10.05.2014, 15:28 Uhr

Sportreporter aus Metall und Plastik Roboter-Journalismus hält in Redaktionen Einzug

Roboter können nicht nur Fußball spielen, sondern auch darüber berichten. Foto: ImagoRoboter können nicht nur Fußball spielen, sondern auch darüber berichten. Foto: Imago

Berlin. Immer häufiger ist in den Medien vom Roboter-Journalismus die Rede. Dahinter verbergen sich ausgeklügelte Algorithmen, die Meldungen schreiben können. Größere Texte überlassen sie aber weiterhin den Journalisten.

Und die Pulitzerpreise gehen an Asimo, ACDROID, Flobi, WABOT-1 und HRP-4c. Nein, keine Sorge, so weit ist es noch lange nicht, aber seit Monaten geistert das Schlagwort vom sogenannten Roboter-Journalismus durch Presse und Fachmedien. Dahinter verbergen sich allerdings keine Humanoiden, die künftig Öl statt Kaffee schlürfend im Newsroom der Zeitungsverlage sitzen, sondern ausgeklügelte Algorithmen, die schon jetzt die Arbeit in den Redaktionen bereichern.

So werden etwa bei der „Los Angeles Times“ über quakebot seismische Daten automatisch in kleine Meldungen umgewandelt, wenn die Erde bebt. Das Start-up „automated insights“ analysiert die für Menschen nicht verstehbaren Big-Data-Volumen in Sekundenschnelle und macht daraus kurze Textmeldungen, die unmittelbar via E-Mail, Twitter oder wie es der Kunde eben wünscht weitergegeben werden. Ähnlich wertet auch das US-amerikanische Unternehmen „Narrative Science“ Millionen Börsendaten, Wetterstatistiken, Tweets oder Immobilien-Excel-Tabellen aus und verwandelt diese in semantisch sinnvolle und dadurch erst menschenlesbare Texte. Und das zu relativ günstigen Preisen von umgerechnet unter zehn Euro pro durchschnittlich langen Nachrichtentext.

Eine unschlagbar kostengünstige Alternative zum Volontär oder freien Mitarbeiter, der immerhin noch sein eigenes Essen, Trinken und die Wohnungsmiete von den Honoraren bestreiten muss. Nach solchen Vorbildern hat das Berliner Unternehmen Text-on nun zusammen mit dem Fraunhofer-Institut ein Robot-System entwickelt, das aus dem statistischen Material von Fußballspielen, wie viele Ecken, wie viel Ballbesitz, welche Torbilanz bei welchem Spieler, eigene Textmeldungen erstellt. Und das auch bis in die bislang medial kaum beachteten Regionalliegen hinein. Denn sehr große Datenmengen können preiswert und sehr schnell verarbeitet werden. Solche Robot-Systeme sind daher künftig gerade auch für kleinteilige und sehr spezielle Interessenten sinnvoll einsetzbar. So gibt es allein in Deutschland rund 1100 börsennotierte Unternehmen, von denen die wenigsten in den täglichen Börsennachrichten etwa der großen Sender auftauchen. Aber hinter jedem Unternehmen stehen Kleinanleger, die im Minutentakt informiert werden wollen, ob und wie ihre Aktie steigt oder sinkt.

„Es ist natürlich kein Interview, keine Reportage, es hat keine Farbe so wie die großen journalistischen Formate oder gar ein Kommentar. Natürlich hat die Maschine keine Meinung. Aber den Kern des Journalismus, die wertfreie Nachricht, das kann der Roboter, sofern die Grundlage Daten und Zahlen sind“, sagt Cord Dreyer , Geschäftsführer bei Text-on.

In der Medienbranche zeichnet sich aufgrund neuer technischer Möglichkeiten ein Trend ab. So war auf dem gerade zu Ende gegangenen europäischen Zeitungskongress in Wien viel von den Redaktionen der zwei Geschwindigkeiten die Rede. Einerseits besinnen sich Verlage wieder auf ihre alten Stärken. Zeitungen und Magazine werden verstärkt dort wieder abonniert, wo Leser auch ein Mehr an Information erwarten dürfen. Große Reportagen, aufwendige Analysen, acht- bis zehnseitige Dossiers, an die sich mittlerweile auch kleinere Zeitungen heranwagen. Redakteure werden zunehmend für aufwendige Hintergrundrecherchen freigestellt, weil diese sich immer besser verkaufen und der lesefreudige Kunde es wünscht. Daneben läuft aber auch weiterhin das kleinteilige und schnelle Nachrichtengeschäft. Und das besteht nur allzu oft aus nackten Zahlen und Statistiken, die in kurze Meldungen einfließen.

„In den Newsrooms müssten Teams sitzen, die einerseits aus Datenspezialisten bestehen und andererseits aus Journalisten, die diese visualisierten Daten dann eben auch bewerten und kommentieren können“, meint Mirko Lorenz von Datawrapper, das von der Akademie Berufliche Bildung der deutschen Zeitungsverlage e.V. (ABZV) entwickelt wurde. Datawrapper verwandelt Excel-Tabellen in interaktive Diagramme. Journalisten können sich mithilfe dieses Tools auf die Bewertung der Daten konzentrieren.

Roboter in Redaktionen sind also keine Science-Fiction, sondern Alltag. So bietet das Berliner Start-up Retresco unter anderem auch für diese Zeitung Lösungen für die Suchmaschinenoptimierung an. Die richtige In-Text-Verlinkung ist wichtig, damit die Seite noz.de von Google und anderen auch gefunden und möglichst hoch bewertet werden kann. Diesen Text hat aber immer noch ein echter Mensch aus Fleisch und Blut geschrieben. Nur das muss nicht ewig so bleiben, denn Robot-Systeme funktionieren immer raffinierter, prophezeit Johannes Sommer von Retresco: „Im Jahr 2020 werden wir nicht mehr unterscheiden können, ob eine Sportnachricht aus der Kreisliga B meines 15-jährigen Sohnes von einer Maschine geschrieben wurde oder einem Redakteur.“


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