11.08.2014, 08:00 Uhr

Dudelfunk für Millionen Das Formatradio sortiert sogar Robbie Williams aus

Sogar Songs von Pop-Superstar Robbie Williams scheiterten an ihrer mangelnden „Durchhörbarkeit“ und werden im Formatradio aussortiert. Foto: ImagoSogar Songs von Pop-Superstar Robbie Williams scheiterten an ihrer mangelnden „Durchhörbarkeit“ und werden im Formatradio aussortiert. Foto: Imago

Osnabrück. Dieselben Songs, die gleichen Witze, und zwischendurch Wetter und Verkehr: In Deutschland regiert das Formatradio, und das schon seit Jahren. Doch wieso einigen sich Millionen Menschen auf ein Programm ohne Anspruch und Abwechslung?

Obwohl Robbie Williams 2004 der größte Popstar der Welt war und sein letztes Album Radio-Dauerbrenner wie „Feel“ enthielt, boykottierten zahlreiche deutsche Sender seine neue Single – die übrigens „Radio“ hieß. Laut Hörerbefragungen war der Song nicht eingängig genug, die meisten Musikredakteure dürften aber auch von alleine zu diesem Schluss gekommen sein. Offiziell heißt es in solchen Fällen: „Der Song passt nicht zu unserer Anmutung“, während man inoffiziell sagt: „Da fällt doch der Putzfrau das Bügeleisen aus der Hand!“

Im Grunde erklärt allein dieses Beispiel das Wesen des Formatradios. Die Verantwortlichen tun alles, um einen Klangteppich zu knüpfen, in dem schräge Töne nichts zu suchen haben. Das Zauberwort heißt „Durchhörbarkeit“, und der werden auch Hausgötter wie Robbie Williams geopfert. Um das ganze Phänomen zu definieren: Wenn die Musik vorbeiplätschert, die Morgenshow-Moderatoren unfassbar gut gelaunt sind, ihre Nachmittags-Kollegen in jedem Satz das Wort „Feierabend“ benutzen, wenn Werbung, Wetter und Verkehr stets zur selben Zeit kommen und auch noch Hörer mit kindlichem Stolz mitteilen, dass sie einen Blitzer entdeckt haben – dann nennt man das Formatradio.

„Antenne Niedersachsen“ , „Radio ffn“ und praktisch alle anderen deutschen Privatsender machen Formatradio. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist nicht durchformatiert, Sender wie NDR 2 aber verlassen die Niederungen des Dudelfunks auch erst in den Abendstunden.

Doch was bringt täglich Millionen Menschen dazu, sich von dem immer gleichen UKW-Brei einlullen zu lassen? Am besten fragt man die Hörer selbst, auch wenn die Antwort auf den ersten Blick unbefriedigend wirkt. Die Marktforscherin Sabine Haas hat in zahlreichen Umfragen festgestellt, dass „der Einschaltimpuls oft so unbewusst ist“, dass die Menschen die Frage danach, warum sie Radio hören, meist nur mit den Worten „Das ist halt so, es gehört dazu“ beantworten.

Das Radio ist laut Sabine Haas für die meisten Menschen eine Art treuer Begleiter durch den Tag, der vor allem dafür sorgt, dass man sich nicht alleine fühlt. Mit demselben Anspruch kaufen sich viele ein Haustier – und unlängst hörte der Verfasser dieses Textes von einem Experten, der Großteil der Familien hätte am liebsten einen Hund, den man abends ausschalten kann. Ob Haussender oder Haustier, beide sollen vor allem keine Ansprüche stellen. Die Universalbegründung lautet: „Stress habe ich schon auf der Arbeit genug!“

Eine Gesellschaft, die sich in großen Teilen ständig überfordert fühlt, will offenbar nichts anderes als ein bisschen Nickelback, ein bisschen Telefonscherze und morgens etwas zu laut angesprochen werden, damit sich die Restmüdigkeit verflüchtigt.

Aber warum glauben so viele, Entspannung nur in der völligen Unterforderung zu finden? Die Psychologie weiß längst, dass sich passive und aktive Erholung abwechseln sollten. Und wer einmal im Auto ein tolles Hörbuch gehört hat, der will dieses Erlebnis immer wieder haben und verzichtet auf den Dudelfunk.

Doch die meisten Menschen kommen gar nicht auf die Idee, das Begleitmedium Nummer eins infrage zu stellen. „Das Radio ist stark verwoben mit Alltagstätigkeiten wie Hausarbeit oder Autofahren“, sagt die Münsteraner Kommunikationswissenschaftlerin Jutta Röser. Große Entscheidungen wolle bei diesen Tätigkeiten niemand treffen. Der Staubsauger läuft, der Motor läuft – der Dudelfunk läuft. Das Formatradio, für viele die vertonte Hölle, ist der kleinste gemeinsame Nenner.

Weil aber die Konkurrenz so groß ist, tun die Sender alles, um die Hörer eng an sich zu binden. Oder zumindest, um die Hörer eine solch enge Bindung behaupten zu lassen. In Deutschland wird die Radioquote zweimal jährlich per Telefonumfrage ermittelt. Da die Sender um die Macht der Wiederholung wissen, erzählen sie wieder und wieder und wieder, dass sie die größten Hits der 80er und 90er und das Beste von heute spielen. Ob es stimmt oder nicht, irgendwann glaubt es der Hörer und erzählt es dem Marktforscher.

Dass viele Sender kurz vor der Erhebung der Radioquoten in Gewinnspielen enorme Summen verteilen, ist natürlich kein Zufall. Üblich ist es auch, dass Musik und Moderatorenstimmen technisch aufgepumpt werden, weil das Ohr nach sattem Sound verlangt. Im richtigen Leben klingt mancher Moderator deshalb wie eine Testversion seiner selbst.

Insgesamt aber reden Radio-Moderatoren immer weniger, zu viel Gequatsche stört im Klangteppich. Das gilt nicht nur für die Privaten, sondern auch für die Sender der ARD. Schon 1995 beklagte der Schriftsteller Jurek Becker im „Spiegel“ den Niedergang des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Seine wichtigste These: „Nichts fördert die allgemeine geistige Bedürfnislosigkeit so gründlich wie ein Programm, dessen oberster Grundsatz es ist, sich nach den durchschnittlichen geistigen Bedürfnissen zu richten.“


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