06.10.2015, 11:39 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Von Rolf Tiesler mitentwickelt Talkshow „3nach9“ feiert 500. Sendung

Feiern die 500. Sendung der Talkshow „3nach9“: Die Moderatoren Judith Rakers und Giovanni di Lorenzo. Foto: Radio Bremen/Frank PuschFeiern die 500. Sendung der Talkshow „3nach9“: Die Moderatoren Judith Rakers und Giovanni di Lorenzo. Foto: Radio Bremen/Frank Pusch

Osnabrück/Bremen. Am Freitag, 9. Oktober, läuft die 500. Folge von 3nach9. Entwickelt wurde die Talkshow, die 1974 auf Sendung ging, unter anderem von Rolf Tiesler. Von der ersten Sendung an war er bis zum 40. Geburtstag im vergangenen Jahr bei Radio Bremen Redakteur für dieses Format, das so ganz anders an den Start ging, als es heute zu sehen ist.

„Wir hoffen, dass auch die eingeladenen Gäste nicht unbeteiligt bleiben. Das Ende der Sendung ist noch offen“, kündigt eine Frauenstimme die erste Sendung am 17. November 1974 an. Talkshow? „Daran haben wir zunächst gar nicht gedacht“, erzählt Rolf Tiesler im Gespräch mit unserer Redaktion. „Dieter Ertel hat es ‚Anti-Magazin‘ genannt, weil wir alles anders machen wollten, als es üblich war.“

Spontane Reaktionen

Ertel hatte das Konzept als damals neuer Programmdirektor bei Radio Bremen vom Süddeutschen Rundfunk mitgebracht. Dort sei es nach einer Sendung wieder aus dem Programm genommen worden, erinnert sich Tiesler. Im Norden suchte sein Chef nach Mitstreitern, die Lust hatten, die Pläne zu verfeinern. Es sollte live gesendet werden, spontanen Reaktionen Platz bieten.

Menschen miteinander verbinden

Außer Tiesler waren die drei ersten Moderatoren Wolfgang Menge, Marianne Koch und Gert von Paczensky ebenso im Entwickler-Team, wie Alfred Mensack und Michael Leckebusch, der den Beat-Club ins Leben gerufen hatte.

„Die Gäste sollten vor allem interessant sein“, erinnert sich Tiesler – und es sollten Menschen miteinander verbunden werden, die sonst nichts miteinander zu tun hatten.

So waren in der ersten Sendung nicht nur Klaus Rainer Röhl, Chefredakteur von „Konkret“, und der während des Nationalsozialismus erfolgreiche Maler Paul Mathias Padua eingeladen, sondern auch ein Friseur aus dem Bonner Bundeshaus, eine Eisläuferin und – als Überraschungsgast für das Moderatoren-Trio – der Gastro-Kritiker Wolfram Siebeck.

Vor allem Prominente zu Gast

Heute finden sich bei Judith Rakers und Giovanni di Lorenzo ausschließlich Prominente ein, die gerade ein neues Buch/eine neue CD/einen neuen Film präsentieren wollen und Freundlichkeiten austauschen.

Norbert Blüm habe sich lange Zeit immer wieder gern vom Bremer Team einladen lassen und sich den oft provokanten Fragen gestellt. „Er kam gern, weil er es mit Leuten zu tun hatte, die ihn zur Hochform haben auflaufen lassen“, erzählt Rolf Tiesler. Später Zeit habe Blüm jedoch moniert, dass es langweilig geworden sei und ihn nicht mehr fordere, sagt Tiesler, der es selbst auch bedauert, dass die Sendung „etwas stromlinienförmig“ geworden sei.

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Bis heute guckt er sich die Sendungen an. Es sei schwierig, eine solche Sendung wie sie damals war, unter den heutigen Bedingungen zu produzieren: „Damals wurde uns kein Gast angeboten. Heute kommen zum Beispiel Verlage auf die Redaktion zu.“

Mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet

Das in den 1970er neue Format setzte aber nicht nur auf ungewöhnliche Gäste, sondern auch auf den Raum. So konnten die Moderatoren die Gespräche an einer Bar, auf einem Sofa oder mitten im Publikum führen. „Michael Leckebusch saß mit im Studio und konnte so direkt auswählen, wo die Kameras filmen sollten“, erinnert sich Tiesler. Sonst ist es üblich, dass die Regie in einem gesonderten Raum lediglich Kamerabilder sieht und die dann auswählt.

Von Kritik zepflückt

Zu Anfang hoch gelobt und 1976 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, wurde die Sendung nach einigen Folgen von der Kritik wegen ihrer Konzeptlosigkeit zerpflückt. Es sei nicht alles gut gelaufen, sagt auch Tiesler. Aber er habe 3nach9 gerade für das Überraschende geliebt. Ihm fällt die Sendung ein, in der Otto Mühl eingeladen gewesen war. Der österreichische Aktionskünstler hatte Anfang der 1970er Jahre die reichianisch inspirierte und „freie Liebe“ lebende Kommune „Aktionsanalytische Organisation“ gegründet und einige seiner Kollegen mit in die Sendung gebracht.

Als denen die Fragen des Moderators Karl-Heinz Wocker nicht gefielen, stürmten sie die Bühne. Eine Frau versuchte, Wocker den Mund zuzuhalten, woraufhin er ihr in den Finger gebissen hat. „Es war ein Riesentohuwabohu, auch hinterher in der Presse“, erzählt Tiesler und lacht. Der Abschied von der Sendung im November 2014 sei ihm nicht schwer gefallen: „Das können jetzt ruhig jüngere machen.“

3nach9, Freitag, 9. Oktober, 22 Uhr, NDR

Gäste:

  • •die Schauspielerin Hannelore Elsner,
  • •den Fraktionschef „Die Linke“ Gregor Gysi,
  • •die Schauspieler Christoph Maria Herbst und Oliver Masucci,
  • •den Professor für Tuba Andreas Martin Hofmeir,
  • •die TITANIC BoyGroup – ehemalige „Titanic“-Chefredakteure,
  • •die Deutsch-Rockband Revolverheld und
  • •die Gründerin von „Nessita“ Gabriele Paulsen.

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