28.08.2014, 17:00 Uhr

„Mann/Frau“ Christian Ulmen erklärt das Geschäftsmodell der Web-Serie

„Mann/Frau“ läuft erst im Netz und dann im Fernsehen: Christian Ulmen geht für den Bayerischen Rundfunk neue Wege. Foto: dpa„Mann/Frau“ läuft erst im Netz und dann im Fernsehen: Christian Ulmen geht für den Bayerischen Rundfunk neue Wege. Foto: dpa

Osnabrück. Der BR startet die Web-Serie „Mann/Frau“ von Christian Ulmen. Der Produzent erklärt, wie man mit Fernsehen im Internet Geld verdient.

Herr Ulmen, der TV-Nachwuchs lebt seine Kreativität heute bei Youtube aus. Richtig?

Stimmt. Als Publikum bin ich dafür zu alt, aber es ist genau das, was wir beim Musikfernsehen gemacht haben. Youtube ist das neue MTV. Dieses kleine, vor der Webcam hingefrickelte Programm hat zu Recht so viele Zuschauer. Es ist ganz einfach gut gemacht, wenn ich zum Beispiel an Leute wie LeFloid denke.

Ihre Formate haben bei Youtube eigenartigerweise ganz wenige Klicks. Gucken die User wirklich alle bei ulmen.tv?

Formate wie „Mein neuer Freund“ funktionieren bei Youtube sogar sehr gut. Damit hatten wir regelmäßig über eine Million Zugriffe. Irgendwann haben wir alle meine Sachen bei Youtube gelöscht, weil wir es exklusiv bei ulmen.tv haben wollten. Vor ein paar Wochen erst haben wir uns noch einmal umentschieden. Jetzt stellen wir es alles wieder ein und vermarkten es gemeinsam mit Youtube. Aber zurzeit ist es noch das alte Zeug und deshalb natürlich nicht stark nachgefragt. Als wir „Who wants to fuck my girlfriend“ auf ulmen.tv gestartet hatten, haben wir regelmäßig 1,5 Millionen Views im Monat erreicht.

Erste Eindrücke von Ulmens Webserie „Mann/Frau“ ››

Und wie vermarkten Sie Ihre Formate jetzt?

Ulmen.tv ist nicht mehr exklusiv; wir haben Deals mit Youtube,LeFloidYahoo Screen , Dailyme und einigen anderen Portalen und werden nach einem bestimmten Schlüssel an den Werbeeinnahmen dieser Seiten beteiligt. Ulmen.tv läuft gut, wenn neue Formate sowieso gerade im Gespräch sind, zum Beispiel, weil gerade darüber berichtet wird. Es kommt aber keiner auf ulmen.tv, nur weil er Lust auf Videos hat. Diese Laufkundschaft gibt es nur bei Youtube, und da wollen wir sie auch dann erreichen, wenn es gerade nichts ganz Neues gibt. Unsere Strategie ist also, auf allen Portalen präsent zu sein, um am täglichen Traffic zu partizipieren.

Ärgert es Sie, dass es ohne Google nicht geht?

Wir sind vor vier Jahren mit der größenwahnsinnigen Vision angetreten, das neue Youtube zu werden. Das hat leider nicht funktioniert. Wir müssen uns den Sehgewohnheiten beugen.

Die Angst, dass junge Leute nur noch Youtube gucken, teilen Sie mit den Fernsehanstalten.

Ich habe gar keine Angst; ich finde das völlig in Ordnung. Das Fernsehen hat zu Recht Angst, deshalb wird es online ja auch selbst aktiv. Wir haben gerade für den Bayrischen Rundfunk die Webserie produziert: „Mann/ Frau“. Die wird ab dem 12. September auch im linearen Fernsehen laufen, ist aber fürs Netz konzipiert. Ich glaube auch nicht, dass die Kanäle sich kannibalisieren. Es wird immer Free-TV oder allgemein lineares Fernsehen geben, und das wird auch weiterhin geguckt. Aber es gibt eine große neue Zielgruppe für Video-on-Demand. Man verpasst als Fernsehsender ein spannendes Geschäftsfeld, wenn man nicht online geht. Das begreifen langsam alle.

Woran merken Sie das?

Wir spüren das in unseren Verhandlungen. Als wir mit ulmen.tv angefangen haben, konnten wir den Fernsehsendern unsere Sachen als Zweitverwertungslizenz verkaufen. Denen war es völlig wurscht, ob wir das vorher ins Netz stellen. Inzwischen wissen die Sender: Wenn es zuerst im Netz steht, guckt es später keiner mehr. „Who wants to fuck my girlfriend?“ hatte im Netz 1,5 Millionen Abrufe – und bei Tele 5 dann nur noch 60000 Zuschauer. Das Geschäftsmodell ist tot.

Gucken Sie selbst noch lineares Fernsehen? Oder DVDs? Video on Demand? Raubkopien?

Raubkopien gucke ich nicht. DVDs eigentlich auch nicht. Am meisten Video-on-Demand, das macht vielleicht 90 Prozent meines Fernsehkonsums aus. Ich setze mich nicht mehr zu einer bestimmten Zeit vor den Fernseher, weil gerade irgendwas läuft. Aber ich zappe immer noch gerne rum.

Fernsehen gilt als Bürokraten-Moloch. Wie konnte einer wie Sie darin gedeihen?

Ich bedaure, dass ich die wilden Zeiten des Privatfernsehens verpasst habe. Als Tele5 entstand, als RTL von Luxemburg aus groß wurde, war ich noch beim Offenen Kanal in Hamburg . Und die heute durch und durch professionalisierten Sender haben damals genauso gearbeitet wie wir, auf abgelegenen Fabrikgeländen, mit kleinen Mitteln, bei denen die Inhalte dann umso besonderer sein mussten, um zu unterhalten. Als ich dann mitmischen durfte, war das Fernsehen erwachsen, uniformiert und formatiert. Bei MTV haben wir auch noch mit wenig Aufwand Krawall gemacht. Aber jetzt muss man bei großen Sendern auch eine große Show machen. Mir liegt das Kleine viel mehr. Ich möchte auch gern Millionen Zuschauer haben, aber entstehen soll es als Bastelarbeit irgendwo in einer stillgelegten Fabrik. Das macht viel mehr Spaß als Millionen-Euro-Produktionen in riesigen Studios mit Live-Publikum und Kamerakran. Der Quatsch, den wir früher gemacht haben, hat in Deutschland leider keine breite Lobby.


0 Kommentare