04.10.2014, 08:00 Uhr

„Wir sind Kumpel“ Bettina Michel: WG mit krankem Vater Rudi Assauer


Herten. Mitten im Ruhrpott. Mitten in Herten. Hinein in die Gemütlichkeit: Interview-Schauplatz ist heute das Wohnzimmer von Bettina Michel und Rudi Assauer. Richtig, der Assauer – legendärer Fußballmanager, Macho, Frauenheld und seit mehreren Jahren an Demenz erkrankt. Assauer (70) wird seit fast drei Jahren von seiner Tochter Bettina Michel betreut und gepflegt. Während der Papa gerade ein verdientes Nickerchen hält, sprechen wir mit Bettina Michel (49) über ein ganz spezielles Tochter-Vater-Verhältnis, ihr Buch „Papa, ich bin für dich da“ und über die Tatsache, dass es trotz der tückischen Krankheit im Hause Michel/Assauer noch viel zu lachen gibt.

Frau Michel, in vielen Interviews wird zuerst nach der Gesundheit Ihres Vaters gefragt. Wir machen es heute mal anders: Wie geht es Ihnen?

(lacht) Alles ist gut. Mir geht es prima, solange es auch meinem Vater gut geht. Das gehört irgendwie zusammen.

Ihr Vater lebt seit Dezember 2011 bei Ihnen. Hatten Sie in den vergangenen drei Jahren irgendwann einmal das Gefühl, dass Ihnen die Situation über den Kopf wächst?

Nein, noch nie, auch als mein Vater in den ersten drei Monaten extrem unruhig war. Wenn das so weitergegangen wäre, dann hätte man die Betreuung im Haus nur anders organisieren müssen.

Sind Sie eine gelernte Pflegekraft?

Nö. Ich mache vieles intuitiv. Und ich glaube auch, dass das für uns genau der richtige Weg ist.

Sie richten ihr ganzes Leben und Ihre Termine nach Ihrem Vater aus.

Ja, aber wenn ich will, kann ich etwas anderes machen. Ich muss mich halt nur organisieren. Das Helfer-Netzwerk mit Verwandten und Freunden ist super. Alles Menschen, die Papa akzeptiert. Ich versuche zum Beispiel, immer montags einen Saunatag einzulegen. Natürlich kann ich auch mal mit meinen Freunden essen gehen. Wir machen es aber oft so, dass die Freunde zu mir kommen, den Wein mitbringen und ich koche. Hier haben wir es gemütlich – und ich brauche für meinen Vater keine Betreuung zu suchen. Er freut sich ja auch, wenn er die anderen sieht. Wenn es ihm zu viel wird, geht er nach oben und setzt sich vor den Fernseher. Und übrigens: Manchmal bin ich einfach froh, wenn mal gar nichts ist – und ich mich auf den Sonntag freuen kann.

Weiß Ihr Vater noch, dass Sie seine Tochter sind?

Er reagiert darauf, wenn ich „Papa“ sage. Aber: Als wir bei Freunden waren, sagte der dortige Sohn zu seinem Vater „Papa“ – und mein Vater sagte „Ja?“. Dieses „Papa“ hat für ihn vielleicht gar nicht mehr die Bedeutung. Wenn ich zu ihm „Rudi“, „Herr Assauer“ oder „Herr Schnittenfittich“ sage, reagiert er auch.

„Herr Schnittenfittich“?

(lacht) Dieser Name ist irgendwann einmal entstanden, als er zu mir sagte: „Guck mal, da kommt ,Frau Schnittenfittich‘.“ Da habe ich gesagt: „Wenn ich ,Frau Schnittenfittich‘ bin, dann bist du ,Herr Schnittenfittich‘.“ Woher er diesen Ausdruck hat, weiß kein Mensch.

Zurück zum Tochter-Vater-Verhältnis.

Ja. Ich glaube, dass ich für ihn eher eine Lebenspartnerin bin. Und das ist bitte nicht falsch zu verstehen. Wir sind Kumpel und leben zusammen. Ich glaube, dass es für ihn gar nicht mehr wichtig ist, ob ich sein Kind bin. Wir sind WG-Kumpel.

Ist es in dieser speziellen Konstellation eigentlich möglich, dass Sie noch einmal eine neue Beziehung mit einem Partner eingehen?

Uns gibt es nur noch im Doppelpack. Ich passe auf meinen Vater auf, und er passt auf mich auf. Wenn ich mich verlieben sollte, dann wird man eine Lösung finden. Derjenige wird dann von meiner Situation wissen. Entweder er kann damit umgehen oder nicht. Ich würde für keinen Mann auf dieser Welt mein Wort gegenüber meinem Vater brechen, dass ich immer für ihn da bin. Meine Situation ist ähnlich wie die einer alleinerziehenden Mutter mit einem Kind. Ich habe dabei einen großen Vorteil: Wenn ich abends essen gehen will, kann ich meinen Vater mitnehmen. Kinder kann man nicht überallhin mitnehmen. Und wissen Sie was? (schmunzelt)

Nein.

Ich habe vor einigen Tagen noch zu Papa gesagt: Wer uns in 2014 nicht will, kriegt uns in 2015 auch nicht. Da hat er sich kaputtgelacht.

Das Verhältnis zu Ihrem Vater war in früheren Jahren durchaus angespannt. Sie wurden 1965 unehelich geboren, und dann...

...hatte ich fast 17 Jahre keinen Kontakt zu ihm. Als kleines Kind wollte ich mir einmal auf Schalke ein Autogramm von ihm holen. Da hat er mich angemeckert, weil mein Kugelschreiber nicht funktionierte. Ich bin gegangen, er hat mich nicht erkannt. Er hat auch gar nicht richtig geschaut. Etwas später habe ich ihm einen Brief geschrieben, dass ich ihn kennenlernen und wissen möchte, wie und wer er ist. Dann kam von ihm ein sehr kühler Brief zurück, in dem er zu verstehen gab, dass er keinen Kontakt wolle. Jeder soll doch bei seiner Familie bleiben. Er habe jetzt auch noch ein kleines Mädchen, das er sehr lieb habe – und ich sei ja glücklich und zufrieden. Daran sollten wir nicht rütteln.

Ihre Reaktion?

Dann war das Thema für mich erledigt. Ich hatte einen tollen Stiefvater, insofern hatte ich ja nichts verloren.

Wie haben Sie sich Jahre später dann doch zusammengerauft?

Im September 1980 ist mein Stiefvater gestorben – und der Papa ist Mitte Mai 1981 nach Schalke gekommen. Nach dem Tod meines Stiefvaters war ich kein einfaches Kind, das hat mich ziemlich aus der Bahn geworfen. Ich hatte kein Bock mehr, habe die Schule geschwänzt, ich bin nicht mehr pünktlich nach Hause gekommen. Meine Mutter und meine Tante haben meinem Vater davon erzählt. Ich wollte erst überhaupt keinen Kontakt, aber irgendwann bin ich dann eingebrochen – und wir haben uns im Frühjahr 1982 getroffen.

Wo?

Im Zuge meines Fachabiturs habe ich damals ein Praktikum in einem Kindergarten gemacht. Von dort hat er mich nachmittags um 16.15 Uhr abgeholt. Die Situation habe ich noch genau vor Augen. Ich war den ganzen Tag durcheinander. Meine Mutter hatte mich vorher noch in die Stadt geschickt, dass ich mir extra für diesen Termin etwas zum Anziehen kaufen konnte.

Und wie verlief die erste Begegnung?

Ich bin ins Auto eingestiegen und habe gefragt, wie wir uns denn ansprechen sollen. Da haben wir uns auf „Rudi“ und „Bettina“ geeinigt. Dann sind wir ins Restaurant des Barbarossa-Hotels nach Recklinghausen gefahren. Es war schon komisch: Als ich auf der Toilette war, hatte mein Vater sein Essen bestellt. Ich wusste nichts von seiner Bestellung – und habe dasselbe Essen mit denselben Änderungen geordert.

Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm. Was gab es denn?

Gedünsteten Lachs mit einer leichten Sauce, nicht mit Rahmspinat, sondern mit Blattspinat und Kartoffeln. Alles halt in der leichteren Variante.

Dann brach nach und nach das Eis?

Ja. Beide mit dem gleichen Dickkopf. Beide mit hartem Kern und weicher Schale. Mit allen Höhen und Tiefen. In den entscheidenden Momenten haben wir immer zusammengehalten. Er hat mich nicht versteckt, und die Leute wussten, dass ich seine Tochter bin. Irgendwann rutschte mir im Auto auch das „Papa“ heraus. Sehr zu seiner Freude.

Und nun ist der „Papa“ bei Ihnen. „Jeder Tag ist eine Wundertüte“, schreiben Sie in Ihrem Buch. Gewähren Sie uns Einblicke in diese „Wundertüte“.

Wir sind täglich 24 Stunden zusammen. Ich kann meinen Vater schon „lesen“. Wenn ich morgens in sein Zimmer komme, kann ich beim ersten Anblick schon Rückschlüsse auf die Tagesform ziehen. In der Regel merke ich es dann beim Frühstück: Wie funktioniert die Motorik? Weiß er, wie er das Brot in die Hand nehmen soll? Je nachdem bleiben wir an schlechteren Tagen dann einfach zu Hause. Diese schlechteren Tage gab es anfangs sehr oft, heute sind sie vergleichsweise gering. Als mein Vater zu mir gekommen ist, hätte ich diese positive Entwicklung nicht vorausgeahnt. Wir haben ja ein Attest, dass er eine schnell fortschreitende Demenz hat. Unser Arzt Dr. Stefan Spittler ist ebenfalls beeindruckt und sagte wortwörtlich zu mir: „Ich weiß nicht, was du machst. Aber du machst alles richtig. Wenn ich es mal bekomme, dann möchte ich gerne von dir gepflegt werden.“ Ich gehe mit meinem Vater raus, wir gehen zum Fußball, wir nehmen am öffentlichen Leben teil. Und er kann mich noch ähnlich „lesen“ wie ich ihn, er ist total feinfühlig. Wenn es mir schlecht geht oder ich krank bin, dann spendet er mir Trost.

Wie sieht es mit dem Laufen aus?

Als er zu mir gekommen ist, hatte er diese für Demenzpatienten typischen Tippelschritte gemacht. Jetzt läuft er ganz normal. Er kann noch Treppen steigen – sogar mit den Händen in der Tasche. Ich muss ihn immer ermahnen, dass er sich bloß festhält. Auch wenn es dabei mir und den anderen schwerfällt: Mein Vater braucht klare Ansagen, manchmal auch in einem härteren Ton. Er fühlt sich dann sicherer und ist überhaupt nicht böse. Er lächelt und macht die Dinge, die wir von ihm verlangen. Und manchmal helfen insbesondere die Ansagen, die aus der Welt des Fußballs kommen, so komisch sich das anhört – zum Beispiel: „Wenn du jetzt nicht schläfst, dann gehe ich rüber zum Trainer und verpetz dich. Jetzt ist Schluss, du sitzt noch nicht mal auf der Bank, sondern auf der Tribüne.“ Diese Ansagen kommen hundertprozentig an.

Was ist vom früheren Macho und Genießer Rudi Assauer geblieben?

Er geht nicht in die Küche. In dieser Hinsicht ist vieles so wie früher. Da konnte man Hinkelsteine an ihm vorbeischieben, ohne dass er gefragt hätte, ob er helfen könne (schmunzelt). Ansonsten: Er legt weiterhin großen Wert auf sein Äußeres, das Haar muss liegen, nirgendwo darf eine Fluse sein. Er war und ist ein Genießer: Fußball, der Blick für schöne Frauen, Zigarre, Bierchen. Warum soll ich ihm das nehmen?

Wenn die Krankheit Ihres Vaters weiter voranschreitet: Denken Sie auch über die Alternative „Pflegeheim“ nach?

Nur in dem Moment, in dem mir jemand sagt, dass ich die Pflege zu Hause aus medizinischer Sicht nicht mehr verantworten könne. Derzeit funktioniert das Netzwerk bestens. Sollte er bettlägerig werden, gibt es noch viele Möglichkeiten. Ich habe ihm versprochen, dass ich für ihn da bin – und das gilt.

Sie haben eine Dankseite in Ihrem Buch, auf der es auch heißt: „An alle, die sich aus meinem Leben verabschiedet haben: Danke, ihr fehlt mir nicht.“ Um welche Personen handelt es sich?

Freunde, die sich im Nachhinein eben nicht als Freunde erwiesen haben. Bei dem einen oder anderen gibt es auch einen familiären Hintergrund. Danke, auf Wiedersehen! Ich habe ein Elefantengedächtnis: Diese Menschen existieren für mich nicht mehr.


Bettina Michel wird am 3. Juli 1965 in Herten geboren. Das uneheliche Kind von Fußballstar Rudolf „Rudi“ Assauer und Mutter Sonya lernt ihren leiblichen Vater erst viele Jahre später kennen. Bettina Michel wächst bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater Wendelin Michel auf. Nach ihrem Fachabitur in der Sozialpädagogik entscheidet sie sich gegen ein entsprechendes Studium – und absolviert in Dortmund eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. In diesem Beruf ist sie viele Jahre tätig. Ihr Vater Rudi Assauer erkrankt an Demenz. Er geht mit dieser Krankheit an die Öffentlichkeit – und zieht im Dezember 2011 zu seiner Tochter Bettina Michel. Seitdem pflegt sie ihn rund um die Uhr. Im September 2014 erscheint ihr Buch „Papa, ich bin für dich da – Wie Sie Demenzkranken helfen können“ (mvg Verlag).

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