15.06.2015, 06:25 Uhr

Wer hat das Sagen in Gerichten? ARD-Doku „Die Gutachterrepublik“ macht fassungslos

Von einem Martyrium berichtet die Reitlehrerin Marnie Gröben. Sie verlor ein Bein, doch die Unfallversicherung wollte nicht zahlen und gab ein Gegengutachten in Auftrag. Foto: WDR/privatVon einem Martyrium berichtet die Reitlehrerin Marnie Gröben. Sie verlor ein Bein, doch die Unfallversicherung wollte nicht zahlen und gab ein Gegengutachten in Auftrag. Foto: WDR/privat

Osnabrück. Bequeme Richter und böswillige Versicherer bedienen sich Sachverständiger, die falsche oder gefällige Gutachten verfassen – das klingt ein bisschen dick aufgetragen, ist in Deutschland aber bisweilen gängige Praxis. Die ARD-Dokumentation „Die Gutachterrepublik“ zeigt ein Rechtsstaatsdefizit, das fassungslos macht.

Am Ende hatte Marnie Gröber nur noch einen Wunsch: Ihr Bein sollte amputiert werden, so schnell wie möglich. Angst hat sie nur noch davor, dass die Ärzte nicht mutig genug sind und das Bein dort abtrennen, wo noch der Morbus Sudeck wütet.

Die Hölle erlebt

Die Autoimmun-Erkrankung hat der jungen Frau das Leben zur Hölle gemacht: Nach dem Tritt eines Pferdes schwillt das Bein der Reitlehrerin monströs an und stirbt in den folgenden Monaten langsam vor sich hin. Obwohl ein Gutachten der Uni Düsseldorf zu dem Ergebnis kommt, dass der Morbus Sudeck eindeutig durch den Tritt ausgelöst wurde, will die zuständige Unfallversicherung Signal Iduna nicht zahlen.

In einem Schreiben erklärt sie die Elephantiasis des Beins als Folge einer „psychischen Störung“, die wiederum auf der „psychogenen Natur“ von Marnie Gröber beruhe. Wie die Versicherung zu dieser Erkenntnis kommt? Sie hatte ein Gegengutachten in Auftrag gegeben – bei einem 90-jährigen, längst pensionierten Arzt, der seine Stellungnahme alleine auf Kenntnis der Akten anfertigte.

Unerträgliche Rücksichtslosigkeit

Vor allem wegen des Falls von Marnie Gröber, die übrigens mittlerweile einbeinig, aber gesund ist, sollten sich Zartbesaitete genau überlegen, ob sie sich „Die Gutachterrepublik“ anschauen. Die Fotos ihres aufgedunsenen, nekrotischen Beins mag man schon kaum ansehen, die Rücksichtslosigkeit, mit der sich ihre Versicherung aus der Verantwortung stiehlt, ist nicht mehr zu ertragen. „Ich habe immer gedacht, wenn so ein Unfall mal eintreten sollte, wird einem auch geholfen“, sagt die junge Frau. „Doch ich war perplex, als ich merkte, dass es eben nicht so ist – was für eine Maschinerie da auch hinter steckt.“

Der Begriff „Maschinerie“ trifft den Nagel auf den Kopf; wovon diese Maschinerie befeuert wird, erfährt der Zuschauer ebenfalls in der Dokumentation. Es sind Gutachten, die die Versicherer gerne in Auftrag geben, um die Patienten langsam zu zermürben. Moralisch ist das höchst verwerflich – juristisch aber nicht zu beanstanden.

„Das Gesetz erlaubt dem Versicherer, bis zum Beweis des absoluten Gegenteils immer wieder zu sagen: Wir brauchen noch einen Gutachter, wir brauchen noch einen Gutachter, wir brauchen noch einen Gutachter“, sagt Hans-Peter Schwintkowski. Um den Missstand aufzuheben, hält der Berliner Rechtsprofessor nur eine Maßnahme für sinnvoll: Die Gutachterei muss anonymisiert werden, Sachverständige dürften ihre Auftraggeber nicht kennen. Nur so könnten Gefälligkeitsgutachten verhindert werden.

Gutachten werden nicht überprüft

Bei privaten Gutachten wäre das eine Erfolg versprechende Praxis – doch was ist mit den Gutachten, die Richter in Auftrag geben? In der Rechtsprechung machen Gutachten ein ganz anderes Problem: Sie werden viel zu oft nicht weiter überprüft. Viele Richter sind schlicht zu bequem und können sich stets damit verteidigen, dass sie in medizinischer, psychologischer oder auch verkehrstechnischer Sicht ja Laien seien und deshalb auf Experten hören müssten.

Doch was sind das für Experten? Die Dokumentation zeigt den Fall eines Familienvaters, dem das Sorgerecht auf Basis des Gutachtens einer Heilpraktikerin entzogen wurde. Möglich ist das, weil Richter in Deutschland jede Person zum Gutachter erklären können. Über die Leichtfertigkeit, mit der viele Richter Gutachten in Auftrag geben und wie sie deren Ergebnissen oft blind vertrauen, wurde in Deutschland viel zu lange geschwiegen. Und das gilt gerade bei Sorgerechts-Streitigkeiten.

„Ungeheuerlich schlecht“

„Die Qualität vieler familienpsychologischer Gutachten an unseren deutschen Gerichten ist über weite Strecken geradezu ungeheuerlich schlecht“, sagt der Psychologe Werner Leitner, der für die Uni Oldenburg eine große Zahl von Gutachten untersucht hat. Leitners Aussage findet sich allerdings nicht in „Die Gutachterrepublik“, sondern in einem Beitrag des ARD-Magazins „Panorama“ mit dem Titel „Gutachter: Die heimlichen Richter“ . Was in der langen Dokumentation fehlt, wird hier ergänzt – und glücklicherweise stellt die ARD den Beitrag auf dem Videoportal Youtube zur Verfügung.

Die Gutachterrepublik, ARD, Montag, 15. Juni, 22.45 Uhr.


6 Kommentare