14.03.2015, 08:00 Uhr

Über Kinder, Familie und Erdung Jeanette Biedermann: Glamour bedeutet mir gar nichts


Köln. Diese Frau steht mitten im Leben. Jeanette Biedermann pfeift auf „Glamour und Bling-Bling“, wie sie uns deutlich zu verstehen gibt. Manchmal zum Leidwesen der Boulevard-Medien. In einem Restaurant in Köln sprechen wir mit der 35-Jährigen über ihre Erfahrungen als Teenie-Star, ihre spezielle Erdung sowie ihre Familienpläne.

Frau Biedermann, bei der Vorbereitung auf dieses Gespräch ist mir aufgefallen, dass Sie bei den Boulevard-Medien nicht mehr so im Fokus stehen wie früher. Können Sie und Ihr Ehemann damit leben?

(schmunzelt) Ja, sehr. Ich bin einfach zu langweilig. Keiner von uns geht fremd, es gibt keine Schlammschlachten, keine Drogen- und Alkoholexzesse. Ich habe ein ganz normales, schönes, geregeltes und sorgfältiges Leben – und das ist auch gut so.

Gibt es rückblickend irgendwelche Episoden in Ihrer Vita, die Sie am liebsten streichen würden, wenn Sie könnten?

Nein. Alles, was ich in meinem Leben gemacht habe, ist ein Teil von mir – jeder Fettnapf, jeder Erfolg. Ich wäre nicht komplett, wenn davon nur ein Stück Erlebtes fehlen würde.

Es ist auffällig, dass viele den Namen Jeanette Biedermann erst einmal mit dem Begriff „Schnuckelchen“ und Ihrem damaligen Mitwirken in der TV-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ in Verbindung bringen.

Das ist normal. Manche Journalisten machen es sich einfach und betiteln das, was am Anfang meiner Karriere war. Aber es gibt schlimmere Dinge als das „Schnuckelchen“. Ich schmunzele darüber und denke mir nach mehr als zehn Jahren, dass ich noch viele andere Sachen gemacht habe.

Gehen wir noch einmal die erwähnten zehn Jahre zurück. Sie sorgten bei Ihren Konzerten für volle Hallen und Teenie-Gekreische. Haben Sie das genossen?

Meine Intention war immer, Musik zu machen. Als kleines Mädchen habe ich gesagt, dass ich Sängerin und Schauspielerin werden möchte – und nicht, dass ich ein Star werden wolle. Insofern war es für mich schon sehr überraschend, was dann tatsächlich alles so passierte. Dieser Hype, die vielen Leute – das war in meiner Planung nicht vorgesehen. Ich wollte einfach nur die Musik machen, die ich selber höre und liebe.

Welche Musik stand bei Ihnen hoch im Kurs?

Rock und Pop, quer gemischt. Ich war ein riesiger Fan von Guns N’ Roses, Roxette oder Madonna. Aber natürlich war ich auch geprägt von meinen Eltern. Als Kind habe ich mir die ersten Platten aus deren Regal geholt – Queen, Led Zeppelin, The Doors.

Haben Ihre Eltern Ihnen auch eine vorherige „seriöse Ausbildung“ empfohlen?

Meine Eltern waren und sind grundsätzlich immer begeistert davon, wenn ich glücklich bin. Sie haben mich bei meinen musikalischen Plänen voll unterstützt. Trotz alledem sollte ich etwas „Solides“ lernen. Ich habe mir überlegt, was man denn in der Showbranche gebrauchen könnte. Da dachte ich mir, dass man als Frau intelligenterweise wissen sollte, wie man sich für die Bühne zurechtmacht. Ich habe dann eine Bewerbung für eine Ausbildung als Friseurin abgeschickt – und wurde direkt genommen.

Von Starfriseur Udo Walz.

Genau. Ich habe Udo Walz damals ausgesucht, weil er einer von wenigen Friseurläden war, in denen auch Make-up-Leute waren. So habe ich dort angefangen. Nach zweieinhalb Jahren habe ich dann einen Plattenvertrag bekommen.

Und die Ausbildung zur Friseurin abgebrochen…

Udo Walz hat immer zu mir gesagt, dass ich eine tolle Sängerin sei. Ich musste ja auch im Laden immer wieder singen (lacht).

Wie können wir uns das denn vorstellen?

Ich wurde zwischendurch immer mal wieder von Udo geholt – und als toller Lehrling vorgestellt, der fantastisch singen könne. Dann habe ich den Kunden ein kleines Ständchen gesungen.

Und was hat Herr Walz gesagt, als Sie die Ausbildung abbrechen wollten?

Er hat mich in meinem Weg bestärkt. Er hat mir die Zusage gegeben, jederzeit wieder bei ihm anfangen zu dürfen, wenn etwas schiefgehen sollte. Somit hatte ich eine gewisse Sicherheit.

Fast parallel zur Musik kam der Einstieg in die Schauspielerei und das Rollenangebot für die RTL-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, obwohl Sie keine gelernte Schauspielerin waren.

Sie sind wahrscheinlich durch meine kleine Bekanntheit aufgrund des Plattenvertrags auf mich gekommen. Ich bin dann einfach hingegangen und habe mich der Aufgabe gestellt. Mir standen tolle Coaches zur Seite, die mir viel beigebracht haben.

Von da an stieg Ihre Popularität sozusagen im Minutentakt.

Ja. Bei diesem Thema bleibt bei mir folgendes Erlebnis haften: Ich war im Stern-Center in Potsdam, um etwas einzukaufen. Dort wurde ich von einer Gruppe junger Menschen durch das gesamte Einkaufscenter verfolgt, immer wieder wurde mein Name herausgeschrien. Das war beängstigend für mich. Da habe ich mich erst einmal ins Auto gesetzt und habe geheult, weil ich damit überhaupt nicht zurechtkam. Ich bin kein Mensch, der nach solchen Situationen giert. Es ist schön, wenn die Kunst, die man macht, anerkannt wird und Menschen glücklich macht. Dieses beschriebene Anhimmeln ist etwas, wonach ich nicht strebe. Das ist auch nie anders geworden.

Die „Einschläge“ wurden allerdings noch stärker: Sie wurden als die „deutsche Britney Spears“ gehandelt, vom Männermagazin FHM wurden Sie 2006 zur „Sexiest woman in the world“ gewählt – vor Scarlett Johansson und Angelina Jolie.

„Sexiest woman in the world“ – das liegt immer im Auge des Betrachters. Wenn man ein realer Mensch ist, kann man schon sehr wohl einschätzen, ob etwas übertrieben ist oder nicht. Ich fand es sehr nett von den Männern, dass sie mich gewählt haben. Ein nettes Kompliment. Aber es war nicht so, dass ich damit schwanger durch die Welt gelaufen bin. Genauso verhält es sich mit der „deutschen Britney Spears“. Ich bin Jeanette und nicht Britney.

Für die Erdung sorgen Sie offensichtlich immer persönlich. Sie muss niemand auf den Teppich zurückholen?

Wenn man so jung ist, besteht natürlich immer die Gefahr, dass man abhebt. Aber ich hatte von Anfang an ein ganz bodenständiges Team. Solche Leute sorgen grundsätzlich für eine gute Erdung. Dazu bin ich bei meinen engen Freunden Gott sei Dank zu 99 Prozent immer auf ganz ehrliche Menschen getroffen. Ich bin überhaupt kein Freundesammler, ich habe sehr wenige Freunde – die sind aber fürs Leben und immer für mich da und umgekehrt auch.

Entwickelt sich bei einem Glamourleben die Sehnsucht nach einem stinknormalen Familienleben?

Ich hatte und habe kein Glamourleben. Wie denn? Das war und ist doch alles harte Arbeit. Man sitzt da nicht und trinkt jeden Abend Champagner – und lässt es krachen. Was nach außen so leicht aussieht, ist in der Herstellung mit etlichen Gedankengängen verbunden. Einmal ein gutes Album zu machen ist nicht schwer. Ein zweites Mal, geht auch noch. Aber das neunmal hinzubekommen ist schon etwas anderes. Glamour bedeutet mir auch gar nichts. Wissen Sie, was mir etwas bedeutet?

Sagen Sie es mir.

Wenn ich mit meinen liebsten und engsten Freunden abends in meinem Haus sitze, um eine Party zu feiern. Das ist herrlich. Glamour, Bling-Bling – das ist doch Schall und Rauch. Ich habe aktuell das große Glück, dass ich wirklich nur noch das mache, was mir Spaß macht. Das ist eigentlich der größte Luxus, den ich mir erarbeitet habe.

Ihre musikalische Karriere als Solokünstlerin hätte ja noch einige Jahre weitergehen können.

Sollte aber nicht sein. Ich bin ja auch Songwriterin – und als Songwriter bist du bestrebt, mit verschiedenen Leuten zusammenzuarbeiten. Und so hat sich die Band „Ewig“ mit meinem Mann Jörg Weißelberg und unserem Freund Christian Bömkes entwickelt. Dann kamen die Verantwortlichen der Plattenfirma um die Ecke und hatten Angst, dass die Marke „Jeanette Biedermann“ Schaden nimmt.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe entgegengehalten, dass die Marke jetzt etwas anderes machen wolle. Die Marke gründet jetzt eine Band. Und die Band heißt „Ewig“ und nicht „Jeanette Biedermann featuring Ewig“. Alles andere wäre nicht ehrlich.

Wie endete diese Diskussion?

Mit dem Ergebnis, dass wir jetzt bei einem Independent-Label mit Menschen sind, die die ehrliche Musik lieben (lacht). Wir lassen uns nicht verbiegen. Ich bin auch zu alt, um mich in irgendein Korsett pressen zu lassen. Das habe ich noch nie mit mir machen lassen. Im Übrigen ist vielen Leuten gar nicht bewusst, dass ich mittlerweile 35 Jahre alt bin. Ich persönlich mache mir darüber nicht so viele Gedanken, ich arbeite einfach und mach mein Ding, ich muss auch meine Miete zahlen.

Und wie sieht der weitere Plan für die Band „Ewig“ aus?

Ganz entspannt. Wir sind von niemandem abhängig, wir haben ganz viel Zeit. Wir können es uns leisten, einfach mal etwas zu probieren. Es wird für manche dann schwierig, wenn sie ihr Handwerk nicht beherrschen. Viele Labels haben doch gar keine Geduld mehr und geben den Künstlern keine Zeit, sich zu entwickeln.

Kommen wir zu einem völlig anderen Thema: Ihre Eltern und Sie gehörten im September 1989 zu den berühmten DDR-Bürgern, die erfolgreich über die Prager Botschaft die Ausreise in die Bundesrepublik erzwungen haben. Sind Ihnen als damals Neunjährige überhaupt noch Bilder präsent?

Doch. Ich habe vorher nicht gewusst, wo wir hinfahren, weil: „Kindermund tut Wahrheit kund“, das wäre an der Grenze blöd gewesen. Für mich war das ein Riesenabenteuer. Meinen Eltern habe ich schon angemerkt, dass da mehr dahintersteckte. Ich habe mit meiner Mutter drei Tage auf einer Treppenstufe gelebt. Mein Vater hat draußen in der Kälte gestanden. Das hat mir ganz viel gegeben für mein Leben. Meine Eltern haben mir gezeigt, dass man für das, was man will, mutig vorangehen muss. Dass man seine Meinung vertreten und stark sein muss. Meine Eltern haben alles zurückgelassen. Wir sind mit einer Tasche für einen Tagesausflug losgezogen. Sie haben das am Ende zu einem großen Teil für mich gemacht, damit ich in die Welt kann, damit ich studieren kann, wo ich will. Damit ich frei sein kann.

Gibt es während oder nach der geglückten Ausreise noch irgendwelche Episoden, die Ihnen präsent sind?

Das größte Erlebnis war doch die Tatsache, dass es eine friedliche Revolution war. Es ist wirklich so, dass sich am Ende Menschen auf Menschen verlassen konnten. Wir sind mit dem Zug durch den Eisernen Vorhang gefahren. Als wir im Westen ankamen, standen dort Hunderte Menschen mit Lebensmitteln und Geschenken. Wildfremde Menschen sind zu uns gekommen, um uns anzubieten, in ihren Häusern zu schlafen, bis alles geregelt ist. Das werde ich nie vergessen.

Noch kurz zu Ihrer Funktion als Botschafterin für das Deutsche Rote Kreuz. Sie sind offensichtlich nicht nur eine Botschafterin auf dem Papier.

So ist es. Das ist eine Lebensaufgabe.

Sie beherrschen auch die Maßnahmen der Ersten Hilfe?

Oh ja. Ich kann Sie retten, wenn Sie jetzt hier vom Stuhl kippen. Ich habe sogar einen Ausweis, mit dem ich eine Unfallstelle betreten darf, um Menschen zu helfen oder gar zu reanimieren. Diese Berechtigung muss ich auch regelmäßig auffrischen.

Abschließend noch eine Kardinalfrage: Was machen Lilia-Jean und Luc?

(lacht) Wie?

Vor einigen Jahren hatten Sie in der WDR-Fernsehshow „Zimmer frei“ schon mal verraten, dass Ihre Kinder diese Namen tragen sollen.

Ach so. Jetzt habe ich es gerafft. Die beiden sind noch im Joghurt. Bloß nicht unter Druck setzen. Es ist sicherlich nicht mehr weit weg. Irgendwann wird man den Dingen freien Lauf lassen. Ich sehe auch immer wieder bei Freunden oder Kollegen, dass Kinder und Karriere zusammenpassen. Die Kinder sind meistens dabei. Es ist alles möglich, vor allen Dingen, wenn die Partner sich das teilen. Meine Eltern haben mich als kleines Kind auch überall mit hingenommen.


Jeanette Biedermann wird am 22. Februar 1980 in Ost-Berlin geboren (als Jean Biedermann). Vater Bernd, Mutter Marion und die Tochter gelangen 1989 über die Prager Botschaft nach Westdeutschland. Nach dem Realschulabschluss startet Jeanette eine Ausbildung zur Friseurin beim Star-Coiffeur Udo Walz. Die Lehre bricht sie ab, als sie 1998 einen Schlagerwettbewerb der „Bild-Zeitung“ gewinnt. Jeanette Biedermann entwickelt sich zu einer umjubelten englischsprachigen Popsängerin und Schauspielerin im deutschen Fernsehen – vor allem in der Rolle der Marie Balzer in der RTL-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Als Teenie-Star räumt sie etliche Preise ab. 2012 gründet sie mit ihrem Lebensgefährten und späteren Ehemann Jörg Weißelberg und dem Bassisten Christian Bömkes die Band „Ewig“, die sich auf deutschsprachige Songs konzentriert.

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