nachdem Samuel Koch im Dezember 2010 bei „Wetten, dass..?“ verunglückte, hielt Peter Hahne mit dem frommen Schauspielstudenten engen Kontakt – und er posaunte das nicht über die Boulevardpresse hinaus. „Während der Telefongespräche ging ich draußen in der Kälte spazieren, sonst hätte ich das selbst nicht ausgehalten“, sagt Hahne. Ein halbes Jahr später gab der querschnittsgelähmte Koch in der Sendung „Peter Hahne“ aus der Reha-Klinik sein erstes Fernsehinterview nach dem Unfall.

Bei Hahne sind nie mehr als zwei Gäste im Studio. „Da muss ich mein Thema nicht auf fünf Sätze komprimieren“, erklärt Angela Marquardt. Ausgerechnet die einst stellvertretende Bundesvorsitzende der PDS setzte sich vor ein paar Monaten zum konservativen Hahne und redete über den Missbrauch durch ihren Stiefvater und die Stasi. „Jemand wie Peter Hahne hat andere Fragen als ein linker Vorzeigejournalist“, meint Marquardt, „er geht auch mit der nötigen Sensibilität an das Thema. Trotz seines traditionellen Blickwinkels hatte ich Vertrauen, dass es funktionieren könnte. Aber wer im Fernsehen auftritt, macht immer ein Experiment mit“.

Unverbrauchte Gäste

Die Sendung mit Samuel Koch schalteten damals in der Spitze über eine Million Zuschauer ein. Für einen Sonntagvormittag im ZDF ist das bemerkenswert. Hahne konnte diese Zahl erst wieder schaffen, als am letzten Wochenende ein Landrat aus Bayern und eine Polizistin über den „Notstand an der Grenze“ sprachen. Statt der üblichen Talkshow-Touristen lädt Hahne unverbrauchte Gäste ein. Statt vorbereiteter Phrasen hören die Zuschauer Klartext. Zum Volkswagen-Skandal ließ Hahne die 84-jährige Leiterin einer Autohausgruppe urteilen.

Moderatoren sorgen sich geradezu manisch um Einschaltquoten. Hahne sorgt sich eher um die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), dessen Rat er 17 Jahre lang angehörte. Sein neuer Bestseller „Niemals aufgeben“ liest sich in Teilen wie ein Manifest gegen die Politisierung der EKD.

Hahne: „Politreligion“

In vielen Gottesdiensten hocken ein paar gelangweilte Konfirmanden und die letzten Senioren. Schließlich besucht der Pastor sie zum Geburtstag auch immer, spricht aber für die große Kaffeetafel schon lange kein Tischgebet mehr. Kirchentage verhandeln Parteitagsthemen, und es scheint, als würden die EKD-Verantwortlichen mehr an den Klimawandel als an Jesus Christus glauben.

„Der Protestantismus pervertiert zur Politreligion“, regt sich Hahne auf. Für die Medien werden Kirchenführer erst dann relevant, wenn sie in der Neujahrspredigt mit Tipps zu aktuellen Problemen wie Auslandseinsätzen, Freihandelsabkommen oder der Armutsbekämpfung aufwarten. Doch so ein breites Spektrum könnten wohl nicht einmal Universalgenies wie Galileo Galilei oder Leonardo da Vinci kompetent abdecken.

In einem Weihnachtsgruß per SMS, den Hahne noch immer nicht gelöscht hat, schrieb ihm eine bekannte ZDF-Größe nach dem Gottesdienstbesuch: „...die botschaft war nicht froh. was eine predigt sein sollte, war pädagogengelaber eines gleichstellungs- oder flüchtlingsbeauftragten ohne jedes charisma (...) sorry, nie wieder werde ich eine kirche betreten!“

„Gutmenschen-Lyrik“

Das „Wort zum Sonntag“ im „Ersten“ bezeichnet Hahne als „Gutmenschen-Lyrik“. Luthers Erben seien viel zu zaghaft und um Tagespolitik und Linksdrall bemüht, so Hahne im Buch. Er fragt: „Wie wollen diese blinden Blindenleiter einmal Seelsorge betreiben, wenn Menschen und Gesellschaft in existenziellen Krisen sind?“ Das sei der eigentliche Grund für die massenhaften Kirchenaustritte. So mancher flüchtet in freie Gemeinden. „Wir haben aber noch die vielen guten Pfarrer, die eine lebendige Gemeindearbeit machen. Sie bekommen Steine in den Weg gelegt, weil die EKD-Verantwortlichen neidisch sind, dass die Frommen so einen Zustrom haben“, sagt Hahne unserer Zeitung. Er habe „kistenweise Wissen“ aus seiner Zeit im Rat der EKD, wolle sich aber an das Gebot der Verschwiegenheit halten, „bis mir der Kragen platzt“.

Was die Fernsehwelt bewegt: Berichte auf noz.de/medien

In „Niemals aufgeben“ lobt der überzeugte Lutheraner ausgerechnet Papst Benedikt XVI., der sagt: „Gott allein ist absolut und das Ziel.“ Offenbar werden Hahnes Werke in Rom an höchster Stelle gelesen. Als er im Februar mit einer Journalistengruppe im Vatikan vom Papst empfangen wurde, rief ihm Papst-Sekretär Georg Gänswein von Weitem zu: „Herr Hahne, sind Sie etwa immer noch evangelisch?“ Wäre der ZDF-Mann, der von vielen Christen wie eine Ikone des Protestantismus verehrt wird, bereit für den Konfessionswechsel? Hahne würde seinem Nachfolger als „heute“-Moderator nachfolgen: Steffen Seibert, inzwischen Regierungssprecher, konvertierte schon 2007. „Es gibt für mich eine Schmerzgrenze zur EKD. In der katholischen Gemeinde muss ich mich geistig wohlfühlen. Dann würde mich wohl nichts am Übertritt hindern“, sagt Hahne, „ich kenne hier in Berlin jedenfalls kaum einen Redakteur, der noch Mitglied der evangelischen Kirche ist.“

Peter Hahne, ZDF, Sonntag, 10.15 Uhr


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