26.06.2015, 07:07 Uhr

Alles mit allen teilen Familien präsentieren sich als Seifenoper im Internet


Osnabrück. Videotagebücher – sogenannte Vlogs – sind auf Youtube ein beliebtes Genre. Nach Modeexpertinnen und Quatschmachern nutzen nun junge Familien in England und den USA das Internet, um ihr Leben mit der Welt zu teilen. Die Erfolgreichen unter ihnen können davon sogar ziemlich gut leben.

Seit rund 20 Jahren imitiert Reality-TV erfolgreich das wirkliche Leben. Auf der Videoplattform Youtube hat jeder, der einen Internetzugang und eine Kamera besitzt, die Möglichkeit, aus seinem Leben Fernsehen zu machen. Einigen jungen Familien im englischsprachigen Raum gelingt es, mit Vlogs über ihr Privatleben ein breites Publikum im Netz anzusprechen. Seit Youtube 2007 sein Partnerprogramm ins Leben gerufen hat, lässt sich mit dem Vlogging über die Platzierung von Werbeanzeigen Geld verdienen. Es gibt sogar Managementfirmen, die sich darauf spezialisiert haben, sogenannte „Social Talents“ zu vermarkten.

Die irische Familie Saccone-Joly ist so ein Social Talent. Seit 2012 betreiben sie den täglichen Vlog „LeFloofTV“ . Im Fernsehen hieße so etwas Daily Soap – die tägliche Seifenoper. Doch bei den Saccone-Jolys gibt es keinen Herzschmerz, kein Drama, nur das ganz normale Leben. Die über eine Million Youtube-Abonnenten begleiten die Familie bei der Geburt, beim Heiraten, beim Einkaufen. Sogar die kleine Tochter hat das Vloggen schon verinnerlicht: „Hi, Fans!“, winkt sie in die Kamera. Das Leben ist die Show.

Vater Jonathan sieht sich als Producer von LeFloofTV. Das Mainstream-Fernsehen würde es wohl lieben, die Streits mit seiner Frau zu zeigen, sagte er dem englischen „Telegraph“. Bei seiner Show entscheidet er selbst, was gezeigt wird. Das Geschäft läuft so gut, dass Jonathan sich vor Kurzem einen Maserati kaufen konnte – natürlich vor den Augen der Zuschauer. Die Resonanz der Fans war gemischt – das Gefühl, sie seien durch ihre Abonnements mitverantwortlich für Jonathans Reichtum, treibt einige Abonnenten um.

Die Höhe der Einnahmen aus dem Youtube-Partnerprogramm können stark schwanken, da sie nicht nur von der Zahl der Zuschauer abhängen, sondern auch von deren Sehdauer. So bewegt sich das Einkommen der Saccone-Jolys nach Informationen des „Telegraph“ zwischen 3000 und 23000 Pfund monatlich.

Ellie und Jared Mecham aus dem US-Bundesstaat Utah, die mit „E+D“ einen anderen erfolgreichen Youtube-Kanal betreiben, begannen nach eigener Aussage mit dem Vlogging, um ihre Geschichte von Kinderwunsch und Unfruchtbarkeit zu dokumentieren, damit andere daraus lernen können. Mittlerweile haben sie ein Kind bekommen – auf Youtube. Allein der Clip aus dem Kreißsaal, der die Community quasi „live“ am Geburtserlebnis teilhaben ließ, wurde bislang über eine Million Mal aufgerufen – alle Videos von E+D insgesamt unglaubliche 52 Millionen Mal. Auf ihrer Homepage verkaufen Ellie und Jared sogar Shirts mit ihrem Logo. Kinder ziehen eben immer.

Die 25-jährige Londonerin Hannah Maggs kam vom Beauty-Blogging zum Familien-Vlogging. Ihre Videos kombinieren Kochen, Schminken und Erziehung. Die Länge der Folgen variiert zwischen 10 und 30 Minuten. Vlogger sind keinem Programmschema unterworfen. Die Grenzen setzen sie selbst. Ende Mai war für Hannah Maggs eine Grenze erreicht, sie nahm eine Auszeit und entschuldigte sich bei den Fans: „Die Leute wollen eine glückliche Familie sehen, die glückliche Version von mir. Aber manchmal habe ich das Gefühl, euch das nicht geben zu können, denn wir vloggen täglich, aber ich fühle mich nicht jeden Tag glücklich.“

Die mit sechs Millionen Abonnenten sehr erfolgreiche Mode-Vloggerin Zoella, eine frühere Weggefährtin der Saccone-Jolys, gab das tägliche Vlogging vor einem halben Jahr sogar ganz auf. Hasskommentare der Community hatten sie dazu gebracht. Das echte Leben ist manchmal hart – auch auf Youtube.


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