06.10.2014, 06:09 Uhr

Lesenswert: „kinderfilmblog.de“ Das Trüffelschwein: Rochus Wolff sucht gute Kinderfilme


Osnabrück. Wenn sich die Frage stellt, welche Filme Kinder sehen sollten, geht es meist um Fragen des Jugendschutzes und der Pädagogik. Der Filmjournalist Rochus Wolff schreibt auf „kinderfilmblog.de“ dagegen über ästhetisch wertvolle und unterhaltsame Kinderfilme.

Im Januar 2013 startete Wolff seinen Kinderfilmblog „aus der überraschenden Feststellung heraus, dass es etwas Vergleichbares eigentlich nicht gibt“, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt. Zuvor hatte er schon zehn Jahre über Film geschrieben, erst hobbymäßig, später professionell. Seine persönlichen Erfahrungen als Vater nährten in ihm das Bedürfnis, selbst über Kinderfilme zu bloggen.

„Wir haben keinen Fernseher in der Wohnung stehen“, so Wolff. „Fernsehen als natürlichen Bestandteil des Alltags gibt es in unserer Familie nicht.“ Wolff betont allerdings, dass diese Entscheidung eine persönliche war und nicht als Maxime für das Sehverhalten aller Eltern gemeint sei. „Wir wollten vermeiden, dass Fernsehen als bequeme Ablenkung dient, wollten den Konsum bewusster gestalten.“

Bewusster Konsum heißt für Wolff: keine Dauerberieselung, sondern gezielte Filmauswahl, gemeinsames Schauen mit anschließendem Gespräch. „Mein Anspruch ist es, meinen Kindern keine langweiligen und ästhetisch furchtbaren Filme zu zeigen“, erklärt Wolff, wohl wissend, wie trocken das klingen mag.

Im Kino geweint

Deswegen schiebt er rasch eine Anekdote nach: „Ich war mal mit meinem Sohn in einem Kinofilm, und nach einer Stunde fing er an zu weinen und sagte: Papa, das ist so unglaublich langweilig! Und er hatte recht, ich war auch kurz eingenickt. Solche Situationen vermeide ich ganz gerne – auch weil ich möchte, dass meine Kinder einmal lernen, einen guten von einem schlechten Film zu unterscheiden und einfach abschalten oder rausgehen, wenn sie sich langweilen.“

Wolffs Haltung ist nicht die des erhobenen Zeigefingers, sondern eine, die Kinder zu mündigen Medienkonsumenten erziehen will. Dazu gehört für ihn auch ein Gespräch über das Gesehene, weil vieles, was Eltern nicht auffällt, bei Kindern Fragen und starke Empfindungen auslösen kann. Wieder schöpft Wolff aus seiner persönlichen Erfahrung:

„Unsere Kinder sind bei der Schlussszene vom „Dschungelbuch“, einem Film, wo man gemeinhin sagt, den kann man gut mit Kindern gucken, in Tränen ausgebrochen. Sie haben nicht verstanden, warum Mogli sich von seinen besten Freunden Baghira und Balu trennt.“

Die vielen Debatten über empfohlene Sehdauer und altersgemäße Sendungen verharren oft auf der quantitativen Ebene: wie alt, wie oft, wie lange? Wolffs Kinderfilmblog besteht im Wesentlichen aus Filmkritiken, also einer qualitativen Auseinandersetzung mit konkreten Geschichten, ihrer Erzählweise und Ästhetik. Nicht nur aktuelle Kinoproduktionen werden von ihm unter die Lupe genommen, auch unbekanntere Perlen, die der Durchschnittskinogänger kaum zu sehen bekommt. So nennt Wolff seine Seite auch selbst „Das Trüffelschweinchen unter den Filmblogs“.

„Vor einem Jahr sah es noch finsterer aus“, so Wolff über die aktuelle Situation des Kinderfilms in Deutschland. „In diesem Jahr laufen dagegen einige Filme, die interessant gemacht sind und die ich auch mit meinen Kindern ansehen würde, etwa ,Rico, Oskar und die Tieferschatten‘ , ein wirklich wunderbarer deutscher Film.“

Trotz solcher Ausnahmen ist Wolffs Fazit ein tristes: „Die schönsten Filme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, schaffen es praktisch nicht ins Kino. Das ist ein Dilemma, das nicht nur der Kinderfilm hat: dass ästhetisch anspruchsvolle und gleichzeitig unterhaltsame Filme ganz oft nicht den Verleih finden, der den Mut oder das Geld hat, sie ins Kino zu bringen und dort auch zu halten.“ Wie sich der deutsche Kinderfilm auch entwickeln mag ’ Rochus Wolff wird es auf seinem Kinderfilmblog verfolgen.


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