27.06.2014, 03:35 Uhr

Meilenweit am Mainstream vorbei „SWR2 Forum“ - die beste Talksendung im Radio

Eine Moderatorin, drei Gäste, in diesem Fall (von links): Ex-Bischöfin Margot Käßmann, Ursula Nusser (SWR), Gerhard Feige (Bischof von Magdeburg), Heike Schmoll (FAZ). Foto: SWREine Moderatorin, drei Gäste, in diesem Fall (von links): Ex-Bischöfin Margot Käßmann, Ursula Nusser (SWR), Gerhard Feige (Bischof von Magdeburg), Heike Schmoll (FAZ). Foto: SWR

Osnabrück. Wenn sich Qualität stets durchsetzen würde, müsste man dieses Radioformat nicht mehr bewerben. Deshalb: Das „SWR2 Forum“ ist die mit Abstand beste Talksendung im deutschen Rundfunk. Wer in gesellschaftlichen Debatten mitreden will, bekommt hier die Argumente.

Am vergangenen Montag stand im „SWR2 Forum“ „Der Tübinger Vertrag und seine Folgen“ auf dem Programm, an diesem Freitag: „Godot lässt grüßen – worauf warten wir (noch)?“ Seien wir ehrlich: Die meisten Menschen würden lieber einem Presslufthammer zuhören als einer Radiosendung mit diesen Themen.

An jedem Werktag sendet der Südwestrundfunk die Sendung „SWR2 Forum“, darin sprechen wechselnde Moderatoren 45 Minuten lang mit meist drei Gästen über ein Thema. Abseitige Sujets wie der oben erwähnte Tübinger Vertrag haben unbedingt ihren Platz – Fremdwörter wie Sujet ebenso. Das „SWR2 Forum“ sendet damit meilenweit am Mainstream vorbei. Entgegen der Meinung mancher Wichtigtuer ist das alleine zwar noch kein Ausweis von Qualität. Diese Sendung allerdings ist tatsächlich zu gut, um massenkompatibel zu sein.

Ohne Belege bliebe so eine These hohl und zu steil, also betrachten wir exemplarisch die Sendung „Müssen Kinderbücher politisch korrekt sein?“ vom 25. Januar des vergangenen Jahres. Damals tobte gerade die Debatte um Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“, aus deren zukünftigen Ausgaben der Verlag das Wort „Neger“ löschen wollte. Befürworter dieser Verfahrensweise haben es leicht, sie nennen das Wort diskriminierend und sind damit moralisch unangreifbar. Der gemeine Gegner politisch korrekter Sprache wiederum macht es sich meist nicht schwerer, gerne verweist er giggelnd auf „Schaumküsse mit Migrationshintergrund“ und darauf, wie lächerlich das alles sei.

Schlaumeierei

Da klingt es wie Engelsgeläut, wenn Moderator Burkhard Müller-Ullrich im „SWR2 Forum“ folgende These formuliert: „Im Grunde versucht man durch das Löschen dieser Wörter doch, Texte in eine künstliche Zeitlosigkeit zu versetzen. Das, was eine Art Treue zu sich selbst bedeutet, wird eliminiert zugunsten einer jederzeitigen Aktualisierbarkeit der Außenhaut des Textes.“ Spräche Moderator Müller-Ullrich durchgehend in diesem Ton, müsste man ihn natürlich gestelzt nennen. Er tut es aber nicht. Zwischendurch mal so eine herrliche Schlaumeierei für die Connaisseure, ansonsten lauter klar formulierte Fragen und Aussagen voller Scharfsinn.

Die Sendung über politisch korrigierte Kinderbücher gerät überhaupt zu einer Welle der Erkenntnis. Auf die genannte These des Moderators antwortet Ulrich Störiko-Blume, Leiter des Hanser-Kinderbuchverlages: Texte wie „Die kleine Hexe“ oder auch „Pippi Langstrumpf“ würden durch Löschung des Wortes Neger zwar nicht zeitlos, allerdings zeitgemäß gemacht. „Und so kann man vielleicht mit dem neuen Golf vorgehen. Hier handelt es sich aber nicht um Konsum-, sondern um Kulturgüter.“ Später verweist er darauf, dass es schlimme Wörter wie Neger nur deshalb gibt, weil es auch schlimme Verhältnisse gab. „Und indem wir die Wörter ausradieren, können wir vielleicht ein paar Kinder täuschen. Aber wir können doch die Geschichte nicht verändern!“

Fazit: Die Redaktion des „SWR2 Forums“ um Leiterin und Moderatorin Ursula Nusser hat sich das Ziel gesetzt, Orientierungswissen durch Diskussion zu bieten. Dieses Ziel erreicht die Sendung praktisch immer. Und neben den exotischen finden im „SWR2 Forum“ natürlich auch die drängenden Themen statt, am Donnerstag dieser Woche ging es etwa um die Frage: „Funktioniert die Bundeswehr als Freiwilligenarmee?“

Beeindruckend ist auch die hohe Kompetenz der wechselnden Moderatoren. Manchmal erwecken sie den Eindruck, als hätten sie über das jeweilige Thema promoviert und würden nun aus reiner Neugier auch noch andere Meinungen dazu hören. Eine rhetorische Offenbarung ist außerdem Moderator Reinhard Hübsch.

Ein paar gute Talksendungen mit mehreren Gästen zu einem festen Thema hat übrigens seit Jahren auch der Deutschlandfunk zu bieten. In einem Format wie „Kontrovers“ dürfen allerdings auch Hörer mitdiskutieren – und leider ist die Stimme des Volkes meist zu laut und zu betroffen. Ständige Empörung tut keiner Diskussion gut.

Auch deshalb ist das „SWR2 Forum“ so großartig: Weil der Laie hier einfach mal nicht zu Wort kommt. Um dem Niveau dieser Sendung zu entsprechen, muss man nun mindestens mit Shakespeare schließen: „Gefährlich, das, wenn Kleingeist-Kreaturen sich zwischen Stoß und glühnde Degenspitze machtvoller Gegner stelln.“

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