13.07.2014, 11:02 Uhr

Packende Reportage Montag in der ARD: Für Hacker ist nichts unmöglich


Osnabrück. Kann man Autos, Schiffe und Flugzeuge hacken und über den Bordcomputer quasi von außen unter Kontrolle bringen? Die Reportage „Im Visier der Hacker“, die Klaus Scherer und Rudolph Herzog für die ARD-Reihe „Die Story im Ersten“ drehten, legt dies zumindest nahe. Sie ist spannend wie ein Krimi.

Es sind erschreckende, gespenstische Bilder aus dem nächtlichen Los Angeles, die zu Beginn des Films über den Bildschirm flimmern . Ein Mercedes der Luxusklasse ist mit extrem hoher Geschwindigkeit über eine schnurgerade Straße und schließlich gegen einen Baum gerast. Überwachungskameras zeigen später drei Explosionen, der Motorblock wird Dutzende Meter vom Fahrzeug fortgeschleudert, im lichterloh brennenden Wrack stirbt der Fahrer. Die Ursache des verheerenden Crashs bleibt rätselhaft, das ganze Unglück höchst brisant.

Denn bei dem Opfer handelt es sich um den US-amerikanischen Enthüllungsjournalisten Michael Hastings, dessen Tod im Sommer letzten Jahres nicht nur in den USA hohe Wellen schlug. Schließlich hatte der Mann mächtige Feinde – eine seiner Geschichten hatte den US-Oberbefehlshaber in Afghanistan, Stanley McChrystal, seine militärische Karriere gekostet. Am 18. Juni 2013 schreibt Hastings eine Mail an Freunde: „Ich bin an einer großen Story und muss für eine Weile abtauchen.“ 15 Stunden später ist er tot.

Klaus Scherer ist seit vielen Jahren ein Aushängeschild der ARD und des NDR. Er war lange Fernost-Korrespondent und Studioleiter in Tokio, berichtete von 2007 bis 2012 aus Washington und den USA. Keiner, der zu Verschwörungstheorien neigt. Doch der Fall Hastings hat auch ihn stutzig gemacht. „Ich behaupte nicht, dass es ein Hackerangriff war“, sagt der 53-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ohne Richard Clarke als Kronzeugen wären wir nicht auf dieses Eis gegangen.“ Doch dessen Aussagen haben es in sich.

Richard Clarke hat sowohl Bill Clinton als auch George W. Bush und Barack Obama in Sicherheitsfragen beraten, Scherer kennt ihn aus seiner Korrespondentenzeit in Washington und entlockt ihm nun eine brisante Einschätzung zur Todesfahrt des Michael Hastings: „Du hackst den Bordcomputer, löschst deine Spuren, es bleibt kein Beweis.“ Der Crash in Los Angeles sei „genau die Art Unfälle, die Hacker auslösen können“. Und: „Das ist ja für Kriminelle und Geheimdienste das Schöne an Autohacks – es gibt keine Beweise.“

Keine Beweise, keine Ermittlungen, keine Anklage. Die US-Behörden sehen im Fall Hastings keine Hinweise auf ein Fremdverschulden, Hersteller Mercedes lehnt es sowohl ab, mit den Ermittlungsbehörden in Verbindung zu treten, als auch Klaus Scherer vor der Kamera ein Interview zu geben. Da ist man nicht allein, denn auch Airbus geht beim Thema Hacker-Kriminalität in die Defensive.

„Natürlich fürchten Firmen, Kunden zu verlieren, wenn sie offen einräumen, dass Hacker sie schädigten oder das könnten – ob das nun Banken sind, Auto- oder Flugzeugbauer“, sagt ARD-Reporter Scherer. Das sei ja auch nicht ganz unbegründet: „In der Autobranche beginnt gerade ein Wettlauf um milliardenschwere Zukunftsmärkte. Die kooperieren mit Online-Giganten wie Apple oder Google und bewerben in durchdesignten Clips das Auto als rollende Computerplattform, die ihnen auf Zuruf die Speisekarten der umliegenden Lokale aufs Display zaubert. Da kommen Reporter, die nach Schwachstellen fragen, nicht sehr gelegen.“

Also lässt sich Scherer von amerikanischen Wissenschaftlern zeigen, wie leicht man beispielsweise mit einem Laptop die Kontrolle über einen Toyota (Werbeslogan „Nichts ist unmöglich“) übernehmen und den Fahrer quasi außer Gefecht setzen kann. Der spanische IT-Experte und ausgebildete Pilot Hugo Teso demonstriert anhand einer Drohne, dass man auch von außen ins Cockpit eines Flugzeugs eindringen kann. Und in Griechenland gelingt es Hackern, eine Jacht vom Kurs abzubringen. Dass es auch möglich ist, das Garagentor oder die Herdplatte des Nachbarn zu manipulieren, erscheint da eher wie eine harmlose Spielerei.

Immerhin wird Jörg Handwerk von der Pilotenvereinigung Cockpit deutlich: Er findet es „beeindruckend, wie schlecht die Systeme geschützt sind“, und fordert: „Es muss dringend etwas geschehen.“

Schwarzmalerei will Scherer dennoch nicht betreiben. Ihm geht es auch darum, „eine Trendwende abzubilden: Die ersten Topmanager sagen mittlerweile, es mache keinen Sinn mehr, die ganze Sicherheitsdebatte runterzuspielen und zu sagen, es sei schon alles okay. Seit man durch die NSA weiß, was Geheimdienste alles können und auch machen, glaubt das eh keiner mehr.“ Ihm zufolge sind sämtliche 30 Dax-Unternehmen von Cyber-Spionage betroffen „und kriegen auch keine Firewall mehr hin, die die Spione außen vor hält. Die sind schon drin, man muss sie innen suchen und ihnen Stolperfallen bauen.“

Wie ernst die Mächtigen der Welt mittlerweile die Hacker-Gefahr nehmen, zeigt des Fall des früheren US-Vizepräsidenten Dick Cheney: Der ließ seinen Herzschrittmacher speziell absichern, damit seine Feinde ihn nicht hacken und den Politiker damit umbringen können.

Die Story im Ersten: Im Visier der Hacker, ARD, Montag, 22.50 Uhr.


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