14.06.2015, 07:08 Uhr

Am Sonntagvormittag im NDR Großartige Doku: Die Zellenmalerei des Julius Klingebiel


Osnabrück. Von den Nazis kastriert und weggesperrt, flüchtete sich der psychotische Schlosser Julius Klingebiel in die Kunst. Seine Leinwand waren die Wände seiner Zelle, um deren zukünftigen Standort ein Streit zwischen Göttingen und Hannover ausgebrochen ist. Eine großartige Dokumentation mit Spielszenen beleuchtet nun Klingebiels Leben und Werk – leider an einem katastrophalen Ausstrahlungstermin.

Wussten Sie, dass der Sonntag um 11.30 Uhr im NDR der „Matinee-Sendeplatz“ ist? Vielen dürfte das bisher noch unbekannt gewesen sein. Unsere Redaktion hat deshalb beim NDR nachgefragt, warum er die starke Dokumentation „Ausbruch in die Kunst. Die Zelle des Julius Klingebiel“ ausgerechnet an einem Sonntagvormittag versendet. Die Antwort: Das sei doch der Matinee-Sendeplatz. „Die Zuschauerinnen und Zuschauer wissen, dass sie hier verlässlich außergewöhnliche Kultur-Themen finden. Daher passt die Dokumentation exakt hierher.“

Auf die Rückfrage, was für außergewöhnliche Kultur-Themen der Sender denn zum Beispiel in den vergangenen drei Monaten gezeigt habe, hieß es, der Sendeplatz diene als Matinee-Platz für „besondere kulturelle Höhepunkte, die natürlich nicht regelmäßig über das Jahr verteilt stattfinden.“ Zuletzt habe man im April die Gedenkfeier zur Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen übertragen.

Dass der NDR diese Veranstaltung gesendet hat, war eine sehr gute Entscheidung; aus gesellschaftspolitischer Sicht. Ob man allerdings Politikerreden und Berichte von KZ-Häftlingen ausgerechnet in eine Reihe besonderer kultureller Höhepunkte eingliedern sollte – na ja. Auf die Dokumentation am Sonntag trifft die Umschreibung „kultureller Höhepunkt“ aber fraglos zu, zwischen „Hallo Niedersachsen“ und dem Gartenmagazin „Querbeet“ versendet der NDR da eine wahre Programmperle.

Die Dokumentation, die mit Spielszenen ergänzt ist, handelt vom 1904 geborenen Hannoveraner Julius Klingebiel. Schlosser, Wehrmachtssoldat, SA-Mitglied und ab 1939 auch „gemeingefährlicher Geisteskranker“. Klingebiel erkrankte an einer Psychose, würgte im Streit seinen Stiefsohn, wurde festgenommen, in die Psychiatrie gesteckt und im Jahr 1940 zwangssterilisiert. Die fehlende Fortpflanzungsfähigkeit rettete ihm das Leben, in der „Aktion T4“ töteten die Nazis zwischen 1940 und 1945 geschätzte 70000 Menschen mit psychischen und körperlichen Behinderungen.

Klingebiels Heimat war bis zu seinem Tod im Jahr 1965 das Verwahrungshaus des Niedersächsischen Landeskrankenhauses in Göttingen. Knapp zehn Jahre lang lebte er dort als verhältnismäßig unauffälliger Insasse. 1951 begann er dann, seine Zellenwände zu bekritzeln. Zunächst vernichtete die Anstaltsleitung die Werke sofort wieder. Als die Pfleger dann bemerkten, dass Klingebiel durch die Beschäftigung ruhiger wurde, ließ man ihn gewähren.

„Im Nachtdienst habe ich Streichhölzer angesteckt und gleich wieder ausgemacht. Da hatten sie dann den schwarzen Kopf“, sagt Klingebiels früherer Pfleger Günther Dohrmann.Der Patient mischte sich Farben aus allem, was er finden konnte: Streichhölzern, Kohle, Holz, Backsteinen, Zahnpasta. Seine Künstlerexistenz unterstrich Klingebiel laut seinem früheren Pfleger Günther Dohrmann durch seinen Kleidungsstil. „Er zog sich ganz locker an, wie ein Maler. Hatte einen Kittel und trug schon das Hemd über die Hose, das war damals gar nicht modern.“

Was der gelernte Schlosser, der bis dahin nie mit Kunst in Kontakt gekommen war, in den folgenden zwölf Jahren schuf, ist mit „faszinierend“ noch zurückhaltend beschrieben. Julius Klingebiel machte aus den Wänden seiner Einzelzelle einen kleinteiligen Bilderkosmos, in dem man sich völlig verlieren kann: Tiere, Menschen, Landschaften, Symbole – darunter immer wieder Hakenkreuze, da Klingebiel offenbar in dem Wahn lebte, ein Sohn Adolf Hitlers zu sein. Mit rechter Propaganda-Kunst, um diesem Missverständnis vorzubeugen, haben Klingebiels Malereien nichts zu tun. Es ist eine autodidaktische, ungefeilte Kunst; Art brut auf überragendem Niveau.

„Das kann sich neben jeder professionellen Kunst behaupten, weil es so ungeheuer eigenartig, selbstständig und in sich formal so schlüssig ist“, sagt Siegfried Neuenhausen. Der Kunstprofessor ist von Klingebiels Kunst vollkommen überwältigt – auch, weil er darin den erfolgreichen Versuch eines Außenseiters sieht, sich „nicht einkesseln zu lassen“, sondern durch die Kunst ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Der Film zeigt Klingebiels titelgebenden Ausbruch in die Kunst mit Spielszenen, in denen der Hannoveraner Schauspieler Peter Sikorski den Künstler verkörpert. Die Entscheidung für Fiktion innerhalb der Doku ist goldrichtig – alleine wegen einer Szene, in der Sikorski als Klingebiel sein Bett senkrecht an die Wand stellt und dann daran hochklettert, um, auf der eigentlichen Rückenlehne sitzend, den oberen Teil seiner Zellenwand zu bemalen. Drehen durfte das Filmteam um Regisseurin Antje Schmidt nur nachts, da die Zelle in einem Hochsicherheitstrakt liegt, der während des Drehs noch genutzt wurde.

In diesen Tagen allerdings wird das Gebäude geschlossen, weshalb ein Streit um die Nutzung der Zelle entbrannt ist. Das Sprengel-Museum Hannover würde am liebsten den ganzen Raum in die Landeshauptstadt transportieren lassen und in seinem Gebäude ausstellen. Göttingen dagegen will die Zelle nicht abgeben – und derzeit sieht es auch so aus, als ob das Raumkunstwerk in der Stadt bleibt.1963, zwei Jahre vor seinem Tod, stellte Julius Klingebiel die Malerei ein; möglicherweise, weil er sedierende Medikamente bekam, doch gesichertes Wissen gibt es darüber nicht. Klar ist hingegen, dass die Inhaftierung Klingebiels gegen geltendes Recht verstieß. Auch in der Nachkriegszeit hat nie ein Richter überprüft, ob er zu Recht in der psychiatrischen Anstalt einsaß.

„Ausbruch in die Kunst. Die Zelle des Julius Klingebiel“ läuft am Sonntag um 11.30 Uhr im NDR.


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