26.10.2015, 06:48 Uhr

ARD-Film zu Manipulationen „Alles Lüge oder was?“ deckt Propaganda auf

Autor Klaus Scherer im Gespräch mit einem BND-Mann zu vermeintlichen IS-Videos. Etliche davon wurden gefälscht. Foto: NDRAutor Klaus Scherer im Gespräch mit einem BND-Mann zu vermeintlichen IS-Videos. Etliche davon wurden gefälscht. Foto: NDR

Osnabrück. Eines der ersten Opfer im Krieg um Nachrichtenbilder ist oft die Wahrheit. Davon berichtet der NDR-Journalist und Grimme-Preisträger Klaus Scherer in seiner ARD-Reportage „Alles Lüge oder was?“. Er zeigt: Oft werden gefälschte Videos als Waffe im Propaganda-Krieg eingesetzt. Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet er unter anderem, weshalb Recherchen und journalistische Standards gerade beim derzeitigen Medienwandel wichtig sind.

Es war eine Schockmeldung, die um die Welt ging. Als bei einer Anhörung im Oktober 1990 eine junge Frau unter Tränen erzählte, wie irakische Soldaten kuwaitische Säuglinge aus Brutkästen brutal auf den nackten Boden warfen, um diese zu töten, da verwandte auch US-Präsident George Bush mehrmals diese Aussage, um für den Kriegseintritt der USA zu werben. Doch diese Aussage, in der ganzen Welt als Nachricht gesendet, war inszeniert. Eine US-Werbeagentur sollte im Auftrag der kuwaitischen Exil-Regierung die öffentliche Meinung manipulieren und die USA zum Kriegseintritt gegen Saddam Hussein bewegen. Eine raffinierte Propagandalüge  mit Folgen. Beileibe nicht der einzige Manipulationsversuch, aber gewiss auch ein Tiefpunkt in der Geschichte der Medien, findet der NDR-Journalist Klaus Scherer , der sich in der Reportage „Alles Lüge oder was“ nun mit aktuellen Falschmeldungen  auseinandersetzt.

Aktuelle Beispiele

Denn auch aktuell gehören Lügen zum Alltag im Nachrichtengeschäft. Da wird etwa das Bild eines verschmutzt aussehenden australischen Mädchens aus dem Jahr 2010 dazu benutzt, um es als Opfer des Krieges in der Ukraine darzustellen, oder es werden brutale IS-Kampf- und Exekutionsvideos  bewusst inszeniert, um Schrecken oder Propaganda zu verbreiten.

Doch was wiegt schwerer: Dass im digitalen Zeitalter solche Fälschungen leichter herzustellen sind, oder sie sich so schnell verbreiten lassen? Dazu Klaus Scherer : „Da kommt vieles zusammen. Gelogen wurde vorher auch . Neu ist, dass heute jeder drehen und senden kann, der ein Smartphone und Zugang zu Netzwerken hat. Das bringt zwar oft mehr Wahrheit ans Licht, und ist deshalb ein Gewinn. Wir stellen aber auch mehr und mehr fest, dass sich so auch Falschinformationen und Propaganda unaufhaltsam Bahn brechen, und zwar global und nahezu in Echtzeit.“ (Lesen Sie hier das ganze Interview mit Klaus Scherer)

Nachchecken wird immer aufwendiger

Umso wichtiger der Einsatz von Redaktionen, die Nachrichten verifizieren. Ob bei der BBC in London, dem Nachrichtensender „France 24“ , oder bei der „Tagesschau“ , oder durch Journalistik-Studenten in Kiew. Oder auf Webseiten wie Bildblog.de , topfvollgold.de  oder stefan-niggemeier.de  – Falschmeldungen werden dort genaustens, teilweise nach akribischer Recherche widerlegt. Für Scherer sind solche Nachforscher enorm hilfreich: „Für die Profession sind sie wichtig, denn sie pochen auf Standards. Das Internet ist längst Fluch und Segen zugleich. Als die Germanwings-Maschine zerschellt  war, war kurz darauf des Netz voll mit Bildern angeblicher Trümmerteile, wer auch immer sie postete. Keines davon stimmte. Oft sind es aber auch gerade Zuschauer, die den Redaktionen helfen. Eine Fotomontage, die den toten IS-Führer zeigen sollte, entlarvten zuerst User im Netz. Urheber der Fälschung war vermutlich der irakische Geheimdienst. Das bestätigte uns auch der BND, bei dem wir ebenfalls drehten.“

Verschwörungstheorien bedrohen Glaubwürdigkeit

Gleichzeitig geht das Wort „Lügenpresse“  um, viele Menschen haben das Vertrauen in „die Medien“ verloren. Doch wie lassen sich solch meist ideologisch gefärbten Urteile revidieren? „Am besten durch gutes Handwerk, das für sich steht“, so Scherer. Und weiter: „Man muss sicher nicht jede Hasstirade ernst nehmen, und ich würde umgekehrt auch nicht plötzlich alles Gedruckte auf der Welt gegen Vorwürfe in Schutz nehmen. Den Lehrsatz aber, dass gute Journalisten noch nie ein schlechtes Image hatten, würde ich weiter hochhalten.“

Aufgabe des „Schleusenwärters“

Dabei sind, gerade in Zeiten sich wandelnder Medien, „Schleusenwärter“, also professionelle Redakteure wichtig, um Nachrichten von Meinung zu trennen. Denn: „Das Netz transportiert alles. Die Frage wird sein, was das Publikum damit macht, wenn es die Unterscheidung nun selber treffen muss. Oder müsste.“

Und so bleiben die Nachrichten im Zeitalter der digitalen Manipulierbarkeit auch weiterhin eine Herausforderung. Und das nicht nur für Journalisten, sondern auch für Konsumenten.

„Alles Lüge oder was?“, ARD, 26. 10., 22.45 Uhr


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