06.08.2015, 06:58 Uhr

Schön schräg und verrückt TV-Serie „Braunschlag“: Österreichs schwarze Seele

Ein „heiliges Wunder“ muss her, um Braunschlag aus der Misere zu helfen. Discobesitzer Richard Pfeisinger (Nicolas Ofczarek, links) und Bürgermeister Gerry Tschach (Robert Palfrader) geben ihr Bestes. Foto: ORF/Ingo PertramerEin „heiliges Wunder“ muss her, um Braunschlag aus der Misere zu helfen. Discobesitzer Richard Pfeisinger (Nicolas Ofczarek, links) und Bürgermeister Gerry Tschach (Robert Palfrader) geben ihr Bestes. Foto: ORF/Ingo Pertramer

Osnabrück. Scheinheiligkeit, Katholizismus, Hass: Auf dem Fernsehschirm leuchtet kaum jemand die schwarze Seele Österreichs so gut aus wie der Drehbuchautor und Regisseur David Schalko. In seiner Serie „Braunschlag“ aus dem Jahr 2013 ist alles vereint, was das Nachbarland so verrückt und reizvoll macht.

Eine Marienfigur weint eine blutige Träne, im Hintergrund läuft passend das Ave Maria, die Kamera zieht immer weiter auf, und plötzlich spritzt eine Fontäne mit roter Flüssigkeit aus dem rechten Auge der Mutter Gottes. „Aus, aus, aus, funktioniert a net, der Scheißdreck!“, brüllt Bürgermeister Gerry Tschach. „Na vielleicht find mer ja was im Internet. Wann’s Bombenanleitungen gibt, vielleicht...“, sagt sein bester Freund und Discobesitzer Richard Pfeisinger, der rauchend und mit einer Fernsteuerung in der Hand neben der Madonna sitzt.

Noch keine 20 Minuten ist „Braunschlag“ alt, da liefert die Serie schon ein zum Vom-Sofa-Fallen geeignetes Beispiel für die Art von Humor, auf die Österreich offensichtlich ein Patent angemeldet hat. Und so geht es weiter: Weil das Blutwunder gescheitert ist, wandern die zwei Dorfprominenten und Vollchaoten mit der Mutter Gottes in den nahe gelegenen Wald, wuchten sie dort mit einem Seilzug in die Höhe, illuminieren sie violett – und dann kommt auch schon der örtliche Spinner Reinhard Matussek vorbei, der wie gewünscht eine Marienerscheinung hat.

„Braunschlag“ ist der Name einer fiktiven Gemeinde im Waldviertel, gelegen direkt an der Grenze zu Tschechien, und dieses Braunschlag ist komplett pleite. Bürgermeister Gerry Tschach, gespielt von dem exzellenten Robert Palfrader , inszeniert die Marienerscheinung, um das insolvente Kaff zu einem florierenden Wallfahrtsort zu machen. Das funktioniert auch zunächst; doch dann verlieren der Bürgermeister und sein bester Freund die Kontrolle, und was von Beginn an aufs Scheitern ausgelegt war, geht nun aufs Allerschönste den Bach runter.

„Braunschlag“ ist eigentlich keine Serie, auch wenn es wohlmeinende Kritiker gab, die Drehbuchautor und Regisseur David Schalko attestierten, die niederösterreichische Groteske konsistent erzählt zu haben. Das ist Unfug, die einzige erzählerische Konsistenz in „Braunschlag“ ist die Inkonsistenz. Hier geht munter alles durcheinander, ein einmal aufgeworfenes Problem wird auch schon mal so lange liegen gelassen, bis der Zuschauer es vergessen hat, und während die Hauptfiguren noch in der Realität verhaftet sind, gibt es Nebencharaktere, die nackte Satire sind. Eine von diesen Projektionsflächen des Autors ist der Apostolische Visitator Banyardi, der die Marienerscheinung auf ihre Glaubwürdigkeit überprüfen soll, sich aber erst einmal in eine deutsche Magd namens Silke verliebt, für die er dann auch zügig sein Gelübde bricht. Manuel Rubey, der schon in „Hurra, wir leben noch“ als Falco überragte, spielt den „balzenden Inquisitor“ (Die Presse) so gut und so herrlich behämmert, dass man ihm dringend eine Karriere wünscht, wie sie sein Landsmann Christoph Waltz gemacht hat – nur bitte ein bisschen früher.

Dank Figuren wie seinem Banyardi ist „Braunschlag“ ein wundervolles Panoptikum, es erzählt unser Nachbarland mit all seinen Komplexen, mit all seiner Provinzialität, Doppelmoral und Katholizität. Es ist gleichwohl eine Satire mit Schwächen. Die Handlungslöcher nerven, und zwischendurch wartet man auch mal etwas zu lange auf den nächsten Gag. Wie man wirklich alles richtig macht, hat David Schalko mit „Aufschneider“ bewiesen. Die – natürlich – schwarze Humoreske um einen von Josef Hader gespielten Pathologen ist ganz sicher eine der besten deutschsprachigen Komödien aller Zeiten, und ein österreichisches Sittenbild ist sie ebenfalls.

„Aufschneider“ hat David Schalko allerdings mit Josef Hader zusammen geschrieben, und bei „Braunschlag“ vermisst man dessen ordnende Hand manchmal. Trotzdem funktioniert das Ganze als Szenenspiel, und so viele durchgeknallte Figuren, denen man gerne zusieht, muss man auch erst einmal versammeln. Dass – bis auf Hader – praktisch die gesamte österreichische Darsteller-Elite mitspielt, hilft natürlich. Noch mehr als der bereits exquisite Rest begeistern Branko Samarovski als eigentlich schon pensionierter Arzt, der seinem Sohn und Nachfolger regelmäßig aufs Schönste über den Mund fährt, und Simon Schwarz in seiner Paraderolle als schmierige Nervensäge im schlecht sitzenden Anzug.

Fazit: „Braunschlag“ ist ein Fest für alle, die die österreichische Variante des schwarzen Humors mögen und damit zurechtkommen, dass der Handlung Stringenz fehlt und wirklich alle Figuren einen an der Klatsche haben.

Die erste – und erklärtermaßen einzige – Staffel von „Braunschlag“ mit acht Folgen gibt es auf DVD für knapp 22 Euro. Auch „Aufschneider“ ist auf DVD erhältlich.


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