27.12.2014, 08:50 Uhr

Fernsehpreis für 18-Jährige Jungstar Sinje Irslinger: Wichtig ist, was Spaß macht


Köln. Als Stieftochter Sarah, die unter den Prügelattacken ihres Stiefvaters zu leiden hat, begeisterte Sinje Irslinger im ARD-Fernsehfilm „Es ist alles in Ordnung“ Anfang Januar Zuschauer und Fernsehkritiker gleichermaßen und wurde dafür mit dem Förderpreis des Deutschen Fernsehpreises belohnt. Die 18-Jährige ist eine große Hoffnung für die Filmwelt.

Schläge, immer wieder Schläge. Ins Gesicht und in den Bauch. Blaue Flecken am Körper der 13-jährigen Sarah und Platzwunden im Gesicht zeugen von den brutalen Übergriffen ihres Stiefvaters Andreas. Mutter Birgit sieht die Flecken und Wunden. Und schweigt. In ihrer Familie ist nicht, was nicht sein darf. Die Sehnsucht nach Familienglück blockiert ihren Verstand. „Du bist so dumm! Du schmeißt dich an ihn ran wie eine Nutte“, schreit Sarah ihrer überforderten Mutter ins Gesicht. Das vermeintliche Reihenhaus-Idyll wird zur Kampfzone.

„Es ist alles in Ordnung“ – ein ARD-Fernsehfilm , der bei seiner Ausstrahlung am 15. Januar in diesem Jahr rund fünf Millionen Zuschauer schockiert hat. Antworten bietet der Film nicht, wirft dafür aber Fragen auf. Auch die Schuldfrage ist alles andere als klar. „Für mich sind alle Opfer und Täter. Jeder macht Sachen, die nicht okay sind, teilweise aber auch nur, weil er nicht weiß, wie er anders mit der Situation umgehen soll“, sagt Sinje Irslinger.

Die 18-jährige Kölnerin spielte in der WDR-Produktion ihre erste große Rolle. Und wie sie die spielt: Verletzlichkeit, pubertäre Rebellion, Wut und Hilflosigkeit – all das packt Sinje in ihre Rolle. Im Aufeinandertreffen mit ihrem Stiefvater Andreas (Mark Waschke) entsteht eine Spannung, die nur schwer auszuhalten ist.

Bei den Dreharbeiten wurde Sinje überrascht von der Dynamik, die in einer heftigen Streitszene durch das Zusammenspiel entstehen kann: „Manchmal war ich erstaunt über mich, dass ich das so spielen kann. Natürlich weiß man, dass es nur ein Spiel ist, aber ab und zu verschwimmen die Linien.“ Umso wichtiger sei das Vertrauen zwischen ihr und ihrem Filmvater gewesen. „Nach solchen Szenen haben wir uns gegenseitig immer versichert, dass alles okay ist“, erzählt die 18-Jährige. Hoch konzentriert sei die Arbeit gewesen. Standen traurige Szenen an, in denen Sinje viele Gefühle zeigen musste, habe sie sich in den Pausen zurückgezogen. „Man macht natürlich auch mal Scherze, aber das Grundgefühl der Szenen war bei mir immer vorhanden“, sagt sie.

Zum Interviewtermin in der Kölner Innenstadt erscheint Sinje alles anderes als traurig. Gut gelaunt und fröhlich ist sie, ihre blonden Haare trägt sie offen, die blauen Augen sehen aufgeweckt aus. Gerade hat sie ihr Abitur bestanden. Sie strahlt, als sie an die Fernsehpreis-Verleihung im Oktober zurückdenkt. Bis zuletzt ging sie davon aus, dass sie nur eingeladen wurde, weil ihre Filmmutter Silke Bodenbender und Waschke jeweils für ihre Hauptrollen nominiert waren. Doch auf einmal ging das Licht aus, und um sie herum baute sich eine Kapelle auf. „Dann kam ich mit dem Denken nicht mehr hinterher. Ich war nur noch perplex und voller Adrenalin“, erzählt sie. Was sie dann auf der Bühne gesagt habe, daran könne sie sich nicht mehr erinnern. Groß war die Freude über den Förderpreis auch bei ihren Eltern: „Sie waren unheimlich stolz, dass das so ein krasser guter Film ist.“

Ihre ersten Schauspielerfahrungen sammelte Sinje vor vier Jahren am Comedia Theater in Köln. Drei Kurse besuchte sie, lernte Stimmtechniken und brachte am Ende gemeinsam mit zwölf weiteren Jugendlichen das selbst geschriebene Stück „You may say I’m a dreamer“ auf die Bühne. „An diesem Theater kann man sich gut ausprobieren. Man kann neue Leute kennenlernen und Spaß haben“, sagt Sinje. Große Gedanken über das, was danach kommen könnte, habe sie sich damals nicht gemacht: „Ich wollte einfach nur spielen.“

Beide Vorstellungen wurden mit großem Applaus gefeiert. Unter den Zuschauern die Schauspielagentin Lale Nalpantoglu . Sie war begeistert von der Spielfreude der damals 15-Jährigen und sprach Sinje nach der Vorstellung an, ob sie nicht Lust hätte, in ihre Agentur zu kommen. „Das war der erste Moment, wo ich mir Gedanken darüber gemacht habe, ob ich nicht Lust auf Film hätte“, erinnert sich Sinje. Sie sagte Ja und stand wenig später für den Kurzfilm „Guck woanders hin“ zum ersten Mal vor der Kamera.

Das Thema des Filmes: sexueller Missbrauch. Die 15-jährige Janna wurde in ihrer Kindheit missbraucht. Nach einem Umzug lernt sie den gleichaltrigen Niklas kennen und erlebt den Missbrauch erneut – doch diesmal als Täterin. Ein harter Brocken für ein Debüt: „Gerade als Anfängerin war ich gar nicht so sicher, ob ich das so umsetzen kann, wie die Regisseurin das sehen will“, erzählt Sinje. Doch im Endeffekt habe die Spielfreude überwogen: „Ich glaube, ich habe das ganz gut gemacht.“

Im Sommer stand Sinje für einen weiteren ARD-Fernsehfilm vor der Kamera. In „Das Alter der Erde“ spielt sie die Tochter der Bergführerin Birthe (Ann-Kathrin Kramer), die nach dem Auszug ihrer Tochter in ein emotionales Loch fällt. Gedreht wurde in Norwegen, für Sinje ein großes Erlebnis: „Du siehst diese Häuschen, deren Dächer bewachsen sind, dieses total krasse schöne klare Wasser, das so eine ganz andere Farbe hat als bei uns.“ Ausgestrahlt wird der Film im kommenden Jahr.

Auch wenn die Schauspielerei ihr großen Spaß bringt – ob sie mal zu ihrem Hauptberuf werden wird, steht für Sinje noch nicht fest. Sie wolle sich weiter ausprobieren, ohne Stress und Erwartungsdruck: „Ich mache erst mal das, was mir Spaß macht. Und da gehört die Schauspielerei auf jeden Fall dazu“, sagt sie. Fest steht allerdings schon jetzt: Sinje ist ein Ausnahmetalent und für die deutsche Filmwelt ein großer Gewinn.

Mit dieser Folge endet unsere Serie „Morgen ein Star?“ Alle Folgen finden Sie hier.


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